Literatur

Rasende Langweile

Die Darstellung der Persönlichkeit von Grigorij Aleksandrovic Pecorin - eines Offiziers der zaristischen Armee Russlands in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts - aus drei verschiedenen Perspektiven, ist das zentrale Thema in Lermontovs Roman "Ein Held unserer Zeit". Die Rahmengeschichte, wie der Erzähler, der selbst kaum in Erscheinung tritt, im Laufe einer Reise durch den Kaukasus die einzelnen Episoden erfährt, ist chronologisch geordnet. Die vier Novellen jedoch - vier Geschichten aus dem Leben des Protagonisten Pecorin, die von insgesamt drei Erzählern erzählt werden, spielen an unterschiedlichen, nicht miteinander verknüpften Orten und sind auch nicht chronologisch geordnet. Drei Novellen, "Taman", "Prinzessin Mary", und "Der Fatalist", sind Aufzeichnungen aus dem Journal Pecorins und die Novelle "Bela" ist eine Erzählung, die der Offizier Maksim Maksimyc Pecorin erlebt hat. Das dritte Element bildet die Rahmengeschichte, wie der "Autor" Maksimyc und Pecorin kennen gelernt und Pecorins Journal bekommen hat.

Da der Roman stark mit der Biografie Lermontovs verknüpft ist, soll zuerst kurz Lermontovs Lebenslauf dargestellt werden:
Am 3. Oktober 1814 in Moskau geboren, stammt Lermontov väterlicherseits aus altem schottischem Adel (Learmonth) und mütterlicherseits aus dem russischen Hochadel. Er verliert seine Mutter, als er noch keine drei Jahre alt ist und wächst bei seiner sehr dominanten Großmutter in der Provinz auf. Die Großmutter, die stets gegen die Ehe ihrer Tochter mit "diesem Offizier" - Lermontovs Vater - gewesen war, unterbindet auch jeglichen Kontakt Lermontovs zu seinem Vater. 1827, Lermontov ist jetzt 13 Jahre alt, zieht seine Großmutter mit ihm nach Moskau. Anschließend tritt er zur Vorbereitung aufs Studium in das Adelspensionat der Universität ein. 1831, mit 17 Jahren, besucht er die (spätere) Literarische Fakultät der Universität Moskau. Die Universitätsjahre beflügeln Lermontovs literarische Produktivität. 1832 - ein halbes Jahr nach dem Tod des Vaters - geht Lermontov nach St. Petersburg, wo er weiter studieren sollte, sich jedoch wider Erwarten und wider Willen der Großmutter für die militärische Karriere entscheidet. Allerdings verbringt er in der so genannten Junkerschule zwei unglückliche Jahre und stürzt sich, den militärischen Dienst verachtend, ins Gesellschaftsleben. Nach der ersten Verbannung und Versetzung nach Nowgorod kehrt Lermontov 1838 nach St. Petersburg zurück, ist literarisch außerordentlich produktiv und veröffentlicht teilweise auch anonym. 1840 duelliert er sich mit dem Sohn eines französischen Gesandten und wird deswegen nach kurzer Festungshaft wieder in den Kaukasus strafversetzt. Bei Kämpfen zeichnet sich Lermontov durch Tapferkeit aus, eine Ordensverleihung wird jedoch vom Hofe verhindert. 1841 - inzwischen 28 Jahre alt - schreibt Lermontov seiner Großmutter, dass er plant, vom Militär Abschied zu nehmen, wird jedoch kurz danach in einem Duell getötet.

