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Martin Walser: Mädchenleben oder Die Heiligsprechung

Die Grenzen der Endlichkeit – Martin Walser erzählt eine Hoffnungsgeschichte

Die Frage, mehr noch die Sehnsucht nach Gott bewegt Martin Walser mehr und mehr. Der mittlerweile 92-jährige Erzähler erfreut seine Leserschaft, fantasievoll, unverwechselbar wie eigensinnig wie seit jeher, jedes Jahr mit neuen Prosastücken, die versehen sind mit metaphysischen Vermutungen und geistreichen Grübeleien. Walsers Zuhause ist der Schreibtisch, die Literatur seine Heimat. Er schaut erneut weit hinaus, eher mystisch gestimmt als philosophierend, versuchsweise und tastend. Die Neigung zum Religiösen, nicht als kulturchristliche Tristesse oder kirchliches Ordnungsdenken vorgestellt, scheint zu wachsen. Neigung ist für den Schriftsteller stets Zuneigung. So wie er den alten Goethe 2008 vor Jahren in "Ein liebender Mann" empathisch vorstellte, so spürt der Leser auch in seinem neuen Buch sogleich und vielleicht noch mehr: Hier spricht, schreibt und denkt ein empfindsamer, liebender Erzähler. Nur bekennende, stramme Atheisten werden sich schaudernd oder höhnisch abwenden. 2012 legte Martin Walser den Band "Rechtfertigung" vor, nicht als Resümee, sondern als Frucht eines Ringens, Nachdenkens, einer geistigen Bewegung und geistlichen Suche, die kein postmoderner Ironiker der Kulturindustrie verstehen könnte. Walser spottet nicht, er fragt, eindringlich, intensiv, ausdauernd und beharrlich. Wir begegnen also einem Mädchen namens Sirte – eine Gestalt kehrt wieder, ein schwebender Name, der 1961 in Walsers Tagebüchern bereits sichtbar geworden war. In dieser Erzählung, die er "Legende" nennt, denkt er über Heiligkeit, über ein heiligmäßiges Leben nach.

Sirte Zürn sucht nach Sinn, nicht nach Selbstverwirklichung, letztlich den Weg, den Gott für sie vorgesehen hat. Angetan, vielleicht sogar fromm berauscht von Sirtes Gottsuche ist der Deutschlehrer Anton Schweiger, der sich "schon lange nicht mehr für alles Schulische interessiert". Anders gesagt: Schweiger weiß von innen her, dass alle auf das letzte Examen zugehen. Das Bewusstsein der Endlichkeit öffnet Horizonte. Schweiger notiert wie ein Chronist die Begebnisse, die mit Sirtes Wirken und Verschwinden verbunden sind. Ihr Vater sieht in Sirte eine Heilige. Schweiger schreibt: "Wenn sie hier nicht leben kann, kann ich es auch nicht. Wenn die Welt nicht so ist, dass sie darin leben kann, dann ist diese Welt unbewohnbar für mich." Er erliegt ihrem Zauber, aber sie verführt ihn nicht. Schweiger hört zu, versucht, sie ganz zu sehen und zu erkennen, dieses Mädchen, das in, aber nicht von der Welt zu sein scheint. Fachärztlich gesprochen leidet Sirte an einer "schizophrenen Psychose". Schweiger misstraut dem Psychiater und glaubt Sirtes Vater. 

