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Die Geheimnisse der Kränkung und das Rätsel des Narzissmus

Narzisstische Spiegel im Überfluss

Narziss war von seiner eigenen Schönheit so überzeugt, dass er alle Verehrerinnen und Verehrer zurückwies. Der Bewerber Ameinias brachte sich aufgrund dieser Zurückweisung um, rief aber die Götter an, seinen Tod zu rächen. Nemesis erhörte diese Bitte und strafte Narziss mit unstillbarer Selbstliebe. Narziss verliebte sich daraufhin in sein eigenes Spiegelbild ohne zu erkennen, dass er sich selbst sah und ging schließlich daran zugrunde.

Fallen und wieder aufstehen

Heute wird der Begriff "Narzissmus" in der Psychologie und Psychotherapie gerne verwendet, um ein Phänomen zu beschreiben, von dem im Zeitalter der virtuellen Digitalisierung wohl niemand so ganz gefeit sein dürfte. Denn wer hat noch nie ein Selfie von sich gepostet und auf Reaktionen seines Schwarms gewartet? Eben. Wolfgang Schmidbauer, Dr. phil., ist ein renommierter Psychoanalytiker, Psychotherapeut für Einzel- und Paartherapie, der in München und Dießen am Ammersee lebt und arbeitet und schon sehr viele Bücher in seinem Arbeitsbereich publiziert hat. In vorliegender Publikation, die beim Klett-Cotta Verlag erschienen ist, erzählt er in zahlreichen Fallgeschichten aus der Praxis und nähert sich mit Therapie-übergreifenden Reflexionen dem Phänomen der individuellen Kränkbarkeit – ohne Diagnosemacht und vorschnelle Verallgemeinerung. Man lernt viel, zum Beispiel nicht aufzugeben: "Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better." (Samuel Beckett).

Der Umgang mit Kränkungen

Schmidbauer berichtet von seinen Patienten, die als Einzelne oder Paare seine Praxis aufsuchen, weil sie – nicht selten – an einer Kränkungsgeschichte leiden, denn eine der häufigsten Ursachen von zwischenmenschlichen Problemen liege in unserer Kränkbarkeit. Etwa wenn Frauen ihren Wunsch nach Ehemann und Liebhaber so ausleben, dass sie ein Kuckucksei unterjubeln. 5-20 Prozent der Kinder seien in Deutschland davon betroffen. "Durch die Erkenntnis der sexuellen Untreue verwandelt sich der bisher geliebte Lebenspartner in ein Monster, an dem Rache erlaubt und von dem nichts Gutes zu erwarten ist." Aber wie ist mit dieser Kränkung umzugehen? Schmidbauer warnt davor, in einer Beziehung zu viel zu geben, denn "wer anderen blindlings möglichst viel gibt, überschätzt die Kraft der Güte". Die Erwartung für seine Großzügigkeit Bewunderung oder Dankbarkeit auszulösen, sei nichts anderes als "magisches Denken". Dieser sogenannte Machiavelli-Fehler wurzelt in der Illusion einer Symmetrie der Erwartungen. Mangel sei eben leichter zu ertragen als Verlust. Wer sich selbst nicht liebenswert fühle, klammere sich an Liebesbeweise und erlebe Sicherheit als Perfektion wechselseitiger Wunscherfüllung und Idealisierung. So schwindet die Fähigkeit, mit Abweichungen von diesem Ideal umzugehen.

Lex talionis – das Gesetz der Vergeltung

Nemo me impune lacessit (Keiner kränkt mich ungestraft). Von einer narzisstischen Kränkung spricht man, wenn man im eigenen Ehrgefühl, seinem Stolz oder im Innersten getroffen wird. In einer individualisierten Gesellschaft sei Liebe eine der letzten Illusionen, schreibt Schmidbauer, aber je ausgeprägter die Liebesillusion eine narzisstische Störung ausgleichen soll, desto eher wird das Liebesobjekt überschätzt. Narzissten würden sich ihre Liebesbeziehungen perfekt, harmonisch, konfliktfrei wünschen und sich nach einem Gegenüber sehnen, das sie durch ihre Liebe erlöse. Das allerdings sei keine besonders gute Vorbereitung auf die Realität des Zusammenlebens. Kritische Worte zum biblischen "Wange hinhalten", der Bergpredigt, soll schon Freud gefunden haben, da dies nur zu einer Inflation der Liebe führe und deren Wert herabsetze. Denn eigentlich ginge es auch dabei nur um das narzisstische Gefühl, sich besser als der andere zu fühlen. Auch vor Symbiosesüchtigen in der Liebe warnt Schmidbauer: ein Partner verliere das Recht auf seine Grenze und seine Individualität, er müsse für den Symbiossüchtigen erfüllen, was er angeblich versprochen habe. Sobald er dem Bild aber nicht mehr entspricht, wird es schwieriger ihn zu lieben, je mehr man real von ihm hat. Denn das Bild (die Illusion), die man sich vom Idealpartner macht, ist oft wichtiger als der Partner selbst. Aber gegen eine Fantasie zu konkurrieren, ist zu schwierig.

Das Primat des Bildes über Sprache

Die virtuelle Welt biete narzisstische Spiegel im Überfluss, Teilhabe an Romantik, Schönheit, grandioser Natur und menschlichem Drama, die in der Realität schwer zu haben sind und viel Mühe kosten. "Bilder bieten eine prekäre Sublimierung regressiver Bedürfnisse.", schreibt Schmidbauer. Reale Menschen lassen sich eben weniger leicht manipulieren und schlechter kontrollieren als die bewegten Bilder. "Wo sich in der Realität Spannung aufbauen könnte, herrscht auf dem Bildschirm Entspannung." Ist es das, was wir alle wollen?

Behutsam erzählt der Autor in insgesamt 14 Kapiteln von verschiedenen Kränkungen und gibt Fallbeispiele zur Nachvollziehbarkeit der im jeweiligen Kapitel problematisierten Kränkung. Ein bestürzendes und ebenso realistisches Porträt der Liebe im 21. Jahrhundert.


von Juergen Weber - 15. November 2019
Die Geheimnisse der Kränkung und das Rätsel des Narzissmus
Wolfgang Schmidbauer

Die Geheimnisse der Kränkung und das Rätsel des Narzissmus


Seelische Verletzlichkeit in der Psychotherapie
Klett-Cotta 2019
240 Seiten, broschiert
EAN 978-3608892307