Abweichend von der Darstellung im Roman wurde, um den Inhalt zusammenfassend darstellen zu können, der Handlungsablauf chronologisch geordnet und zwar so, wie es der Übersetzer Vladimir Nabokov 1958 vorgeschlagen hat:
Um 1830 ist Pecorin - dienstlich unterwegs nach Gelendschick - genötigt, im Hafenstädtchen Taman, am Nordfuß des Kaukasus, in einem Schmugglerhäuschen zu übernachten. Nachts beobachtet er eine 18-jährige junge Frau, die er sehr attraktiv findet, beim Entladen von Schmuggelgut. "Sie hatte viel Rasse ... Rasse ist bei Frauen, wie auch bei Pferden eine große Sache." "... obwohl in ihrem Lächeln etwas unbestimmtes war, ... die gerade Nase brachte mich um den Verstand ..." (S.73) Er stellt sie wegen der Schmuggelgeschichte zur Rede, sie weicht jedoch aus und lässt sich davon nicht beeindrucken. Später gibt sie ihm unverhofft einen Kuss und fordert ihn auf, diese Nacht, wenn alle eingeschlafen seien, ans Ufer zu kommen. Verliebt erscheint er nachts am Ufer und erkennt den eigentlichen Zweck dieses Stelldicheins - nämlich ihn als lästigen Zeugen loszuwerden - erst, als sie, weit draußen auf dem Meer, versucht, ihn zu ertränken.

Etwa zwei Jahre später kommt Pecorin im Frühjahr zur Kur nach Pjatigorsk, das an den östlichen Ausläufern des Kaukasus liegt. Er nutzt seinen Kuraufenthalt, um, in Rivalität mit einem Junker, die Gunst der Prinzessin Mary zu gewinnen. Gleichzeitig hat er eine Liebesaffäre mit einer verheirateten Frau. Seine Motivation beschreibt er so: "... nie bin ich zum Sklaven der geliebten Frau geworden; im Gegenteil, ich habe über ihren Willen und ihr Herz immer eine unbezwingliche Macht errungen ... oder ist es mir einfach nie gelungen einer Frau mit festem Charakter zu begegnen?" "... ich muss gestehen, dass ich Frauen mit Charakter wirklich nicht liebe ..." (S.101) Im Gegensatz zur ersten Geschichte (Taman) ist er jetzt auch nicht mehr bereit, sich zu verlieben, dafür schätzt er umso mehr die Macht, die ihm die Verliebtheit anderer einräumt: "Selbst bin ich des Wahnsinns unter dem Einfluss der Leidenschaft nicht mehr fähig, mein Ehrgeiz ist von den Umständen erstickt ... und mein erstes Vergnügen ist, meinem Willen alles zu unterwerfen, was mich umgibt." Und theoretisch begründet er das so: "Leidenschaften sind nichts anderes als Ideen in ihrem ersten Entwicklungsstadium: sie gehören zur Jugend des Herzens, und ein Dummkopf ist derjenige, der meint, von ihnen ein Leben lang erregt zu werden." (S.118) Die Rivalität um die Liebe der Prinzessin Mary eskaliert und die beiden Kontrahenten duellieren sich. Obwohl Pecorin von Anfang an klar ist, dass dieser Konflikt existentielle Konsequenzen haben wird, weicht er ihm nicht nur nicht aus, sondern steuert noch gezielt darauf zu: "Ich spüre, dass wir irgendwann auf einer schmalen Straße aneinander geraten werden und es einem von uns nicht gut bekommen wird." (S.82) Pecorin überlebt das Duell, wird aufgrund dessen jedoch nach Tschetschenien auf das Fort N. strafversetzt.

Im Dezember desselben Jahres nimmt Pecorin an einer Strafexpedition teil. Er verbringt zwei Wochen in einem Kosaken-Wehrdorf. Eines Abends bringt ein betrunkener Kosak einen Leutnant um, verschanzt sich in einem leeren Hause und droht jeden umzubringen, der sich ihm nähere. Als erwogen wird, ihn durch eine Ritze kurzerhand zu erschießen, will plötzlich Pecorin das Schicksal auf die Probe stellen. Er lässt den Kosaken ablenken, dringt durch ein rückseitiges Fenster ein und überwältigt ihn. Auch das Motiv dieser Tat schildert er und zwar folgendermaßen: "Ich zweifle gern an allem: diese Neigung des Verstandes behindert nicht die Entschlusskraft des Charakters - im Gegenteil, was mich betrifft, so gehe ich stets kühner voran, wenn ich nicht weiß, was mich erwartet. Etwas schlimmeres als den Tod kann es nicht geben - und dem Tode entgeht man nicht!" (S.181)

