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Existenangst im Swinging London

Carole Ledoux, eine 20-jährige Belgierin, wohnt gemeinsam mit ihrer Schwester in einer Wohnung in London. Tagsüber arbeitet sie in einem Salon für Pediküre und Massagen, aber wenn sie abends nach Hause kommt, übermannt sie der Ekel. Dieser Ekel bezieht sich vorerst nur auf den Freund ihrer Schwester und dessen Präsenz in der Wohnung, die sie mit dem Wegwerfen seiner Zahnbürste quittiert. Doch dann wächst sich ihr Ekel zu einem Ekel gegenüber dem männlichen Geschlecht an sich aus, angesichts der Bedrohung die von diesem gegenüber einer schönen jungen Frauen ausgeht, eigentlich gar kein Wunder.

Ein Kuss ins Leere

"Ekel" spielt im Swinging London der Sechziger, da waren auch schon ganz schön viele Autos unterwegs, Carole geht durch die Straßen und sitzt sinnierend vor einem Riss im Asphalt. Aber sie sinniert nicht. Sie starrt. Als ihr Freund Colin hinzukommt und sauer ist, weil sie eine Stunde zu spät auftauchte, bleibt sie still, schusselig bückt sie sich nach der auf den Boden gefallenen Handtasche und die beiden Köpfe stoßen zusammen. Straßenmusiker bewegen sich spielend über einen Zebrastreifen. Die Kamera fängt diese (scheinbar) spontane Straßenszene (Cameo-Auftritt Polanskis) auf, um dann wieder in das Auto der beiden zu schwenken. Die Musik wird später an einer bestimmten Stelle wieder zu hören sein. Als er sie im Auto küsst, schaut sie ins Leere. Im Aufzug alleine, wischt sie sich seinen Kuss voller Ekel weg. Schon in diesen ersten harmlosen Szenen wird der Ekel, den Carole empfindet, fühlbar, aber auch die Entfremdung, die sie gegenüber ihren Mitmenschen empfindet, zeichnet sich ab.

Existentialistischer Surrealismus

Als ihre Schwester dann mit ihrem Freund in den Urlaub fährt, dämmert es dem Zuseher langsam, dass jetzt der eigentliche Film erst beginnt und das Unheimliche sich immer mehr verbreitet, denn Carole hält sich nur noch in ihrer Wohnung auf. Aus diesem Grund wird dieser Film auch zur sogenannten Mieter-Trilogie gezählt, da alle drei Filme Polanskis – "Der Mieter", "Rosermary’s Baby" und "Ekel" – in einem Apartment spielen. "Ekel" glänzt nicht nur durch seine surrealistischen Einfälle – wenn etwa beim Betätigen eines Lichtschalters die Wand auseinanderkracht oder der Kopf des toten Kaninchens in Caroles Handtasche Platz findet – sondern auch durch die Darstellung psychischer Leiden einer Frau, die sich von der Männerwelt verfolgt fühlt und unter einer paranoiden Schizophrenie leidet. Eine beeindruckende Performance der nur 20-jährigen Catherine Deneuve in der Hauptrolle. Für Deneuve und den Regisseur Roman Polanski war dieser Film der Durchbruch.

Viele Extras: Dokumentation "A British Horror Film", Interview mit Kameramann Stanley Long, Audiokommentar von Roman Polanski und Catherine Deneuve, Trailer und bei Studiocanal erstmals auf BluRay digitally remastered ergänzen den Hochgenuss für Cineasten.


von Juergen Weber - 27. Oktober 2018
Ekel
Roman Polanski (Regie)

Ekel


STUDIOCANAL 2018
Laufzeit: ca. 105 Minuten
EAN 4006680088945