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Anne von Canal: Mein Gotland

Leichtes Gepäck

Inseln erzählen auf ganz eigene Art ihre eigenen Geschichten, so wie Reisende mit Inseln Besonderes, auch besondere Erlebnisse, Erkundungen und Geschichten verbinden. Immer wieder suchen die Liebhaber der Eilande diese Orte auf, manchmal auch in Gedanken, Fantasien und Erinnerungen. Wir können zu Landschaften, also auch zu Inseln Beziehungen entwickeln, herzlich, skeptisch und staunend. Von einer Inselliebe berichtet dieses Buch.

Anne von Canal denkt an ihre erste Ankunft auf der schwedischen Insel Gotland zurück. Die Begegnung mit Gotland, dem "unbekannten Ort", sei wie der "erste Kuss mit einem Fremden" gewesen: "Der Moment, in dem aus dem Fremden ein Vertrauter wird, lässt sich nicht wiederholen, nicht rückgängig machen, nicht verändern. Der erste Kuss ist der eigentliche. Gotland küsste mich zum ersten Mal an einem Novembertag. Schneestürmisch und entschieden. So ist es zwischen uns geblieben. Gotland ist meine Winterinsel." Andere schwärmen in der Kälte aus in südliche Gefilde, streben Sonneninseln entgegen. Die Schriftstellerin ist der unverwechselbar rauen Witterung zugetan. Die "kluge Dame" Gotland, "die alles gesehen und nichts versäumt" hat, scheint mehr als eine einzige Reise wert zu sein. Der Regen stürmt über die Insel hinweg, manchmal regelrecht brüllend. Die Insel, jede Insel, sei zugleich "nicht Meer und nicht Festland", ein "überschaubares Etwas", in der die Einsamkeit ein Raum sei, der betreten werden dürfe, nicht unbedingt einladend, nicht klischeehaft paradiesisch. Diese Insel ist auch die kunterbunte Welt von Pippi Langstrumpf, in der der Autorin deutlich wird, "dass mein Schwarz-Weiß immer ziemlich bunt war". Auch Ingmar Bergmans Spuren sind auf Gotland zu entdecken: "Bergman verbrachte seine letzten Jahre mehr oder weniger allein in diesem abgelegenen Holzhaus am Rand der Wirklichkeit, bis ihn die Worte verließen oder die Landschaft in seinem Inneren stärker wurde als die vor dem Fenster." Gotland lehrt auch das Schweigen. Still zu sein ist nicht nachteilig, manchmal notwendig. Bisweilen ist auch ohne ein Wort alles Nötige gesagt: "Die einzige Form von Wahrheit ist letztlich Schweigen." Ob das stimmt? Auf Gotland und anderswo lässt sich darüber nachdenken.

Anne von Canal reist mit leichtem Gepäck. Sie fühlt sich wohl, auf der Insel unbekannt zu sein, jemand, über den niemand etwas weiß: "So ist es mir am liebsten. Nicht immer, aber hier." Sie berichtet auch von lichtreichen Tagen, von vereinzelt warmen Strahlen der Nachmittagssonne, von ganz anderen Zeiterfahrungen, wenn die Kirchglocken ertönen, als wollten sie sagen, dass "schnelllangsam" die Lebenszeit verstreicht. Die Ostsee dort rauscht nicht leise und behaglich dahin wie in der Lübecker Bucht. Im Norden sei die Ostsee "kein freundliches Meer". Auch Notizen zum Krieg gehören zur Inselgeschichte, düstere Bilder von der Ankunft deutscher Wehrmachtssoldaten: "Ich sehe auch sie übers Meer kommen, unter den schneeschweren Wolken. In abgetragenen Uniformen, mit abgetragenen Gesichtern gehen die Soldaten, die dem Feind entkommen sind und es hergeschafft haben, von Bord." Auch das bleibt unvergessen. Doch die Sommernächte auf Gotland sind "lang und hell", die "Erdbeeren süß, und die gotländischen Mädchen lachen so schön".

Anne von Canal kehrt in die Gegenwart zurück, spricht von einer "zerzausten Euphorie", wenn das Meer zu kochen scheint. Wegen Sturmflut wird der Fährverkehr eingestellt, auch Flugzeuge dürfen nicht mehr landen: "Welle um Welle versprüht ihre Gischt, der salzige Nebel wischt mir die Schwermut der letzten Tage aus den Augenwinkeln." Auch eine "beredte Dunkelheit" stellt sich ein, die sich der Sprache entzieht oder die, wie "wortlose Liebe", einfach keiner Worte mehr bedarf: "In der Dunkelheit verschmelzen alle Geschichten zu einer."

Viele Menschen träumen davon, auf einer Insel zu leben. Nur wenige aber bleiben für immer, doch nicht wenige kehren immer wieder dorthin zurück: "Die Insel nimmt sie alle auf, vorbehaltlos. Sie ist es von jeher gewohnt, überspült zu werden mit Neuem, mit Fremdem. Es macht ihr nichts aus." Die Insel steht für die "Möglichkeit eines anderen Lebens, eines Neuanfangs, klar wie der Nachthimmel". Einige halten Ausschau nach Grundstücken, Häusern und Wohnungen. Die "Machbarkeit" wird ausgerechnet: "So realistisch träumt man. Nicht wahr?" Manche Leser nicken bei Sätzen wie diesen, ich auch. Vielleicht auch Sie? Letztlich, so denkt die Autorin, könnte die "dominante Festlandperspektive" ein Irrtum sein, da "alles Land Insel" sei, auch die Kontinente: "Ist nicht die Welt ein Meer aus Inseln?" 

Jeder, der Eilanden zugetan ist, schließt für sich eine sehr besondere Insel ins Herz. Das kann und muss nicht begründet werden, wie alles Wesentliche, alles wirklich Wichtige im Leben und Lieben des Menschen grundlos ist und sein darf. An Land gehen und Wurzeln schlagen dürfen wir, beim geliebten Mitmenschen verweilen, ähnlich und doch anders wie auf der Insel unserer Wahl. Anne von Canal hat Gotland für sich entdeckt und auserwählt. Ob diese Beziehung zwischen der Autorin und ihrer Insel Gegenseitigkeit beruht, wird eine offene Frage bleiben – oder eine Frage, die keiner Antwort mehr bedarf. Ihr schönes, berührendes Buch über Gotland ist, genau wie die Insel, selbst eine Erkundung wert.


von Thorsten Paprotny - 08. Dezember 2021
Mein Gotland
Anne von Canal

Mein Gotland


Erzählungen von Wind, Zeit und Einsamkeit
Marebuchverlag 2020
141 Seiten, gebunden
EAN 978-3866486232