Literatur

Das Scheitern des Künstlers an der Provinz

Der Lyriker Norbert Conrad Kaser ist mit 31 Jahren gestorben. Künstlerisch geschadet hat ihm das nicht. Doch der Weg zum Nachruhm verlief nicht so glatt wie bei anderen zu früh hingeschiedenen Literaturberühmtheiten, Dylan Thomas etwa oder Jack Kerouac oder auch, im deutschen Sprachraum, Rolf Dieter Brinkmann. Zu Lebzeiten hatte Kaser zwar Beachtung, aber kaum Anerkennung gefunden. Trends misstraute er, als Beat- oder Pop-Literat eingeordnet zu werden hätte ihn schaudern lassen. Die Gedichte, die er schrieb, reimten sich nicht. Notorische Kleinschreibung und fehlende Interpunktion machten seine Prosa sperrig. Seine Droge, den Alkohol, konsumierten auch profane Zeitgenossen. Und sein Sterben war kein Abgang mit Knalleffekt, eher ein langsames Dahinsiechen.

Seit Kasers Tod sind mehr Jahre vergangen, als er selber erlebt hat. Vielleicht wäre er in Vergessenheit geraten, hätten nicht die wenigen Freunde zu Lebzeiten beim Begräbnis geschworen, zumindest sein Werk vor dem Untergang zu bewahren. Besonders hervorgetan hat sich der Wiener Journalist Hans Haider. Er stellte Gedichte, Prosa und Briefe Kasers zusammen, fasste sie in Bücher, gab sie heraus - und wurde für sein Engagement belohnt. Haider erhielt den Österreichischen Staatspreis für Literaturkritik, als zweiter Ausgezeichneter überhaupt in dieser Kategorie. Dies zeigt auch den Stellenwert, den die deutschsprachige Literaturszene dem toten Kaser inzwischen bemessen hatte.

Dazu in Kontrast stand lange Zeit die Wertschätzung in der Heimat. Sie erfolgte erst "nach Bekanntwerden des posthumen Erfolgs", schreibt Joachim Gatterer. Er stammt aus demselben Ort wie Kaser und hat pünktlich zum 70. Geburtstag des Autors ein Buch herausgegeben, mein haßgeliebtes bruneck. Sein Stadtporträt in Texten und Bildern, das der Untertitel suggeriert, gerät weit über den regionalen Kontext heraus zu einer Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart. Wie geht eine Kleinstadt, fragt sich Gatterer, posthum mit ihrem Sohn um, den sie lange verschmäht hat und mit dem ein großer Teil der Bürger bis heute nichts anfangen kann? Sie baut ihm ein Denkmal, lautet die stereotype Antwort. Im Fall von Bruneck, so Gatterers Eindruck, steht es sinnbildlich für eine unpassende Heldenverehrung, ist aber "insofern authentisch, als es jenes Missverständnis verkörpert, das zwischen Kaser und den bürgerlichen Eliten seiner Heimatstadt zeitlebens bestanden hatte."

Bruneck, wo Kaser lebte, bis er zum Studium nach Wien aufbrach und wohin es ihn auch später, meist aus Geldmangel, immer wieder verschlug, ist eine deutschsprachige Gemeinde im nordostitalienischen Pustertal. Mehr noch als das kulturelle und politische Umfeld hat die soziale Herkunft Kaser geprägt. Ebenso gut hätte er, meint Gatterer, in jeder anderen Kleinstadt zwischen Kiel und Palermo aufwachsen können.

Die Außenseiterrolle war Kaser in die Wiege gelegt: uneheliches Kind, Mutter Alkoholikerin, der Stiefvater Pförtner in der Tuchmanufaktur, die auch die enge Wohnung der Familie beherbergte. Immerhin, das begabte Kind durfte aufs Gymnasium. Dort verliefen die ersten Jahre harmonisch, wenn auch nicht reibungslos. Später konnte der aufsässige Schüler kaum mehr auf Nachsicht hoffen. Zu wenig konform war sein Verhalten, zuweilen aufbrausend, verstockt und fordernd statt, wie von einem schüchtern-strebsamen Arbeiterkind erwartet, beflissen, devot und dankbar. Gleich zweimal flog Kaser durchs Abitur. Ungewöhnlich, dass er es, ganz ohne Protektion und finanziell auf sich allein gestellt, ein drittes Mal versuchte und endlich reüssierte.

