Wirtschaft

Wirtschaft in Deutschland und auf dem Acker

Zwei Bücher aus dem Bereich Wirtschaftsgeographie. Beides sind Lehrbücher, die einen Überblick verschaffen: Der Sammelband aus dem Spektrum-Verlag ist zugleich ein Buch der Regionalen Geographie, geht es doch um den Raum namens "Deutschland". Die Autoren Klohn und Voth befassen sich allgemeiner (dafür spezialisiert auf einen Teilbereich) mit der Geographie der Landwirtschaft.

Wo gibt’s welche Wirtschaft in der BRD?

Im von Kulke herausgegebenen Sammelband geht es um die verschiedenen Branchen der Wirtschaft in Deutschland, ihre Standorte und ihre "Raumwirksamkeit", wie es in der Geographie heißt. Allgemeine Übersichten über den sektoralen Wandel von der Agrar- über die Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft, regionale Ungleichheiten und Arbeitsmärkte in der Bundesrepublik leiten den Band ein. In einzelnen Kapiteln lässt sich anschließend etwas über die Sektoren und Branchen der Wirtschaft in Deutschland erfahren: Von der Landwirtschaft über die Bekleidungsindustrie, High-Tech-Regionen und Verkehr bis hin zur Tourismuswirtschaft und ihrer Bedeutung.

Viele bunte thematische Karten, Abbildungen und Diagramme helfen beim Verständnis und schaffen eine gute Übersicht. Das fachsprachliche Niveau ist nicht zu hoch, aber trotzdem nicht bis zur Entstellung didaktisch reduziert, sodass auch OberstufenschülerInnen mit dem Lehrbuch gut zurechtkommen müssten. Für die Vorbereitung auf das Staatsexamen in Bayern bietet das Buch mit seinen knapp 360 Seiten einen einführenden Überblick, der für sich allein aber leider noch zu oberflächlich sein dürfte. Die Listen zitierter Literatur am Ende jedes Beitrags sind leider unkommentiert. Hier hätten sich Tipps zur Vertiefung angeboten.

Gemeinsam mit dem Lehrbuch von Klohn und Voth hat der Sammelband seine unkritische Herangehensweise an die Themen: So feiert beispielsweise der Autor Dannenberg im Kapitel zur Landwirtschaft auf S. 79 den technischen Fortschritt, der es in Form von "Zuchterfolge(n), moderne(r) Fütterung und Haltungsmethoden" zu "erstaunliche(n) Leistungssteigerungen" gebracht habe: statt 2.800 Liter Milch pro Kuh im Jahr 1910 schaffe es die heutige Tierproduktion auf 7000 Liter Milch pro Kuh und Jahr. Von Problematisierung dieser industriellen Landwirtschaft keine Spur; kein Wort von präventivem Antibiotikaeinsatz, einer Haltung auf wenigen Quadratmetern, die weit entfernt von "artgerecht" ist, oder dem Schwund alter Nutztierrassen. Eine ausgewogene Darstellung, die genau hinschaut und nicht nur affirmativ ist, sieht anders aus.

Ein Lehrbuch aus dem Oldenburger Münsterland …

Ähnlich ergeht es den LeserInnen mit dem Buch "Agrargeographie" aus der Reihe "Geowissen kompakt". Es bietet einen bejahenden Überblick über die gegenwärtige industrielle Landwirtschaft, ihren Wandel, ihre Strukturen und Entwicklungen. Zur Prüfungsvorbereitung im Bereich Landwirtschaftsgeographie ist es durchaus geeignet. Vor allem zur gedankenlosen Wiedergabe des Abgedruckten - oder zur kritischen Auseinandersetzung damit, die allerdings im Buch selbst nicht zu erwarten ist. Hier ist von vermeintlich objektiven "Produktionsnotwendigkeiten" (S. 21) die Rede, wenn LandwirtInnen Tiere in Massenhaltung produzieren und damit die Umwelt belasten und AnwohnerInnen belästigen. Häufig seien es "Zuzügler aus eher städtisch geprägten Räumen" (ebd.), die "Konflikte auslösen" (ebd.). An solchen Stellen wird besonders deutlich, wie verquer das Weltbild der Autoren ist: Nicht die Landwirtschaft, die sich verändert hat und nun mit der Chemiekeule und riesigen Stallbauten die Umwelt schädigt und übermäßig Ressourcen frisst, sei problematisch, sondern die Menschen, die in ländlichen Räumen ohne Pestizidwolken und andere relativ neuartige Störungen wohnen wollen.

Auch andere inhaltliche Fehler kleinerer Art finden sich: Beispielsweise war die Entkopplung der Direktzahlungen aus dem Fördertopf der EU an die LandwirtInnen nicht "gänzlich unabhängig" (S. 35) von der Produktion, sondern an Referenzwerte der vorherigen Produktion gebunden.

Die beiden Lehrbücher bieten also Überblicksdarstellungen, die zwar für das Studium der Wirtschaftsgeographie geeignet sind und deren Inhalt man sich auch leicht aneignen kann. Ein fader Beigeschmack jedoch bleibt angesichts der unkritischen Herangehensweise der AutorInnen. Hier wird kaum etwas hinterfragt, was teilweise zu schlicht falschen Schlussfolgerungen führt.

Wirtschaftsgeographie Deutschlands / Agrargeographie
Elmar Kulke (Hrsg.)
Peter Dannenberg
Ingo Liefner
Werner Klohn
Andreas Voth
u. a.

Wirtschaftsgeographie Deutschlands / Agrargeographie


2010
359 Seiten, gebunden / 126 Seiten, broschiert
Spektrum Akademischer Verlag / Wissenschaftliche Buchgesellschaft

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