Literatur

Konfrontiert mit der eigenen Endlichkeit

Es ist eine Situation, in die man selbst niemals kommen möchte, die der britisch-russische Schriftsteller Edward Docx in seinem neuen Roman seinen Ich-Erzähler Lou schildern lässt. Er fährt zusammen mit seinem todkranken Vater Larry, seines Zeichens Literaturprofessor, der unter der unheilbaren Krankheit ALS leidet, die ihn bald bewegungsunfähig machen wird, in einem alten VW-Bus von England aus quer durch Europa nach Zürich, wo der Vater die lange von ihm geplante und vorbereitete Sterbehilfe bei Dignitas in Anspruch nehmen will.

Auch die Reise selbst hat der Vater minutiös vorbereitet und alle Stationen genauestens geplant. Orte, die er vor seinem Tod noch einmal sehen, Dinge, die er noch einmal machen möchte. Über eine lange Zeit hat Larry mit Lou Gespräche geführt, und es scheint zunächst so, dass der Sohn mit der Entscheidung seines Vaters einverstanden wäre. Irgendwann wird ihm Folgendes klar: "Erstens: Der Tod macht die Liebe stärker. Das Unterbewusstsein (das weiß, dass es nicht ewig leben wird) nährt das Bewusstsein (das weiß, dass es im Moment noch am Leben ist). Zweitens: Im Leben geht es darum, seinen Frieden mit der beständig wachsenden Liste der erlittenen Verluste zu machen. Drittens: Intellektuelles Verständnis hat praktisch keinen Einfluss auf die Gefühle, die dabei mit im Spiel sind."

Die Erfahrung machen mehr oder weniger auch die beiden Stiefbrüder von Lou, die im Laufe der Reise zu den beiden stoßen und sofort nicht nur in die immer nur angedeuteten Gespräche über das, was bevorsteht, hineingezogen werden, sondern mit immer mehr innerfamiliären Befindlichkeiten und Erinnerungen sich konfrontiert sehen.

In zahlreichen Rückblenden lässt Docx nicht nur seine Figuren, sondern auf eine berührende Art auch seine Leser die Familiengeschichte der vier Protagonisten erleben, überraschend lustige Momente werden da beschrieben, die Fehler kommen schmerzhaft zur Sprache, die Versäumnisse werden spürbar. Und die tiefe Liebe, die alle füreinander empfinden. Und die Angst vor einer Entscheidung. Sie kommen schlussendlich ans "Ende der Reise", nach Zürich. Welches Ende aber die Geschichte der vier nimmt, soll hier offen bleiben. Lesen Sie selbst diesen Roadtrip zwischen Weinen und Lachen, dieses gefühlvolle, witzige, hintergründige Buch voll wunderbarer Formulierungen mit einem Thema, das keinen Leser kalt lassen wird, weil er sich konfrontiert sieht mit der eigenen Endlichkeit.

Am Ende der Reise
Edward Docx
Jenny Merling (Übersetzung)
Anna-Christin Kramer (Übersetzung)

Am Ende der Reise


Kein & Aber 2018
Originalsprache: Englisch
420 Seiten, gebunden
EAN 978-3036957654

Kaltblütig recherchiert

Truman Capotes Meisterwerk ist ein erschütternder Tatsachenbericht über ein grausames Verbrechen.

Lesen

99 Jahre und kein bisschen weise

Ein bedrückender Roman über einen Mann am Ende seines Lebens, der schon immer mehr für eine Sonnenfinsternis übrig hatte als für seine eigene Familie.

Lesen

Echos aus dem Jenseits

Ein stiller Ort in der Einsamkeit der mexikanischen Steppe. Der Wind treibt den Sand durch die Straßen, die in der Mittagshitze flimmern. In diesem Ort wohnt das Grauen und es hat einen Namen: "Pedro Páramo".

Lesen

Eine Reise in die Nacht

Hansjörg Schertenleib erzählt berührend von Liebe und Endlichkeit. Seine Novelle beeindruckt auch durch ihre große Ernsthaftigkeit.

Lesen

Schicksal oder Zufall?

Hendriks Freundin hat sich das Leben genommen. Die zwischenmenschlichen Probleme, die sich daraus entwickeln und die gefährlichen Wege, die Hendrik womöglich beschreitet, beschreibt die Autorin in diesem spannenden Jugendbuch.

Lesen

Porträts eines sterbenden Mädchens

Elisabeth Zahnd Legnazzi hat das Sterben Ihrer Tochter Chiara fotografisch dokumentiert. Ein berührendes, beklemmendes und dennoch schönes Buch, das die Vergänglichkeit des physischen Lebens - sei es noch so jung - visualisiert.

Lesen
Wovon die Wölfe träumen
Aus der nahen Ferne
Die Geschichte des Regens
Geschichte der deutschen Lyrik
An einem Tag wie diesem
Die dritte Wahrheit
Unter der Drachenwand
Die Mutter
Überseezungen
Und da kam Frau Kugelmann
Ein unbekannter Freund
Belladonna
by rezensionen.ch - 2001 bis 2018