Kunst

"Mit Faschisten diskutiert man nicht."

26. Januar 1939. Barcelona wird durch Francos Truppen eingenommen. 450’000 spanische Republikaner fliehen über die Pyrenäen in das "zivilisierte" Europa. Dieses anerkennt am 27. Februar die Regierung Franco und wenig später auch die Zerschlagung der "Resttschechoslowakei" durch Hitler. Am 30. März gewinnt Franco den Spanischen Bürgerkrieg. Die internationalen Brigadisten mussten Spanien schon am 28. Juni 1938 (!) verlassen, da zwischen Frankreich, Deutschland, Italien, Großbritannien und der Sowjetunion ein Nichteinmischungsabkommen vereinbart wurde. Damit war de facto dem Aufstieg des Faschismus in Italien, Spanien und dann in Deutschland nichts entgegengesetzt worden. Die Appeasement-Politik war gescheitert, da Hitler ab 1939 nicht nur Polen, sondern auch Frankreich und den Rest der Welt okkupierte.

Hätte man den Faschismus durch eine andere Politik aufhalten können? In Spanien hat sich 1936 - vor heute 80 Jahren - jedenfalls das ankündigt, was später in ganz Europa folgen sollte. Hitler und Mussolini hatten Franco kräftig assistiert - trotz des Nichteinmischungsabkommens. Das Gemälde Guernica von Picasso ist dafür ein leuchtendes Fanal: wehret den Anfängen.

Wehret den Anfängen!

Thomas Deschamps, der Protagonist der Graphic Novel, kehrt in seine Heimatstadt La Goffe zurück und besucht als erstes seine Freundin Assunta. Sie ist aus Spanien vor den Frankisten geflüchtet und befürchtet für das kleine Belgien dasselbe wie für ihre eigene Heimat. Der Bruder von Thomas, Charles, ist ein Anhänger der Rexisten, die ein nationales Belgien als einzige Möglichkeit sehen, Hitler zu widerstehen. Aber natürlich hegen sie heimliche Sympathien für die Faschisten, auch wenn sie vielleicht keine Antisemiten sind, wie Charles betont. Der Konflikt der beiden Brüder bricht aber nicht nur aufgrund ihrer unterschiedlichen politischen Ansichten aus, sondern auch wegen Charles’ Frau. Aufgrund eines dummen Streits vor acht Jahren hatte Thomas sie verlassen, dann heiratete Alice kurzerhand seinen Bruder und bekam Zwillinge von ihm. Die beiden Brüder könnten unterschiedlicher nicht sein, aber dennoch hat sich Alice für Charles entschieden, um an Thomas Rache zu nehmen. Rache für ihre enttäuschte Liebe, Rache für das Verlassenwerden.

30er: Jahre der Entscheidung

Der erste Teil dieser außergewöhnlichen Graphic Novel vor dem politischen Hintergrund der Dreißiger Jahre ist nicht nur meisterhaft gezeichnet, sondern vermag es auch, einen in eine Zeit zu entführen, die an der Kippe zu etwas neuem stand, einer "Zeitenwende" (Titel), die den Protagonisten zwar nicht bewusst war, die sich aber immer mehr polarisierte und schließlich auf einen grausamen Zweikampf hinauslief: den zwischen Gut und Böse. Der europäische Faschismus konnte dank der Einmischung der USA und der Sowjetunion besiegt werden. Aber die Opfer, die er kostete, diesen Verlust merken wir alle heute noch. Eine gelungene Erzählung über eine aufregende Zeit, in der Europa vor einer Entscheidung stand. Vielleicht hätte damals nicht nur Thomas auf Assunta hören sollen: "Eine Einigung? Mit Faschisten diskutiert man nicht. Diese Leute haben keine Moral. Ihr Wort gilt nichts... Sie verstehen nur die Sprache der Gewalt, glaub mir." Charles antwortet: "Hier ist nicht Spanien!" Aber er täuscht sich. Spanien ist überall. Wehret den Anfängen. "Principiis obsta! Sero medicina parata, cum mala per longas convaluere moras.", wie es schon bei Ovid hieß.

Zeitenwende
Éric Warnauts
Guy Raives

Zeitenwende


Panini Comics 2016
56 Seiten, gebunden
EAN 978-3957988232

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