Selbst Kasers Rebellentum ließ sich nicht konsequent durchziehen. Schuld war die angegriffene Gesundheit. Noch im Erwachsenenalter lamentierte der ewig kränkelnde Autor, in aufsässiger Diktion: "ich war koerperlich immer der schwaechste". Längst war ihm die Literatur Rückzugsort geworden. Kaser las unermüdlich, als wüsste er, dass das Leben ihm nur begrenzt Zeit für Lektüre ließ. Trotz aller Einschränkungen, oder auch als Reaktion auf das subjektive Empfinden ständigen Zukurzkommens, provozierte Kaser von Beginn an mit seiner Lyrik. Manche seiner Gedichte lesen sich wie Versuche, möglichst viele Gegner auf einmal zu treffen und zu beleidigen. Die ersten wurden im Sommer 1968 veröffentlicht, in der Südtiroler Zeitschrift für Politik und Kultur Die Brücke, aufgemacht wie eine Schülerzeitung, acht Seiten stark, einseitig bedruckt, notdürftig zusammengeheftet.

Während in Westeuropa die demokratische Linke nach der sowjetischen Invasion der Tschechoslowakei sich neu orientieren musste, wurden in Südtirol noch die alten Grabenkämpfe ausgefochten. Auf der einen Seite standen die Hoferverherrlicher und Heimattümler, organisiert in der mächtigen Südtiroler Volkspartei, deren politischen Alleinvertretungsanspruch das Meinungsmonopol des reaktionären Athesia-Verlags (im Volksmund: Der Verlag) mit seinem Tendenzblatt Dolomiten (im Volksmund: Die Zeitung) garantierte. Rückendeckung erfuhr die ultrakonservative Elite durch eine allgegenwärtige und sich überall einmischende katholische Kirche.

An diesen Säulen der Südtiroler Gesellschaft, als hermetisch abgeschlossener Mikrokosmos Fremdkörper im italienischen Staat, kratzte eine kleine Minderheit von Liberalen, Antiklerikalen und Sozialisten. Sie setzten auf eine Öffnung hin zur italienischen Kultur und wollten nicht länger in der deutschnationalen Tradition verharren. Kaser zählte sich zu jener Minderheit. Sein Gedicht alto adige rührte gleich an mehrere Tabus. Schon der Titel eckt an, der italienische Name für Südtirol ist unter Deutschstämmigen verpönt. Ihr Held ("andreas hofer laeßt sich nicht ver(d)erben aber der sarg ist noch offen") wird ebenso zur Zielscheibe von Kasers Spott wie das naziesk verballhornte "ha-ha-hai heimatland".

Kaser beließ es nicht bei Gedichten. In den Fokus der Aufmerksamkeit - und ins gesellschaftliche Abseits (scharfe polemiken in der lokalen presse & aechtung meiner person") - manövrierte er sich mit seinem Auftritt bei der Studientagung der Südtiroler Hochschülerschaft zu Kunst und Kultur. Kaser knöpfte sich die Leitkultur seiner Region samt Leitfiguren vor: "99 Prozent unserer Südtiroler Literaten wären am besten nie geboren", befand er, "meinetwegen können sie noch heute ins heimatliche Gras beißen, um nicht weiteres Unheil anzurichten." Kaser sah sich selbst aktive Sterbehilfe leisten: "Bei uns stehn noch so viele heilige Kühe herum, dass man vor lauter Kühen nichts mehr sieht. Das Schlachtfest wird grandios werden. Die Messer sind gewetzt. Und unter den Schlächtern sind sicher zwei drei Leute, die beim Beruf bleiben, denen es gefällt, den Tiroler Adler wie einen Gigger zu rupfen und ihn schön langsam über dem Feuer zu drehen."

Die Reaktionen blieben nicht aus. Fleißig wurden sie auf den Leserbriefseiten der Dolomiten dokumentiert. Manche Zuschriften landeten direkt bei Kaser "Mei guats Kasermandel", lautet eine in Dialekt gehaltene, "du hasch lei an narrisches Selbstbewusstsein und Geltungsdrang, aber sunscht isch net viel los mit dir - drum schaug, dass die Stelle von deinem Vatter in der Fabrik kriagsch! Und gib iatz für immer a Ruah, du narreter Bua!" Bald wird der Ton schärfer: "Zu Weihnachten sollen dich die Mäuse in 1000 Brocken fressen, Du Schwein! Verschwind aus Südtirol, solche Elemente sind nicht würdig, auf Tiroler Boden zu leben."

