Reisen

Neapel sehen und hören

"Con questa faccia d`angelo", heisst es in dem Lied "Malafemmena" von Giacomo Rondinella und man könnte diese Worte fast auf Napoli münzen, auch eine malafemmena (schlechte, böse Frau), die einem mit einem Engelsgesicht ins Gesicht lügt. Die neapolitanische Realität ist ebenso hart, wie die Lieder, die diese Stadt besingen, süß sind. Es gibt im Italienischen den Ausdruck "mi fa venire la diabetes", wenn etwas zu süß, kitschig, übertrieben ist. Hat man hier den Glauben an die reine, naive Schönheit verloren?

Wer Matteo Garrones Film "Gomorra" gesehen hat, der nach einem Tatsachenroman von Roberto Saviano verfilmt wurde, sieht jenes Neapel, das wir schon kennen. Die Camorra hat die Stadt in der Hand, die Menschen sind arm und dankbar für jede Art von Arbeit, die ihnen der Staat offensichtlich nicht bieten kann. Wer die Wohnviertel in Scampia, dem Stadtteil in Neapel wo der Film gedreht wurde, gesehen hat, dem wird wenig Anlass zur Hoffnung bleiben, dass sich dies je wird ändern können. Aber unter dieser Schicht des Verbrechens und Untergangs, der immer gegenwärtigen Sintflut und des explodierenden Vesuvs, gibt es auch noch ein anderes Neapel zu entdecken. Dieses Neapel ist vielleicht tatsächlich schon versunken, untergegangen im Müll, den die Moderne hinterlassen hat. Dennoch haben sich der Fotograph Max Dax und Peter Cadera, der die vier Musik-CDs zusammengestellt hat, auf die Suche nach genau jenem Neapel gemacht, das so gar nicht unseren Erwartungen entspricht. Jenem Neapel, das es auszugraben gilt, das sich unter dem Schutt der Jahrhunderte abgesenkt hat und auf seine Entdeckung wartet.

"Neapel ist die geheimnisvollste Stadt Europas, es ist die einzige Stadt der antiken Welt, die nicht untergegangen ist. Es ist keine Stadt, es ist eine Welt. Die antike, vorchristliche Welt, die völlig unbeschädigt an der Oberfläche der modernen Welt daliegt.", schrieb Curzio Malaparte, der nicht nur im Vorwort von Peter Cadera zitiert wird, sondern in einem der Fotos von Max Dax eine unerwartete und überraschende Präsenz bekommt. Das erste Foto zeigt die Stadt vom Meer aus, wie sich ihre Wolkenkratzer zwischen den beiden Castelli ausgebreitet haben und kaum einen grünen Baum übrig gelassen haben. Von dort springt der Fotograph mitten ins Leben, in die lebendigen Gässchen der Innenstadt, und man vermeint dazu die Melodie von "Funiculi, funicula" zu hören, die ja gerade einen solchen Aufstieg beschreibt (Funicola ist eine Seilbahn). Dann finden wir eine Innenaufnahme des Palazzo Marigliano neben einer Nachtansicht des Castel Nuovo, die Spaccanapoli (Hauptschlagader der Stadt) oder alte Ausgrabungen in Großaufnahme. Es entsteht ein lebendiges und buntes Bild der Stadt wie sie war und wie sie sich heute dem Besucher präsentiert. Über allem thront wie eine stete Bedrohung mit dem Fingerzeig der Vulkan und vielleicht sind die Bewohner deswegen so poetisch, weil sie den möglichen Tod täglich vor Augen haben, schließlich ist die Stadt auch erdbebengefährdet, nicht "nur" vulkangefährdet. Neapel ist trotz alledem aber vor allem auch eine Stadt der Musik, selbst die Lazzaroni der Stadt, die wirklich nichts zu lachen haben, stimmen in ihrer schlimmsten Not gerne in ein Lied ein, die berühmten "canzonette napolitane", die jedes noch so harte Herz erweichen können.

Auf den vier beigelegten CDs findest sich die Musik der Stadt in einem repräsentativen Querschnitt durch das 20. Jahrhundert. Die erste CD bringt die "original voices" zum erklingen: nicht nur Enrico Carusos "O sole mio", sondern auch das nicht minder bekannte "Torna a Surriento" von Beniamino Gigli. Wer bei dem dritten Lied "`Ndringhete `ndra" von Gabriele Vanorio an etwas anderes als ein Liebeslied denkt, hat wohl zu viele Nachrichten gelesen. "Tutt''a vònno a 'sta bella acquajola, ma nisciuno s''a piglia, pecché?..." Aber dass es sich dabei um ein Lied über die käufliche Liebe handelt, da dürften wohl die weiteren Zeilen keine Zweifel mehr zulassen, denn als Antwort folgt: E pecché?...Pecché...ndrínghete ndrá, 'mmiez'ô mare nu scoglio nce sta... tutte vènono a bevere ccá pecché...ndrínghete, ndrínghete, ndrá!" Man merkt bei diesen Zeilen, dass das Napolitanische nur mehr wenig mit dem Italienischen zu tun hat, besonders wenn man den Dialekt der Toscana (Dante!) als Hochitalienisch bezeichnet. Was wohl ungefähr gemeint ist: Carmella, die "bella fanciulla", das schöne Mädchen, will niemand mit nach Hause nehmen, weil sie das, was sie zu bieten hat, ohnehin freizügig anbietet. Gibt es eine schönere Art das Schlimmste über eine Frau zu sagen, ohne dabei vulgär zu werden?

Die zweite CD "Canzoni" lässt neben dem bereits erwähnten "Funiculi, funicula" von Antonelleo Rondi auch weitere Lieder von Mario Abate, Nino Fiore oder Tony Brunis "Te voglio bene assaie" verhören. Bei letzterem ist der Titel durchaus auch auf Neapel zu beziehen, die Stadt, die für viele so zärtlich besungen wird, wie die Liebe zu einer Frau. CD 3 "The Sixties" zeigt das Werk einiger Interpreten, die sich auch in dieses Jahrzehnt hinübergerettet haben und ihre Lieder nun etwas moderner instrumentalisiert haben. Aber auch neue Sterne am Himmel werden präsentiert. Kein Lied repräsentiert diese Ära sowohl musikalisch als auch inhaltlich wohl besser als "Tu vuo" fa" l`Americano" von Renato Carosone: "Napulitan, tu abball' o' rocchenroll tu giochi a baisboll...ma e solde p' e' Camel chi te li da - la borsetta di mamma." (So ungefähr: "Napolitaner, Du machst auf coolen Amerikaner, aber die Zigaretten zahlt dir immer noch die Mama.",), wie recht Renato Carosone damit bis heute behalten hat! Auf der vierten CD "Past and Present" findet man dann noch weitere modernere Interpretationen der "canzonette napoletane", darunter auch von 99 Posse oder Peppe Barra und Antonio Sorrentino. Das Lied "Si te credisse" von Roberto de Simone beschließt diese wunderschöne Musikauswahl, deren Titel an den Anfang unserer Rezension wunderbar anknüpft: "Wenn ich dir geglaubt hätte, (...)".

Napoli
Max Dax
Peter Cadera

Napoli


La Citta E La Musica
edel 2008
116 Seiten, gebunden, 4 Audio-CDs
EAN 978-3937406268

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