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Maria Lazar: An meinen unbekannten Leser

Maria Lazars späte Gedichte – neu entdeckt

Maria Lazars literarisches Werk gehörte lange Zeit zu den vergessenen, auf gewisse Weise verschollenen Dichtungen einer Lyrikerin und Erzählerin, die von 1895 bis 1948 lebte und auch über ihren Tod hinaus von den langen Schatten jener Zeit der Finsternis wie verdeckt war. Dem Verleger Albert C. Eibl gebührt der Dank dafür, dass auch Lazars späte, bislang unveröffentlichte Gedichte der Leserschaft heute zugänglich gemacht werden, verbunden mit Photographien der Autorin aus dem Nachlass.

An "meinen unbekannten Leser" – "Ich kenne dich nicht und ich werde dich nie kennen lernen." – sind Verse adressiert, die somit wie eine Flaschenpost im Meer der Literaturgeschichte so viel später entdeckt, publiziert und empfangen werden. Jeder Dichter schreibt für sich selbst, zugleich oft an die eine oder den anderen denkend, dem er sich sehnsüchtig, schwermütig und bisweilen geheim verbunden weiß. Emphase indessen meidet Maria Lazar zumeist. Doch ganz gelegentlich scheint auf, was mit dem Schreiben, Lesen und Verstehen untrennbar verbunden zu sein scheint, der Augenblick der Freude, die sich dann einstellt, wenn der ferne Leser, den der Dichter nicht kennt, sich erkannt weiß oder wie zu Hause in diesen Gedichten fühlt.

Manches Buch mag "irgend einem verstaubten Regal" entnommen zu sein, doch auf welch verschlungenen Pfaden auch immer, es ist entdeckt, der "unbekannte Leser", der sich von dem Buch nicht mehr zu lösen vermag. Er tut nichts anderes mehr, er liest nur noch – "du hörst gar nicht auf, so reißt es dich hin". Der Leser erkennt den "Duft" und die "Wärme" dieser literarischen Welt wieder, ist getroffen und berührt. Von dem, "was ich empfunden", war auch er in "einsamen Stunden" von innen her bewegt – "und der Satz, den wir beide am meisten lieben, / den hättest du beinahe selber geschrieben". Der unbekannte Leser hat von einer unbekannten Dichterin die Post empfangen, die nur an ihn gerichtet war. Dichterin und Leser kannten sich nicht und kennen sich doch, elegisch dankbar heißt es dann:

 

"Ich bin nicht umsonst auf Erden gewesen,
wenn nur einer wie du es für sich gelesen,
und ich brauche nicht länger zu träumen,
von fernen strahlenden Sternenräumen,
mir genügt deiner Lampe Schimmer
im stillen Zimmer."

 

Dem "Kamerad", dem "unbekannten Leser", stattet das lyrische Ich aufrichtigen Dank ab.
Von einem "Klostergarten" träumt die Dichterin, von blühenden Tulpen, in stiller Schönheit "kerzengerade" aufgerichtet, von der "Gedankenstille" auf einem "sanften Rasen", in der Ruhe geschenkt ist, auch wenn die Vergangenheit doch nicht vergehen kann. Oder doch?

 

"vorüber gleiten an der Mauer
gleich Schatten einer längst vergessenen Trauer
die dunklen Nonnen."

 

Die Trauer vergessen zu können, ein verlockender Gedanke, der momenthaft aufscheint, sichtbar wird und beim Leser Erinnerungen wachruft an all jenes, was er selbst vergessen hat oder hätte gern vergessen wollen. Auf einem "sanften Rasen", auch in einem solchen "Klostergarten" möchten so viele und so gern "versonnen" liegen und auf Zeit verweilen, nicht nur für Augenblicke der Kontemplation, sondern gern noch etwas länger.

Die Dichterin kennt Räume der Traurigkeit. Sie spricht von der "Pracht der fernen Städte", die sie nie hat besuchen können, von der "Liebe, die vielleicht ich noch gefunden hätte", und Maria Lazar verschließt sich nie in kalten philosophischen Reflexionen. Ihre Worte klingen hoffnungsvoll, wenn sie an "tausend Bücher" denkt, allesamt ungelesen, "die mich dennoch reich und glücklich machen" – und zugleich werden die Grausamkeiten der NS-Zeit erinnert, die "ungeheure Schande". Die Erinnerungen werden "verpestet", wenn sie an die "wunderschöne große Vaterstadt" denkt, "die ihre Toten selbst ermordet hat".

Maria Lazar ist eine große deutschsprachige Dichterin. In der österreichischen Literaturgeschichte findet sich nun der ihr gebührende Platz und, was noch viel wichtiger ist, in den Herzen ihrer dankbaren Leserschaft.


von Thorsten Paprotny - 02. Mai 2024
An meinen unbekannten Leser
Maria Lazar
Albert C. Eibl (Hrsg.)
An meinen unbekannten Leser

Gedichte & Photographien
DVB 2023
80 Seiten, gebunden
EAN 978-3903244306