Kultur

Leben und Tod

Zwei Zitate leiten diesen aussergwöhnlich feinfühligen Band ein und sie seien hier genannt, weil sie (für einmal) wirklich eine Hinführung sind auf das, was man auf den folgenden Seiten antreffen wird:

Auf alle Menschen wartet gleicher Tod
Und keinen gibt es, der an diesem Tag
Schon weiss, ob er den nächsten noch erlebt.
Euripides

Das Leben ging und nahm die Enttäuschungen des Daseins
gleichfalls mit sich fort. Ein Lächeln schien auf den Lippen meiner
Grossmutter zu liegen. Auf dies letzte Lager hatte der Tod sie wie
ein Bildhauer des Mittelalters mit den Zügen eines jungen Mädchens
hingestreckt, das sie einst gewesen war.
Marcel Proust, "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit"

Als der Vater der Journalistin Beate Lakotta im Alter von 58 Jahren an Krebs starb, sassen sie und ihre Mutter eine Woche lang an seinem Krankenbett. Als die beiden von den Krankenschwestern nach Hause geschickt wurden, damit sie etwas Schlaf bekamen, starb er. "Ich habe mir meinen Vater nicht mehr angeschaut … Ich kann nicht einmal sagen, dass ich Angst vor diesem Anblick gehabt hätte … Heute fehlt mir dieses letzte Bild", schreibt Lakotta. Walter Schels, der Fotograf, geboren 1936, ist ein Kriegskind und mit dem Tod schon früh vertraut " … kraxelte er durch eingestürzte Behausungen, identifizierte eine tote Nachbarin am Muster ihrer Schürze und barg einen herumliegenden Arm. Geblieben ist ihm eine lebenslange, tiefsitzende Angst vor Leichen, Skeletten und Beerdingen."

Lakotta und Schels machen sich auf in zwei Hospize, eines in Berlin, das andere in Hamburg, und tun, was gute Dokumentaristen tun: sie gucken genau hin, nach aussen und nach innen, und beschreiben beziehungsweise bebildern, was ihnen fassbar wird. Was das Buch unter anderem auszeichnet, ist, dass es den Leser an einem Erfahrungs- und Lernprozess teilhaben lässt. Zwei Beispiele:
"Gleich der erste Gast, den wir kennenlernten, Herr Müller, hatte uns mit dem Erzählen von Witzen verwirrt. Später tobten Hunde über den Flur, Enkel standen mit ihren Blockflöten an Grosmutters Bett -sogar von einer Hochzeit im Hospiz wurde uns berichtet. Allmählich dämmerte uns, dass wir uns - bei aller Trauer - an einem Ort befanden, wo so intensiv gelebt wird wie sonst kaum irgendwo."
"Immer wieder haben wir im Laufe des Jahres, in dem wir an diesem Buch arbeiteten, erfahren, dass jemand, der von seinem bevorstehenden Tod weiss, noch lange nicht daran glaubt, es werde wirklich geschehen. So oft ist uns dieser Zwiespalt begegnet, dass wir uns mittlerweile gut vorstellen können, ihm selbst eines Tages zu erliegen."

"It's easier to really look at someone in a photograph than in real life - no discomfort at meeting the other person's eye, no fear of being caught staring" liest man bei "A.M. Homes" in ihrer Erzählung "The Mistress's Daughter". In der Tat. Hinzu kommt, dass die Aufnahmen von Walter Schels in hohem Masse zum Verweilen einladen. Guckt man länger hin, lässt man sich auf sie ein, vermeint man zu spüren, dass diese Bilder respektvoll entstanden sind und deshalb Leben und Tod als ganz einfach verschiedene Daseinsweisen zeigen

Von jeder der abgebildeten Personen erfährt man - neben der Geschichte zum Bild beziehungsweise zur Person - neben dem Alter auch wann und wo das erste Porträt aufgenommen wurde. Viele hatten nach dieser ersten Aufnahme nur noch ein paar Tage zu leben. Wer dies weiss, schaut diese Porträts noch einmal anders, ja eindringlicher, an als man dies normalerweise tut - schliesslich beeinflusst, was wir wissen, unsere Sehweise.

Eine der bewegendsten Aufnahmen zeigt ein 17 Monate altes Mädchen, das an einem Tumor gestorben ist. Wer sich die Zeit nimmt (und man soll sich Zeit nehmen für dieses Buch), diese Geschichte - die Bilder und der Text dazu sind gleichermassen eindrücklich - auf sich wirken, sie an sich heran zu lassen, der (oder die) wird für ein paar Augenblicke verstehen, dass wir nicht nur den Tod, sondern auch das Leben nicht begreifen können.

von Hans Durrer - 10. Januar 2009 - Short URL https://goo.gl/wXZ7k

Kultur Fotografie Tod Trauer

Noch mal leben vor dem Tod
Beate Lakotta
Walter Schels

Noch mal leben vor dem Tod


Wenn Menschen sterben
DVA 2008
224 Seiten, gebunden
EAN 978-3421058379

Porträt der Ureinwohner Amerikas

Die Indianer Nordamerikas wurden von Edwars S. Curtis zwischen 1907 und 1930 porträtiert und ein Werk aus 8 Bänden entstand, das in einer Auswahl nun beim Taschen Verlag erschienen ist. Eine fotografische Reise in eine versunkene Welt.

Lesen

75 Jahre Capitol Records

75 Jahre Capitol Records sind ein guter Anlass für dieses Familienalbum der Superstars, die bei der Hollywood-Plattenfirma unter Vertrag waren: Von Frank Sinatra bis zu den Beastie Boys oder Radiohead.

Lesen

architectura berliniensis

Der deutsche Fotograf Gerrit Engel verortet Geschichte mit seiner Kamera. Nachdem er 2006 Manhattans Stadtgeschichte anhand der historischen Gebäude nachgezeichnet hat, liegt nun ein Band mit Fotografien der Geschichte bildenden Berliner Architektur vor.

Lesen

Fotografien der "Neuen Frau"

Im November letzten Jahres wäre die Fotografin Marianne Breslauer 100 Jahre alt geworden. Die Berlinische Galerie feiert Breslauer noch bis zum 1. November mit der ersten umfassenden Werkschau mit etwa 130 Aufnahmen.

Lesen

Lesbisch fürs männliche Vergnügen

Dian Hanson legt mit "Lesbians for Men" erneut ein Werk vor, das alle Tabus bricht. Sogar die der Frauenbewegung. Ein Bildband mit interessanten Essays und Fotos der berühmtesten Fotografen der Welt sowie Abbildungen von alten Filmplakaten, Fotoromancovers und vieles andere mehr.

Lesen

Buchhinweis in eigener Sache

Eine Essay-Sammlung von Hans Durrer, der u.a. auch für rezensionen.ch schreibt.

Lesen
Kopf hoch! / Noahs Fleischwaren
Gedanken
Der Traum vom Kaffee
Bildrhetorik
Literaturtheorie
Sämtliche Romane und Erzählungen
Goethe und des Pudels Kern
Der Konfuzianismus
Heimatland
"Ein freies Herz wohnt in meiner Brust …"
Tagebücher 2002 - 2012
Subkultur Westberlin 1979-1989
by rezensionen.ch - 2001 bis 2017