Literatur

Gespür für das leidenden Einzelwesen

Erich Hackl ist ein Schriftsteller, der die Themen seiner unter die Haut gehenden Erzählungen sämtlich tatsächlichen Begebenheiten, Lebensschicksalen und Biographien verdankt. Oft mit erheblichem Rechercheaufwand gräbt er sich tief in die Geschichten der Menschen ein, deren Schicksal oft mit dem Nationalsozialismus und/oder mit ihrer Zugehörigkeit zum Judentum zu tun haben.

Auch in seinem neuen Erzählband "Drei tränenlose Geschichten", zwei dieser Texte sind bereits in österreichischen Zeitungen und in Anthologien erschienen, erzählt er von jüdischen Menschen und ihren Schicksalen.

In "Familie Klagsbrunn" (mit dem Buch erstmals veröffentlicht) verfolgt er das Schicksal der jüdischen Familie Klagsbrunn von der Wiener Vorstadt Floridsdorf bis nach Rio de Janeiro, wohin sie vor den Nazis flüchteten und wo die Kinder der Familie später, aufgrund ihres politischen Engagements in revolutionären Zellen, erneut verfolgt und gefoltert wurden.

Die Erzählung "Der Fotograf von Auschwitz" erzählt die Lebensgeschichte des Fotografen, der, weil er lieber Pole sein wollte als arischer Deutscher, im KZ landete und dort wegen seiner Fotokunst überlebte. Seine Bilder aus Auschwitz gingen nach dem Krieg um die Welt und haben nicht unwesentlich dazu beigetragen, das Grauen und die Unmenschlichkeit, die dort herrschten, öffentlich zu machen.

Die dritte Erzählung ist die Spurensuche nach der fast vergessenen Österreicherin Gisela Tschofenig, die in Dachau ihre Hochzeit feiern musste. Hier erinnert man sich an Hackls schon 2002 erschienene Erzählung "Die Hochzeit von Auschwitz".

Ähnlich wie sich Erich Hackl neben seiner eigentlichen literarischen Produktion immer wieder als Herausgeber von Werken unbekannter oder an den Rand gedrängter Autoren betätigt, so lässt er in seinen eigenen Werken Menschen zu Sprache kommen, bringt Licht in das Dunkel ihres vergessenen, gequälten oder verachteten Lebens, deren Geschichte andernfalls vielleicht niemanden interessieren würde. Es sind Originalgeschichten, die Hackl minutiös und mit viel Empathie und Leidenschaft recherchiert hat. Es ist ein leises Schreiben, das vom Gespür für das leidenden Einzelwesen lebt, "ein Lichtblick in der verödenden geistigen Landschaft", wie der leider viel zu früh verstorbene Essayist und Kritiker Lothar Baier Hackls Werk vor vielen Jahren schon charakterisiert hat.

Drei tränenlose Geschichten
Erich Hackl

Drei tränenlose Geschichten


Diogenes 2014
160 Seiten, gebunden

Irgendwo zwischen «Eppelwoi-Seeligkeit» und «Mainhatten»

Ist Frankfurt wirklich so ungeniessbar wie allgemein kolportiert wird? Genazino, der seit vielen Jahren in der Stadt lebt, hat sich diese Frage anhand seiner eigenen Biografie gestellt. Genazinos liebevollen, aber schonungslosen Betrachtungen geben zwar keine abschliessende Antwort, lassen einen die Stadt am Main aber auf jeden Fall kennen lernen.

Lesen

Radikale Schreibversuche

Mit seinem NS-Roman "Die Wohlgesinnten" spaltete Jonathan Littell weltweit die Literaturkritik. Ein kleiner Band veröffentlicht nun vier frühe Erzählungen des Franzosen.

Lesen

Nur nebenbei bemerkt?

Hermann Peter Piwitt verknüpft fantasievoll Portraits, Geschichten und Beobachtungen.

Lesen

Lebenslange Freundschaft

Die lang erwartete Fortsetzung des Erfolgsbuches erzählt die Jugendzeit der beiden Freundinnen Lila und Lena und ihre ersten Erfahrungen mit Sex: die eine macht sie durch Heirat, die andere am Strand. Ein neapolitanischer Heimatroman.

Lesen

Das Leben einer Leseratte

Firmin ist die Nummer dreizehn. Fatal, wenn die Mutter nur zwölf Zitzen hat. Statt von Muttermilch ernährt er sich von Weltliteratur und wird zur belesensten Ratte des Universums.

Lesen

Durch den Schnee / Linkes Ufer

Wie ist ein Leben nach dem Gulag - wenn Humanität und Kultiviertheit unter den Eindrücken des Inhumanen ihre Relevanz verlieren - möglich, ohne einem ständigen Zweifel an der menschlichen Zivilisation anzuhängen? Dies ist die große Frage, die Warlam Schalamows "Erzählungen aus Kolyma" zugrunde liegt.

Lesen
Aus der nahen Ferne
Stolz und Vorurteil
Ruf mich bei deinem Namen
Kurt Ali
Ein unversöhnlich sanftes Ende
Der Sieger bleibt allein
Tuareg
Mein Name sei Gantenbein
Temmuz Çocukları
Ein Sonntag auf dem Lande
Das Wochenende
Das Museum der Unschuld
by rezensionen.ch - 2001 bis 2018