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Seilziehen zwischen den Interessen der Politik und denjenigen der Wirtschaft

Mit dem Terminus "Ostpolitik" wird vor allem die neue Richtung der sozialliberalen Koalition Anfang der 1970er Jahre in Verbindung gebracht. Zwar gab es schon vor den legislativen Neuerungen Versuche, die Spannungen zwischen den beiden ideologischen Lagern zu überwinden, allerdings blieben diese erfolglos. Die wirtschaftlichen Beziehungen der Bundesrepublik und vor allem der Sowjetunion stehen hinter der politischen Geschichte hinten an. Karsten Rudolph hat nun mit seiner Bochumer Habilitationsschrift erstmals umfassend die Ostpolitik der westdeutschen Großindustrie - genauer hätte es Schwerindustrie heißen müssen, da v.a. die bekannten Ruhrindustriellen daran beteiligt waren - analysiert.

Sein Ansatz ist kein wirtschaftshistorischer, sondern ein politik- bzw. diplomatiegeschichtlicher. Rudolph geht es nicht um die einzelnen Branchen und dementsprechend quantitativen Entwicklungen. Auf umfangreichen Quellen fußend, schildert der Autor anschaulich, wie die westdeutsche Industrie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs versuchte, den "Osthandel" wieder zu beleben. Noch bis zum "Unternehmen Barbarossa" - dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion - gab es ein traditionell gutes ökonomisches Verhältnis der beiden Staaten. Nach dem Kriegsende musste dann ein völlig neuer Anlauf zur Wiederbelebung gewagt werden. Diese erwies sich, aufgrund der beinahe bedingungslosen Westpolitik Adenauers, naturgemäß als schwierig. Zwar mangelte es nicht an Engagement der westdeutschen Großindustrie, die außenpolitischen Ziele der Regierung Adenauer verhinderten jedoch viele Aktivitäten. Beispielhaft hierfür sind die Diskussionen um Reisen der Vertreter der Ruhrindustrie in die Sowjetunion. Führende Politiker der Regierung verhinderten eine Annäherung.

Die weitere Entwicklung bis Ende der 1960er Jahre sah wie folgt aus: Zwar akzeptierte die Großindustrie die "Embargo-Politik" der Regierung Adenauer, versuchte aber gleichzeitig die ablehnende Haltung der Politik zu unterlaufen. Zahlreiche Reisen nach Moskau und Besuche auf Messen zeugen davon. Im Vordergrund der Bemühungen der Industrie nach verstärkten Ostkontakten standen Otto Wolff von Amerongen, Berthold Beitz und Erst Wolf Mommsen. Zwar ist es korrekt, dass diese drei unternehmerischen Persönlichkeiten einen maßgeblichen Anteil an der Wiederbelebung der Wirtschaftsbeziehungen hatten, allerdings hätte man sich an dieser Stelle die eine oder andere Kritik gewünscht. So gerät die Bewertung der Leistungen zu einer Art Lobpreisung.

Die "neuen" Ostpolitik durch die Regierung Brandt/Scheel brachte eine neue Dynamik mit sich. Konterkariert wurden diese neuen Impulse durch Skepsis in den eigenen Reihen: Zahlreiche Vertreter der Industrie misstrauten den Vorstößen der Sozialdemokraten. Ab Mitte der 70er Jahre trat zudem eine Verschlechterung der politischen Beziehungen ein. Der Nachrüstungsbeschluss der NATO und die Verhängung des Kriegsrechts in Polen führten dazu, dass viele Erwartungen der Industrie nicht erfüllt wurden. Zwar suggeriert der Titel des Buches, dass der gesamte Zeitraum des Ost-West Konflikts thematisiert würde, die letzen zehn Jahre werden aber nur am Rande behandelt.

Karsten Rudolph hat eine solide Studie vorgelegt, die detaillierte Einblicke in die differenten Vorstellungen von Politik und Wirtschaft gibt. Schade ist, dass nur die deutsche Sicht berücksichtigt wurde. Sprachliche Barrieren ließen die Analyse der sowjetischen Sicht nicht zu. Der Bedeutung dieser Studie tut das keinen Abbruch.


von Benjamin Obermüller - 03. September 2005
Wirtschaftsdiplomatie im Kalten Krieg
Karsten Rudolph

Wirtschaftsdiplomatie im Kalten Krieg


Die Ostpolitik der westdeutschen Grossindustrie 1945-1991
Campus 2004
455 Seiten, broschiert
EAN 978-3593374949