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Hergé, Egoist und Antisemit

Dass Georges Prosper Remi, Künstlername Hergé, Schöpfer der Comicserie "Tim und Struppi" (frz. "Les aventures de Tintin"), erzkonservativ, streng katholisch aufgewachsen und mindestens in seinen jungen Jahren offen antisemitisch war, ist hinlänglich bekannt. Vor allem die ersten "Tim und Struppi"-Bände sind unverblümt propagandistisch gegen den Bolschewismus gerichtet oder den Kolonialismus beschönigend. Weniger bekannt ist, wo und von wem sich Hergé inspirieren liess. Die Idee zur Figur "Tintin" stammt ziemlich offensichtlich vom Comic-Schöpfer Benjamin Rabier (1864–1939), der 1898 das Album "Tintin-Lutin", ein Junge mit blonder Haartolle, Golfhosen und Hund, der bei Hergé einfach ein bisschen älter und deshalb auch als Reporter mit einem Foxterrier als Begleiter durchgehen und allerlei Abenteuer in der weiten Welt erlebt kann. Oder ist es noch ungeheuerlicher? Es gibt Fotografien, die Hitler mit einem Foxterrier zeigen.

Claude Cueni, erfolgreicher Roman- und Drehbuch-Autor, legt einen "parodierenden Roman" vor, der Hergés Schattenseiten beleuchtet, der gleichzeitig aber auch die unvergesslichen Comic-Figuren in seinem Roman wieder aufleben lässt, Tim als "Tintin-Lutin", Struppi als "Filou", Kapitän Haddock als "Schellfisch", Professor Bienlein als "Professor", Diener Nestor als "James", etc. mit all ihren schrulligen Eigenheiten und Marotten. Sie alle werden von Cueni in ein neues Abenteuer geschickt: die Suche nach Hergé, ihrem Schöpfer, der, wie sie fassungslos feststellen, schon vor einiger Zeit gestorben sein muss. Oder doch nicht? Sein Grab ist nämlich leer. Eine späte Rache von Linksaktivisten? Oder von Hergé selber inszeniert? Ein letzter Winkelzug des grossen Egomanen, der (tatsächlich) testamentarisch verfügt hat, dass mit seinem Tod auch seine Figuren nicht weiterleben dürfen?

Dieses Abenteuer erzählt Claude Cueni sehr lebendig und mit herrlichem Witz. Tintin-Lutins Recherchen führen ihn mit allerlei Weggefährten Hergés zusammen. Beispielsweise mit Hergés Ex-Frau, Germaine Kieckens, mit der er bis 1975 verheiratet war und die grossen Anteil an seinem Erfolg hatte, die er aber bereits einige Jahre vor der Scheidung für die Zeichnerin Fanny Vlaminck verlassen hatte. Auch Léon Degrelle, Führer der belgischen Rexisten, ehemaliges Mitglied der Waffen-SS und bis zu seinem Tod 1994 rechtsextremistisch aktiv, hat einen Auftritt in seinem spanischen Exil. Cueni lässt Degrelle über Hergé sagen: "Hergé war bis zuletzt mein Freund, ich mochte ihn, auch wenn er nie erwachsen wurde; ich hingegen wusste stets, was ich wollte. Hergé brauchte eine starke Hand, Führung, er war ganz nett, ein verspielter Junge eben, aber politisch hatte er stets die klare Linie, er ist nie eingeknickt."

Das Bild, das man sich von Georges Prosper Remi alias Hergé durch die Lektüre bildet, ist kein schönes. Demnach war er ein unbelehrbarer Rassist, Egomane, einer, der sich ungeniert auch mal mit fremden Federn schmückte, sich von diabolischen Typen wie Degrelle oder Norbert Wallez bereitwillig manipulieren liess, niemandem einen Anteil an seinem Erfolg zusprechen wollte (obwohl er längst nicht alles aus eigener Kraft erschaffen hat) und nicht einmal seiner riesigen Fan-Gemeinschaften gönnen wollte, dass Tim und Struppi auch nach seinem Tod neue Abenteuer erleben dürfen. Unsterblich sind seine Figuren trotzdem.


von Jan Rintelen - 05. Januar 2019
Warten auf Hergé
Claude Cueni

Warten auf Hergé


Parodierender Roman
Münsterverlag 2018
192 Seiten, gebunden
EAN 978-3907146057