Literatur

Medusa: Der Schrecken der Weiblichkeit

Dante sah in ihr die erotische Kraft, die den Menschen zerstören kann und nicht nur Perseus wäre ihr beinahe erlegen, hätte er ihr nicht im rechten Moment den spiegelnden Schild entgegengehalten, der sie selbst petrifizierte (versteinerte). In einer Kibisis (einer Art Umhängetasche) soll er das Medusenhaupt dann transportiert haben, um es allen zu zeigen, dass er die personifizierte Femme fatale erlegt hatte. Das Modelabel Versace verwendet den "Reiz ihres geheimnisvollen Gesichtes", wie Leeming schreibt, in seinem Logo und auch bei den amerikanischen Feministinnen ist die Medusa im 20. Jahrhundert zu einem Star aufgestiegen, der den Kampf gegen das Patriarchat als leuchtendes Banner voranweht. Tatsächlich ist die mythologische Medusa nämlich wirklich ein Opfer eines Mannes geworden: kein Geringerer als der Meergott Poseidon soll sie vergewaltigt haben und deswegen wurde aus der einst so schönen Frau eine Gorgonin.

Les femmes fatales

Allerdings wird - zumindest von Feministinnen - gerne vergessen, dass Perseus Medusa ja erlegte, um die schöne Andromeda zu retten, die an einen Felsen geschmiedet dem Ungeheuer zum Fraß vorgeworfen worden wäre. Er tötete Medusa, um Andromeda zur Frau zu bekommen. In der Antike, dem Mittelalter und der Renaissance wurde Medusa zu den Femmes fatales gereiht, wie etwa auch Delilah, die Samson tötete, Isebel (Jezebel), die König Ahab korrumpierte oder Salome, die von Herodes den Kopf Johannes’ des Täufers forderte. Vergils Dido hätte fast Aeneas von der Gründung Roms abgehalten und in der Artus-Sage war es Morgan Le Fay, die bedrohliche Zauberin, die die Tafelrunde untergrub. Bei John Keats "La Belle Dame sans Merci" (dt.: Die schöne Dame ohne Gnade) ist es eine Art Medusa, die den Ritter ohne Ziel und Zweck bleich umherschweifend vernichtet. Zweifellos war es das Christentum, das hier seine Finger im Spiel hatte und Frauen per se als etwas Gefährliches darstellte, die stets den Mann ("Die Krönung der Schöpfung") von seinem Weg zu Gott abbringen wollten.

Perseus als Repräsentant des Männlichen

"Du bist es, die dem Teufel Eingang verschafft hat, du hast das Siegel jenes Baumes gebrochen, du hast zuerst das göttliche Gesetz im Stich gelassen, du bist es auch, die denjenigen betört hat, dem der Teufel nicht zu nahen vermochte. So leicht hast du den Mann, das Ebenbild Gottes, zu Boden geworfen.", heißt es bei Tertullian, einem der frühesten christlichen Apologeten des zweiten christlichen Jahrhunderts. Medusa wurde vor allem die Wollust (charnel délice: Fleischeslust) vorgeworfen und als "putain sage et cailleuse/decevable et malicieuse" beschrieben. Nicht umsonst bedeutet im Französischen das Verb "méduser" jemanden stumm machen, verblüffen und so wäre es beinahe auch Perseus ergangen, der dann zum christlichen Helden umstilisiert wurde. "Die Rollenzuschreibung als Femme fatale, die Medusa im Mittelalter und in der Renaissance erfuhr, deckte sich perfekt mit dem christlichen Argwohn gegenüber der erotischen Macht von Frauen." Schließlich machte gerade Medusas weibliche Schönheit sie zum Ungeheuer und sie wurde deswegen zum "natürlichen Feind der Suche der männlichen Seele nach Vereinigung mit Gott", wie es die damals weitverbreitete Ansicht war. Erst im Zeitalter der Romantik erfuhr die Medusa dann jene Interpretation, die sogar von Feministinnen heute noch geteilt wird: Perseus repräsentiert den status quo und Medusa das exotische Opfer, das stellvertretend für alle Künstler(innen) steht. Apotropäisch ist nichts dagegen.

Bleibt noch das Rätsel zu klären, was man eigentlich sieht, wenn man den Blick der Medusa tatsächlich erhascht und wofür die "Enthauptung" als Akt steht. Leeming vermutet, dass der Anblick den die Gorgo einem gewährt, man selbst in jener jenseitigen Welt sein könnte. "Der böse Blick wird zum Schutz vor eben diesem bösen Blick; das Böse wird gespiegelt, um das Böse zu besiegen." Amy Adler begreift nicht umsonst den Schild des Perseus als einen pornografischen Film, da sie den direkten weiblichen Blick der Frau zurückwirft auf sich selbst und damit vielleicht die männliche Sichtweise der Frau erfährt? Ist sie deswegen so geschockt? Fakten sind auch nur Elemente eines Mythos. Und vielleicht ist die Medusa ja nur eine Maske der Athene und beide zwei Aspekte derselben Gestalt. Und aus ihrem Schoß entsprang der Pegasos.

Medusa
David Leeming
Matthias Wolf (Übersetzung)

Medusa


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Wagenbach 2016
144 Seiten, gebunden
EAN 978-3803113207

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