Kultur

Schöne Schlangengrube

Eine Marke, die Russland wirklich repräsentiert, sei das Bolschoi Theater. Auch die Kalaschnikow, aber die sei heute überholt. Das Bolschoi hingegen ist unvergänglich, es ist unmittelbar mit der russischen Volksseele verbunden. Und wenn das Theater krank ist, dann stimmt auch etwas mit dem Land nicht. Die Vorgänge um das Säureattentat auf den Bolschoi-Ballettchef Sergej Filin warfen ein erschreckendes Bild sowohl auf das Theater als auch auf das Land. Der damals 42-jährige Filin erlitt bei dem Anschlag schwerste Verätzungen im Gesicht und an den Augen und wollte nach mehr als 20 Operationen in der Augenklinik in Aachen ungeachtet seiner Sehbehinderung mit den 220 Tänzern der größten Balletttruppe der Welt weiterarbeiten. Die Dokumentation zeigt, dass dies dann aufgrund persönlicher Differenzen mit dem neuen Verwalter des Bolschoi nach einer Spielsaison nicht mehr möglich war. So hatte der Attentäter sein Ziel letztendlich doch noch erreicht - auch wenn er heute in einem sibirischen Straflager seine Verantwortung übernehmen muss.

Bolschoi: Metapher für Zustände in Russland?

Beeindruckende Bilder und schöne Musik, dazu die einmalige Atmosphäre des wohl schönsten Theaters der Welt zeigen eine Welt der Perfektion im Scheinwerferlicht, aber auch in den dunklen Ecken, die von dem Regisseur gekonnt ausgeleuchtet werden. Durch Zeitzeugeninterviews mit Betroffenen - also Menschen die zur Zeit des Attentats am Bolschoi arbeiteten - wird eine authentische Atmosphäre vermittelt, die tief in das Grauen des staatlichen Renommiertheaters eintauchen lassen. Denn selbst der Attentäter hat nicht nur Schatten-, sondern auch Lichtseiten, etwa wenn er die diktatorische Führungspolitik Filins bei seinem Prozess thematisiert. Er verteidigt sich auch damit, dass er ihm zwar eine Abreibung verpassen wollte, aber dem Beauftragten nichts von Säure ins Gesicht schütten mitgeteilt habe. Aber natürlich ist seine Tat - auch wenn sie an zwei Komplizen delegiert wurde - durch nichts zu rechtfertigen. Der Film zeigt dennoch beide Seiten und in den Gesprächen mit Tänzerinnen kristallisiert sich ebenfalls Kritik am Führungsstil Filins heraus, der in seiner Amtszeit eine Liebkindpolitik betrieben habe und Leute eingestellt hatte, die vom Niveau her mit den andern Tänzern gar nicht hätten mithalten können. Auch ein Ehepaar soll er versucht haben zu spalten, mit einer Art Erpressung.

Interviews zum Fall Filin

Maria Alexandrowa, Primballerina meint, dass sie sehr wohl wisse, dass jeder am Bolschoi ersetzbar sei. Töpfe voller Gold gebe es hier keine, sondern vor allem körperliche Anstrengung, ihr war einmal die Achillessehne gerissen, aber sie machte weiter, trotz der Schmerzen. Auf der Bühne sei sie nicht gestolpert und so habe sie ihr Gesicht vor dem Publikum gewahrt. Ansonsten wäre eine Wiedereinstellung nach der Operation und Genesung wohl nicht mehr möglich gewesen. Die Wasserflecken an der Wand des Proberaumes zeigen die Bedingungen, unter denen viele in Russland arbeiten müssen, sie hat sogar noch einen Sohn um 7 in die Schule zu bringen, aber sie will eigentlich noch mehr arbeiten, sie sei "wie eine Süchtige auf Entzug". Als die Polizei nach dem Attentat ins Theater kam, hätten sie alle wie Verbrecher behandelt, die Polizisten wussten nicht, dass die Theaterleute noch nie etwas mit dieser Welt zu tun hatten, denn sie leben und arbeiten in einem geschützten Umfeld. Aber dass selbst dort die Brutalität sich ihren Zutritt verschaffte, zeigt die Zerrüttung der russischen Seele und des Landes in eindrücklicher Weise, wie viele Interviewte übereinstimmend sagen. Archivaufnahmen des alten Bolschoi zu Stalins Zeiten oder ein Staatsbesuch von Castro mit Chrustschow im Bolschoi. Der englische Filmemacher Nick Read hat sich in eine wirkliche Schlangengrube begeben und ein beeindruckendes Werk über Macht, Intrige und Neid im schönsten Theater der Welt abgeliefert.

Bolshoi Babylon
Nick Read (Regie)

Bolshoi Babylon


Dokumentation
Polyband 2016
Laufzeit: 83 Minuten
EAN 4006448766467

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