Literatur

Exzessive Liebesbewältigung

2003 in der spanischen Originalsprache erschienen und 2006 mit Starbesetzung verfilmt, ist "Die Vergangenheit" (el pasado) seit kurzem auch in deutscher Sprache erhältlich. Dem Übersetzer, Christian Hansen, sei gerade zu Beginn ein Kränzchen gewunden, er hat schlicht hervorragende Arbeit geleistet. Und das bei einem Werk, welches nicht einfach zu übersetzen ist. Interessanterweise ist auch der Protagonist des Buches Rímini leidenschaftlicher Übersetzer - als habe Alan Pauls bereits im Voraus die Schwierigkeit und zum Übersetzen notwendige Passion thematisieren wollen.

Die Geschichte, welche sich über rund 560 Seiten erstreckt, ist gleichzeitig handlungsarm als von extremer Dichte. Was da alles in einen Satz verpackt wird - schlicht umwerfend. Und dies im wahrsten Sinne des Wortes, trotz Faszinationsvermögen und Sprachschönheit erschlagen einen die seitenlangen Sätze manchmal fast. Auch der Geschichte selber ist stellenweise kaum standzuhalten.

Rímini und Sofía trennen sich nach zwölf Jahren glücklicher Beziehung. Obwohl die Initiative von Sofía aus kommt, sieht es nach einer gegenseitig gewollten und harmonischen Trennung aus. Rímini zieht aus der gemeinsamen Wohnung aus, lernt kurz darauf eine um einige Jahre jüngere Frau kennen, stürzt sich in Arbeit und Kokain und scheint zumindest gegen aussen gut mit dem neuen Leben klar zu kommen - obwohl die ganzen Drogen- und Masturbationsexzesse öfters daran zweifeln lassen. Die starke Sofía hingegen bereut die Trennung bald und will Rímini unbedingt wieder zurück gewinnen, wobei ihr jedes Mittel lieb ist. Ihre Methoden grenzen zunehmend und teilweise an Wahnsinn, vielleicht ist sie jedoch gerade dadurch fassbarer als der immerzu passive Rímini, der die Geduld des Lesers doch auf einiges strapaziert. Oft sind die Motive, welche die beiden Protagonisten zu Handlung oder eben Nichhandlung bewegen, schwierig nachzuvollziehen, es fällt trotz genauster Beschreibungen schwer, sich in die Gefühlswelt von Rímini und Sofía einzudenken.

Der chilenischen (und 2003 verstorbene) Startautor Roberto Bolaño hat den Argentinier Alan Pauls seinerzeit als "grössten lebenden Autoren Südamerikas" bezeichnet. Die Sprachkraft und Wortgewandtheit des 1958 in Buenos Aires geborenen Alan Pauls ist tatsächlich einzigartig. Dennoch wünschte man sich für "Die Vergangenheit" einige Kürzungen und Raffungen - besonders die ewig langen und doch wenig ergiebigen Ausführungen zu dem fiktiven Künstler Riltse mögen - obwohl sprachlich wunderschön - inhaltlich nicht immer zu überzeugen.

Erschreckend und vermutlich gerade deswegen so gewollt, ist die Tatsache, dass sich der Roman in den 1980er Jahren abspielt, also mitten in der argentinischen Militärdiktatur, diese aber nie erwähnt und alles Politische aussen vor gelassen wird. Es bleibt bedauernswerterweise unklar, warum die Liebesgeschichte - ob man sie wirklich so nennen soll? - gerade in dieser Zeit spielt, warum eine politische Kulisse gewählt wird, welche am Schluss weder hinter- noch vordergründig thematisiert wird.

Aus literarischer und sprachlicher Sicht ist "Die Vergangenheit" auf jeden Fall ein lohnenswertes und bereicherndes Leseerlebnis. Der Inhalt und die Personen hinterlassen ambivalente Eindrücke, welche einem - und das spricht wieder für das in sich gewaltige Werk - noch lange nach der Lektüre begleiten.

Die Vergangenheit
Alan Pauls

Die Vergangenheit


Klett-Cotta 2009
558 Seiten, gebunden
EAN 978-3608937053

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