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Geraubte Kinder

Die Machthaber während der siebenjährigen Militärdiktatur in Argentinien (1976-83) liessen politische Gegner foltern und etwa 30'000 Menschen ermorden. Heute noch gelten Tausende als vermisst. Kinder von Inhaftierten oder Beseitigten wurden der Junta-Herrschaft nahestehenden Paaren als "adoptierte" Kinder überlassen. So kam manch kinderloses Paar zu Kindersegen.

Elsa Osorios Roman dreht sich um die Geschichte eines solchen Kindes. Schon vor der Geburt von Luz stand fest, dass der inhaftierten Mutter Liliana das Kind weggenommen wird. Damit das Kind gesund zur Welt kommt, wurde die Mutter im Gefängnis besser behandelt als andere. El Bestia, der Folterer, hatte das Baby seiner Lebenspartnerin Miriam Lopez versprochen. El Bestias Vorgesetzter, Alfonso Dufau, liess aber die heimlichen Pläne scheitern, weil dieser auch ein Baby benötigte, für seine Tochter Mariana. Mariana lag im Spital, sie hatte eine Totgeburt hinter sich. Bis Mariana wieder einigermassen beisammen sei, solle El Bestia mit Miriam auf die leibliche Mutter und das Baby aufpassen. Die anfänglich grosse Enttäuschung Miriams, dass sie kein Baby abbekommen hatte, weicht bald einem abgrundtiefen Hass gegenüber El Bestia. Durch den Kontakt zu der Mutter und dem Baby war ihr klar geworden, wie grausam die Machenschaften des Militärregimes sind. Sie entwickelte nicht nur eine tiefe Zuneigung zu dem Baby, sondern auch eine Freundschaft zur Mutter. Sie wollte um jeden Preis verhindern, dass Liliana das Baby weggenommen wird und bei Dufau landet. Ein waghalsiger Fluchtversuch scheitert, Liliana wird ermordet und Miriam taucht unter. Sie hatte geschworen, das Kind der Familie irgendwie wieder wegzunehmen und an diesen Schwur wollte sie sich halten. Doch erst im Erwachsenenalter wird Luz über ihre wahre Herkunft Bescheid wissen.

Die Autorin hat eine in zweierlei Hinsicht spezielle Erzählform gewählt: Das Buch fängt mit dem Zusammentreffen von Luz und ihrem richtigen Vater an. Luz beginnt ihrem Vater ihre Geschichte zu erzählen. In der Folge wechselt die Szene immer wieder vom Ort des Geschehens zu der Szene zwischen Vater und Tochter, wo Luz aus der Sicht der Zurückblickenden das Geschehen in der direkten Rede erläutert. So erfährt man als Leser Dinge, die erst noch geschehen werden und kann die sich verändernde Beziehung zwischen Vater und Tochter verfolgen. Ausserdem lässt die Autorin verschiedene Personen in der Ich-Form auftreten und sie hat schnelle Szenenwechsel eingebaut. Insgesamt bleibt so die Spannung erhalten. Doch diese allzu drehbuchartige Erzählweise (die Autorin schreibt sonst auch Drehbücher) und die an Kitsch grenzende, herzzerreissende Dramaturgie (mit Kitsch ist dabei die Erzählweise und nicht die Geschichte an sich gemeint) lässt einen fragen: Warum nicht gleich einen Film daraus machen?


von Jan Rintelen - 05. Mai 2003
Mein Name ist Luz
Elsa Osorio

Mein Name ist Luz


Insel 2000
425 Seiten, gebunden
EAN 978-3458170310