Kaser sammelte Zeitungsausschnitte und Zuschriften in einem 30 Seiten starken Konvolut und betitelte es, wie gehabt in Kleinschrift und ohne Satzzeichen: "wie man ins wespennest sticht so sticht es heraus". Toni Ebner, Chefredakteur der Dolomiten und Vorstandsvorsitzender von Athesia, nötigte die Südtiroler Hochschülerschaft mit der Drohung, dass "die vor kurzem um eine 'angemessene Spende' angeschriebenen Südtiroler kaum noch die Brieftasche zücken" würden, sich von Kaser zu distanzieren. Auch das Südtiroler Kulturinstitut, die Landesregierung und die Volkspartei forderte Ebner auf, "ein klares Wort zu sprechen".

Aus der Brixner Rede rührt nicht nur das Missverständnis zwischen heimatlicher Hochkultur und ihrem renitenten Adepten. Viele Literaturwissenschaftler sahen in Kaser vor allem den Streiter gegen den Südtiroler Partikularismus, der er auch war. Aber nicht nur: Kaser ging es, Gatterer arbeitet dies in seinem Buch fein heraus, immer um die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse. Den italienischen Nationalismus, unter dem die Deutschstämmigen zu leiden hatten, sparte Kaser in seiner Kritik nicht aus. Weitere ständig wiederkehrende Reibungspunkte in seinen Werken sind der Katholizismus, der nicht nur in Südtirol, sondern in ganz Italien Schule und Alltag bestimmte, wie auch der Kapitalismus und die Ausbeutung der Fabrikarbeiter. "manchmal wuerde ich schreien vor wut & alle bonzen erschießen […] die soehne der geschaeftsleute der aerzte der industriellen die sich vom taschengeld marx-texte kaufen & zu ostern sich mit gebuerstetem langhaaar am vaeterlichen tisch versoehnlich vollfressen", schreibt Kaser. An anderer Stelle resümiert er, auf die verhassten, zwischenzeitlich rebellischen und dann doch wieder angepassten Bürgerkinder anspielend: "ich hab sie dick". Kaser unterzeichnet, ganz klassenbewusst, mit "der sohn eines portiers".

Logische Konsequenz seiner fortschreitenden politischen Radikalisierung war Kasers Austritt aus der Kirche ("weil ich ein religioeser mensch bin"), dem kurz darauf der Beitritt zur Kommunistischen Partei folgte. Zu diesem Zeitpunkt war Kaser bereits schwerer Alkoholiker. Die körperlichen und seelischen Zusammenbrüche nach immer kürzeren Perioden der Genesung häuften sich. Eine Kur im thüringischen Bad Berka, vermittelt durch die italienische KP, blieb ohne Erfolg. Kaser wurde Dauergast in Krankenhäusern und klinischen Einrichtungen.

Dazwischen kehrte er immer wieder nach Bruneck zurück - notgedrungen. Hier unterstützten ihn, auch finanziell, die Handvoll Freunde. Der große Rest der Bürgerschaft grenzte Kaser aus. "Im Grunde hat Kaser sich an der Stadt, an der kleinstädtischen Enge und ihren Zwängen abgearbeitet", sagt Gatterer. Erst im künstlerischen Prozess, vor allem durch seine eigenwillige Sprachästhetik, gelang es ihm, "im Falle Brunecks die eigentümliche Atmosphäre zwischen Heimeligkeit und Beklemmung sichtbar machen." In Kasers Texten, meint Gatterer, wird dieses Bruneck seiner Provinzialität enthoben und letztlich zu einem Ort auf der literarischen Landkarte Europas.

Einen Platz im europäischen literarischen Kanon hat Kaser inzwischen erobert. Die gängigen Lexika listen ihn auf, Vergleiche reichen bis zu James Joyce (der Innsbrucker Germanistikprofessor Sigurd Paul Scheichl) oder Dylan Thomas (der Südtiroler Historiker Hannes Obermair), und die gesammelten Werke haben es sogar auf die gewiss nicht avantgardismusverdächtige SWR-Bestenliste geschafft.

mein haßgeliebtes bruneck
Norbert Conrad Kaser
Joachim Gatterer (Hrsg.)

mein haßgeliebtes bruneck


Ein Stadtporträt in Texten und Bildern
Haymon 2017
216 Seiten, gebunden
EAN 978-3852182346

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