Literatur

Rilkes Hommage an die Romantik der Nacht

"Was macht die lange Nacht mich zag und bang?/Ich bin ja mehr als diese armen Worte:/Sie sind der Pfad, ich aber bin die Pforte/und rüste meine Pfeiler zum Empfang.", schreibt Rilke am 2. Februar 1898 in Berlin, in einem Gedicht, in dem er auch erkennt, was seine Sehnsucht macht: "Sie baut und baut/ an einer breiten Brücke/ über die Nacht...". Rainer Maria Rilke hatte bei der Herausgebe dieser Gedichte schon unter dem Kriege gelitten, denn er verunmöglichte ihm die Rückkehr nach Paris, wo sein ganzer Besitz, "der zum großen Teil ein fast innerer war", verlorenging. Als er selbst dann im Januar 2016, also vor genau 101 Jahren, zum österreichischen Militärdienst eingezogen wird, fühlt er sich in seinem physischen und psychischen Wesen grundlegend "widerrufen", wie auch Bohnenkamp im Nachwort schreibt. Bald aber wieder davon befreit, überbrückt er die Zeit des Krieges erst in München, dann in der Schweiz.

Das Motiv der Nacht nach Rilke

Die Anordnung der Gedichte der Nacht orientiere sich nicht an deren Entstehungsdaten, sondern versuche die existentielle Hoffnungslosigkeit jener Tage zu reflektieren, in denen sie niedergeschrieben worden waren. Es gelinge Rilke kraftvoll die "Konvention epigonaler Stimmungslyrik" zu überwinden und mit zunehmender Sicherheit und Prägnanz das Motiv "Nacht" zu definieren. Natürlich hört man immer wieder Novalis' Hymnen der Nacht durch, aber bei Rilke ist die Nacht zugleich auch eine unbekannte Gefährtin oder ein Engel, denen er zuflüstert: "Hinweg, die ich bat endlich mein Lächeln zu kosten...". Der Engel fungiere als "antropomorphe Gestalt, Bindeglied und Mediator zwischen Mensch, Nacht und Welt-Raum".

Elegien an die Macht der Nacht

Indem die "Gedichte an die Nacht" neue gedankliche und sprachliche Dimensionen erschlössen, wiesen sie entschieden auf das Spätwerk Rilkes voraus, so Bohnenkamp, worauf auch das Formale hinweise: "der zunehmende Verzicht auf strophische Gliederung, der vom fünfhebigen Jambus ebenso wie vom elegischen Distichon geprägte Rhythmus der Langzeilen, Inversionen, harte Fügungen" würden im Vorgriff auf die kommenden "Elegien" und die späte Lyrik Rilkes verweisen, schreibt Bohnenkamp im Nachwort. Im Anhang befindet sich ein alphabetisches Verzeichnis der Überschriften und Gedichtanfänge sowie ein Inhaltsverzeichnis mit Seitenangaben, sowie Hinweise zur vorliegenden Edition. "Wir in den ringenden Nächten/wir fallen von Nähe zu Nähe,/und wo die Liebende taut,/sind wir ein stürzender Stein.", RMR in Muzot, 9. Februar 1922, "Aber auch hier wo wir niemals/uns finden, sind Räume der Engel".

Gedichte an die Nacht
Rainer Maria Rilke
Klaus E. Bohnenkamp (Hrsg.)

Gedichte an die Nacht


Suhrkamp 2016
Gebunden, 125 Seiten
EAN 978-3458176947
insel Bibliothek

Bukowskis letzte Worte

Eine sorgfältig zusammengestellte Sammlung bisher auf Deutsch unveröffentlichter Gedichte Charles Bukowskis. Zum Buch besorgt man sich am besten gleich ein Sixpack Bier.

Lesen

Aus der Lyrikforschung

Von der Geschichte, Theorie und Poetik der Lyrik bis zu ihrer Vermittlung und Analyse: All dies trägt dieses Handbuch in sich!

Lesen

Bukowski hören

Bukowskis einzige Deutschland-Lesung aus dem Jahr 1978 als Hörbuch. Ein Juwel für jeden Bukowski-Fan und alle, die den Poet noch entdecken wollen.

Lesen

Zur Geschichte der deutschen Lyrik

Eine mehrbändige deutschsprachige Literaturgeschichte zur Gattung Lyrik aus dem Hause Reclam.

Lesen

Grundlagen der Gedichtinterpretation

Eine kurze Einführung zur Analyse von Gedichten

Lesen

Die Blumen des Bösen neu übersetzt

Die Neuübersetzung dieses Klassikers der französischen Literatur erscheint zum 150. Todestag von Charles Baudelaire in einer zweisprachigen Ausgabe, die in drei Abschnitte geteilt ist. Eine wohlverdiente Würdigung.

Lesen
Wovon die Wölfe träumen
Aus der nahen Ferne
Die Geschichte des Regens
Mord auf Bestellung
Deutsche Literaturgeschichte / Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft
Kopfüber zurück
Durch Nacht und Nebel von Istanbul bis Hakkâri
Nibelungen. Heimsuchung
Kafka geht ins Kino
Der Sieger bleibt allein
Tuareg
Doktor Schiwago
by rezensionen.ch - 2001 bis 2018