Literatur

Das Unbewältigbare bewältigen

Etwa 3’000 Menschen haben am 11. September 2001 in den New Yorker Twin Towers ihr Leben verloren, etwa 15’100 von 17’400 Personen konnten sich aus dem World Trade Center retten, kann man in Wikipedia lesen. Unter den Toten waren auch viele Feuerwehrleute.

Der Jurist und Autor Eddie Joyce hat sich vorgestellt, wie die Angehörigen eines zu Tode gekommenen Feuerwehrmannes mit ihrem Schicksal zurecht kommen und einen einfühlsamen, gescheiten und differenzierten Roman darüber geschrieben, seinen Erstling "Bobby", in dem viel Alltägliches geschildert wird. Normalität soll vermittelt werden. Mit dem Gewohnten und Vertrauten soll dem Schrecken, dem Unfassbaren, dem, was nicht sein darf, Einhalt geboten werden.

Es ist ein höchst realistischer Roman, die Dialoge scheinen dem richtigen Leben abgeguckt, mit den Konflikten und der Seelenpein der auftretenden Figuren kann man sich bestens identifizieren, auch wenn man 9/11 und das für die Beteiligten konkret daraus Folgende aus sicherer Distanz zur Kenntnis genommen hat. Denn "Bobby" ist zwar eine Post-9/11-Fiktion, doch eine, die, wie es wirklich gute Romane so an sich haben, viel näher an der Realität ist als viele journalistische, dokumentarische oder auch wissenschaftliche Versuche.

Bobby Amendola war Feuerwehrmann, er ist beim Einsturz der Twin Towers ums Leben gekommen. Fast zehn Jahre später versuchen seine Angehörigen immer noch so etwas wie ein normales Leben zu führen. Doch das ist mehr als schwierig, denn es ist eine Gratwanderung zwischen dem notwendigen Vergessenmüssen, um weiter leben zu können, und dem Gedenken an die Opfer der Katastrophe, um sie zu ehren. Diesen Konflikt und den ganz unterschiedlichen Umgang damit, beschreibt Eddie Joyce sehr überzeugend.

Sein Zimmer hat seine Mutter Gail seit Bobbys Heirat und Auszug unverändert gelassen. Tina, seine Witwe, war seit seinem Tod mit keinem anderen Mann mehr intim. Doch dann taucht Wade auf, dessen Frau vor drei Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Tina und Wade fühlen sich stark voneinander angezogen.

Wade ist ein Freund von Peter, Bobbys Bruder. Und von Peters Leben als Anwalt erzählt der ehemalige Strafverteidiger Eddie Joyce auch. Bestens informiert schildert er die Arbeit (und das Drumherum) in einer renommierten Anwaltskanzlei. Man erfährt dabei auch viel Erhellendes über das amerikanische Klassensystem mit seiner spezifisch protestantischen Arbeitsethik. Man nimmt Teil am Denken von Feuerwehrleuten (nicht nur der verstorbene Bobby, auch sein Vater war bei der Feuerwehr) und am Leben auf Staten Island, das wesentlich weiter von New York entfernt liegt als eine Fahrt mit der Fähre.

Eddie Joyce operiert mit vielen Rückblenden. Zu diesen gehört auch, dass sich Gail und Tina Bobby-Geschichten erzählen. "Du musst alles betrauern, die Schwächen wie die Stärken, die schlechten wie die guten Momente. Du musst jeden Stein umdrehen und jede einzelne Traurigkeit annehmen, die du darunter findest. Genau das leisteten die Bobby-Geschichten. Gemeinsam gaben Tina und Gail dem Schmerz, was ihm gebührte." Das bringt sehr schön die herrschende Ideologie der Vergangenheitsaufbereitung auf den Punkt. Ob dieses Wühlen in dem, was nicht mehr geändert werden kann, wirklich eine so gute Idee ist (ich halte die Vorstellung, dass der Mensch aus der Vergangenheit lernt, weitgehend für eine Illusion), davon bin ich zwar nicht überzeugt, doch wie der Autor die ganz unterschiedlichen Vergangenheitsbewältigungsstrategien schildert, ist höchst eindrucksvoll.

"Bobby" ist ein überaus gelungenes, ja ein herausragendes Werk!

von Hans Durrer - 31. Dezember 2016 - Short URL https://goo.gl/q92UxS

Literatur Tod Trauer Roman USA Englisch

Bobby
Eddie Joyce
Karen Nölle (Übersetzung)
Hans-Ulrich Möhring (Übersetzung)

Bobby


DVA 2016
Originalsprache: Englisch
416 Seiten, gebunden
EAN 978-3421046512

Die Würde des Todes

Der unappetitliche Sturz des vermeintlich Irren auf das Pflaster vor einer New Yorker Pizzeria verdirbt dem Besitzer das Geschäft, den Gästen den Appetit und den Passanten den Feierabend.

Lesen

Kaltblütig recherchiert

Truman Capotes Meisterwerk ist ein erschütternder Tatsachenbericht über ein grausames Verbrechen.

Lesen

Diesseits und jenseits des Lebens

In seinen neuen Erzählungen überschreitet Cees Nooteboom die Grenze zum Nirvana. Die Erinnerung an die Verstorbenen macht er zu einer Ode an das Leben. "Nachts kommen die Füchse" setzt einen angenehmen Kontrapunkt zur lebendigen Hektik unserer Zeit und gibt jedem Leser die Möglichkeit, in Ruhe zu versinken und innezuhalten.

Lesen

99 Jahre und kein bisschen weise

Ein bedrückender Roman über einen Mann am Ende seines Lebens, der schon immer mehr für eine Sonnenfinsternis übrig hatte als für seine eigene Familie.

Lesen

Wer Leben will, muss Töten

Sergio Álvarez legt nach jahrelanger Arbeit mit "35 Tote" einen eindrücklichen Roman über die jüngere Geschichte Kolumbiens vor. Er scheut sich nicht, genau hinzuschauen, auch wenn es blutig, dreckig und eigentlich unerträglich wird. Ein Lektorat mit mehr Mut zur Lücke hätte dem Buch aber gut getan und Vergleiche mit García Márquez' "Hundert Jahre Einsamkeit" sind nur schon aus sprachlicher Sicht nicht angemessen.

Lesen

Schlingensief und der Krebs

Schlingensief beschreibt seinen ganz persönlichen Umgang mit seiner Krebserkrankung, mit dem nahenden Tod. Ein ergreifendes Buch, mit ungeheurer Lebendigkeit geschrieben und daher alles andere als deprimierend.

Lesen
Stolz und Vorurteil
Hello, it's good to be back!
Tochter des Vulkans
Ich hoffe, dein Leben war schön
Heimsuchung
Der Trick
Regengötter
Blau ist die Nacht
Hôtel du Nord
Die Geschichte von Herrn Sommer
Lila, Lila
Hundert Tage
by rezensionen.ch - 2001 bis 2017