Literatur

Die Toten selig trinken mit

Jahre sind vergangen, seit die beiden "Bengels" aus "Hinter dem Bahnhof" im Dorf "Protocol" gemacht und dabei einundvierzig oder zweiundvierzig Personen gezählt haben. Heute ist die Anzahl Dorfbewohner auf einen Bruchteil geschrumpft und dennoch sind sie alle da, die Lebenden und die Toten, vereint am Stammtisch der "Helvezia" - es ist das letzte Mal, nach über hundert Jahren soll die Dorfbeiz geschlossen werden. Während die eigentliche Welt langsam abhanden kommt, weg geschwemmt vom Regen und vom Alkohol, lassen die Stammgäste diejenige der Erinnerung wieder aufleben. Schließlich ist erst dann fertig, wenn es nichts mehr zu erzählen gibt, dann, ja erst dann ist wirklich ausgetrunken.

Nach "Sez Ner" (2009) und "Hinter dem Bahnhof" (2010) beschließt der 1978 in Tavanasa geborene Arno Camenisch mit "Ustrinkata" (ebenfalls erschienen im Urs Engeler Verlag) im Verlauf von nicht ganz hundert Seiten die Bündner Trilogie. Dabei orientiert er sich inhaltlich stark an den Protagonisten und dem Schauplatz des zweiten Buches, die Austrinkenden und das Dorfpanorama sind bereits vertraut. Selbst das erzählende Kind aus "Hinter dem Bahnhof" taucht wieder auf und outet sich gleichzeitig als der "Dichter" selbst. "Der andere da mit der Stallmütze" wird er genannt, "(...), ein Hund ist das, am besten schweigen wie ein Baumstrunk, wenn er auftaucht, der klaut uns sonst die Sätze aus dem Magen, und dann landen sie in irgendeinem Buch (...)." Romedi, der Postautofahrer vergisst nicht, dass genau dieser Ladrone "als Bengel das Postauto verbeult (hat) mit seinem Velo, das werde ich ihm in diesem Leben nicht verzeihen, sep isch sicher, vielleicht im übernächsten." Verziehen und vergessen wird ohnehin wenig am Stammtisch, umso mehr dafür geraucht und getrunken, und wie immer, wenn erinnert und maßlos gebechert wird, sind Fakten flexibel. Nicht umsonst verwirft der Frisör Alexi mehrmals die Hände und sagt: "Saich, alles Saich, nichts als Saich, was du da erzählst, einen der so viel Saich erzählt wie du, findet man von hier bis Novogrod nicht."

Suche nach einer Ordnung

Der Handlungsort ist enger geworden, das Jetzt spielt auf kleinstem Raum, geredet dagegen wird über das Dorf und dessen Bewohner, die Erinnerungen schweifen aus bis ins Unterland und die weite Welt. Rückblickend wird vieles von dem erzählt und verdreht, was wir in "Hinter dem Bahnhof" eins zu eins miterlebten. Mit dem steigenden Alkoholpegel werden die Geschichten verrückter und mit dem ganzen Qualm auch dichter, es scheint, als habe der 33jährige Bündner den ganzen Haufen Menschen und Geschichten mit beiden Händen gepackt und einfach mal so in die "Helvezia" rein geschmissen, wo die Überlebenden, die Tante und die Silvia, Otto, Luis, der Alexi und alle andern, die kommen und gehen, nun erzählend versuchen, zu einer neuen Ordnung zu finden, einer Ordnung, der die Toten genauso angehören wie die Hinterbliebenen. Mehrklang der Sprache Neben dem eingeschränkten Erzählort ist insbesondere die Sprache enorm dicht geworden. Erzählt wird zwar nach wie vor im eigenwillig unterhaltsamen und dem von vielen Dialektwörtern geprägten Ton Camenischs, dies jedoch in einer Mehrstimmigkeit, die den beiden vorangehenden Büchern in dieser Vollkommenheit noch fremd war. Die geschriebene Sprache verliert an Linearität, was sich gewöhnlich Wort für Wort liest, gewinnt bei Camenisch auf klanglicher Ebene an erstaunlicher Tiefe und Vielschichtigkeit - der Bezug zur Musik, beziehungsweise zu deren Komposition ist naheliegend: der Autor dirigiert Wörter, Sätze und Abschnitte zu wahren Klanggebilden, beim Lesen des einen Satzes klingt der vorhergehende im Ohr noch mit. Doch Obacht: "Ustrinkata" verlangt nach wachen Lesern, wer zu schnell liest, den bestraft die Dichte des Erzählten. Und die Gefahr, dem Charme der Sprache (beziehungsweise deren Charmewörter wie: "Heilansac", "Koffertami", "Stärnahimmel", "Hauruc", "huara Carnaval", "Biuti Quiins", ...) zu verfallen und die Vielschichtigkeit des Textes zu überlesen, besteht durchaus.

Abschied und Aufbruch

Den Schwätzern und dem Geschwätz wohnt viel Tragik inne - "Ustrinkata" ist ein Buch über den Tod und die Liebe und spielt ein trauriges Lied, da täuschen die vielen amüsanten Episoden nicht drüber hinweg. Dem Otto etwa ist die Friederike auf einmal weg gestorben, "heiraten wollte ich sie und dann lag sie plötzlich im Herbst auf ihrem Bett und ist einfach gestorben, ein Spiegelei war ihr letzter Wunsch. Und ich hatte vor Schmerz ein Loch im Bauch, dass man hätte durchschauen können." Josefina erhängt sich auf dem Dachboden, Benedict wird erschlagen vom Fels und der alte Berther selig ertrinkt beim Fischen, selbst der Dokter Tomaschett ist bereits seit Jahren tot. Und dennoch ist Silvia überzeugt davon, dass alles einen Sinn ergibt: "Wenn jemand gehen will, dann geht er auch, (...), man ist nicht plötzlich tot." Ob sie damit auch die Großmutter meint, die auf einmal schlafend am Tisch sitzt, bleibt dem Leser überlassen. Vieles deutet darauf hin, sagt doch er Gion Baretta kurz davor: "(...) zu verlieren hatten wir ja schon lange nichts mehr, so dass wir auch aufgehört haben mit dem Gebete und die Revolver abgegeben haben, oje, oh näher, mein Gott, zu Dir, (...), als sei unsere Zeit abgelaufen." Arno Camenisch ist mit "Ustrinkata" in jeder Hinsicht ein kraftvolles Finale gelungen. Abschied bedeutet immer auch Aufbruch: Wie es weitergeht, darauf dürfen wir gespannt sein.

Ustrinkata
Arno Camenisch

Ustrinkata


Engeler 2012
96 Seiten, gebunden
EAN 978-3033030282

Vom Selbstverständnis der Sprache

Es braucht eine gewisse Zeit, bis man in die ganz besondere (Sprach-)Welt Camenischs eintaucht. Wenn man sie betreten hat, lässt sie einen dafür nicht mehr so schnell los.

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