Im Frühjahr 1833, zurück auf Fort N., lernt Pecorin auf einer Hochzeit Bela, die 16-jährige Tochter eines tschetschenischen Fürsten kennen, die ihrerseits von ihm beeindruckt ist. Kurzentschlossen lässt er sie entführen, obwohl ihm klar ist, dass sie, wenn irgendetwas schief gehen sollte, von ihrem Vater umgebracht würde. Nach anfänglichem Sträuben willig sie ein, seine Frau zu werden und die beiden werden ein Liebespaar, wie es schöner nicht sein könnte - für vier Monate, danach langweilt er sich mit ihr.

Die aufschlussreichste Aussage über seine eigene Person macht Pecorin auch in diesem Zusammenhang: "... ich habe einen unglücklichen Charakter ... In meiner ersten Jugend ... begann ich wie ein Rasender, all jene Vergnügungen zu genießen, die man für Geld bekommen kann, und versteht sich, dass ich dieser Vergnügungen überdrüssig wurde.
Dann stürzte ich mich in die Gesellschaft von Welt, und bald hatte ich auch die Gesellschaft satt; ich verliebte mich in die Schönen von Welt und wurde geliebt, - doch ihre Liebe reizte nur meine Einbildung und meine Eitelkeit, das Herz blieb indessen leer...
Ich begann zu lesen und zu studieren - und war bald auch der Wissenschaften überdrüssig; ich sah, dass von ihnen weder der Ruhm noch das Glück abhängen ... Da wurde mir langweilig.
Man versetzte mich in den Kaukasus ... ich hatte gehofft, dass unter den Kugeln der Tschetschenen keine Langeweile lebe - vergeblich. Als ich Bela ... ihre schwarzen Locken küsste, dachte ich Dummkopf, sie sei der Engel, mir gesandt von einem gnädigen Schicksal ... ich hatte mich wieder getäuscht: die Liebe einer Wilden ist nur um weniges besser, als die einer angesehenen Dame; die Unbildung und Herzenseinfalt der einen hat man ebenso bald satt, wie die Koketterie der andern. Wenn sie so wollen, liebe ich sie noch ... - nur langweile ich mich mit ihr ..." (S.42)

Der Übersetzer und Herausgeber von Lermontovs Roman, Peter Urban, hat hervorragende Arbeit geleistet: Diese Übersetzung ist einerseits in flüssigem, leicht zu lesendem, zeitgenössischem Deutsch geschrieben. Andererseits werden Namen, geografische Bezeichnungen aber auch ortspezifische Gegenstände in Russisch bzw. der lokalen Sprache angegeben, sodass der russische bzw. der kaukasische Charakter auch bei der Übersetzung bestmöglich erhalten bleibt. Selbstverständlich hat der Übersetzer alle Ausdrücke in einem ausführlichen Anmerkungsteil erklärt. Daneben geben die Anmerkungen auch Hinweise auf im Text enthaltene Anspielungen Lermontovs und weitere Erläuterungen enthalten eine Chronik der Kriege Russlands im Kaukasus, eine Karte des Kaukasus, einen Aufsatz Lermontovs über den Kaukasier und ein Nachwort. Im Nachwort des Übersetzers findet man einen Überblick über die russische Literatur und eine sehr persönliche Biografie von Lermontov. Mehr kann man nicht verlangen!

Ein Held unserer Zeit
Michail Lermontov

Ein Held unserer Zeit


Friedenauer Presse 2006
252 Seiten, gebunden
EAN 978-3932109461

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