Martin Walser beschreibt eine innere Entwicklung und zeigt, wie Sirte sich verändert. Sie ist ein empfindsames, aber nicht sentimentales Mädchen. Ihre besondere Sensibilität reicht zum Himmel hinauf. Vielleicht verfügt diese junge Frau auch über ein hörendes Herz. Aber hört ihr jemand zu, wenn sie spricht? Sie genügt niemandes Erwartungen, das könnte auch ein mädchenhafter, vielleicht auch märchenhafter Eigensinn sein. Walser schreibt eine Legende, keinen Entwicklungs- oder Bildungsroman. Sirte verschließt sich nicht, sie wird durchlässiger. Auch das bleibt unbemerkt. Der Chronist erkennt "absolute Zusammenhänge". Das Mädchen leidet, weil ein Alkoholiker täglich seine Frau verprügelt. Sie opfert sich auf und lässt sich anstatt der Gattin von dem Trunksüchtigen schlagen. Christlich gedacht: Sie nimmt das Kreuz auf sich. Sirte studiert die Bibel und äußert sich geheimnisvoll. Manchmal wirkt es, als spräche der Frömmste unter den Gottlosen, also Friedrich Nietzsches Zarathustra, aus ihr: "Meine Sätze sind Seile über Abgründen. Beziehungsweise, sie sind auch Seiltänzer, die auf den Seilen über dem Abgrund ihre Kunst vorführen." Sie lacht, wenn es geboten scheint, zu lachen – um nicht aufzufallen: "Sie benimmt sich vollkommen leise. Das ist der Grundton ihres Wesens, dieses leise Benehmen. Ihr Dasein wirkt wie ein Blatt, das an einem windstillen Tag vom Baum zum Boden schwebt. Ungeschützter als sie kann man nicht sein." 

Eines Tages gibt der prügelnde Alkoholiker auf, anders gesagt: Der Schlagende gibt sich geschlagen. Was ihr geschehe, so sagt sie, sei nicht ihr, sondern Gottes Wille. Sie nimmt das Leiden auf sich, weil es so gewollt sei. Schweiger sagt, Sirte habe "etwas Wunderbares" bewirkt. Ein Wunder? Sie vermisst den Schmerz: "Und Sirte war einerseits froh über ihre Wirkung, andererseits war sie unglücklich, weil sie jetzt für niemanden mehr leiden konnte. Ich versuchte, ihr vorsichtig zu erklären, dass sie etwas bewirkt habe, was man ein Wunder nennen dürfe." Doch das Mädchen sträubt sich.

Martin Walser beschreibt sie als Erwählte. Jesus führe sie, so sagte Sirte: "Sagen Sie allen: Nirgends ist, was uns fehlt, genauer ausgedrückt als in Gott. Dieser Mangel hierherum hat mich ins Paradies vertrieben. Das ist doch verständlich, oder?" Der Lehrer Schweiger versteht das nicht, möchte aber glauben. Ein Reigen an mystischen Worten und auch rätselhaften Aussprüchen folgt. Gewichtige Einsichten sind darunter, etwa: "Ein Vokabular macht aus der Religion Theologie. Wer die Geheimnisse Gottes nicht als solche erträgt, will sie ins Vokabular der Theologie übertragen." Berührend, fast putzig klingt Sirtes Gedanke: "Ich habe den himmlischen Knacks." Ehrfürchtig, aber nicht anmaßend wirkt es, wenn sie notiert: "Ich knie schon so lange, mit gefalteten Händen." Oder: "Eine Leiter aus Wörtern hat jeder in sich, nach oben kein Ende." Jene, die beten können, bezeichnen diese Leiter wahrscheinlich ganz einfach als Gebet.

Eine Fantasie bleibt, denn der Seligsprechungsprozess beginnt. Sirte lebt zwar noch, wahrscheinlich verborgen vor der Welt, aber der Postulator erhält schon die Unterlagen. Walsers Chronist sagt: "Das Wesentliche am Wunder ist nicht, dass etwas Seltsames und Unmögliches geschieht, sondern dass im geschehenen Zeichen Gott zum Menschen spricht. Die Sprache führt ganz von selbst zur Erschaffung von so etwas wie Gott. Gott ist wahrscheinlich das reinste Wort, das es gibt. Die pure Wortwörtlichkeit, das Sprachliche schlechthin. In Gott kommt die Sprache zu sich selbst. Das höchste Wesen, das wir haben, ist also aus Sprache." Schweiger unternimmt einen unbemerkten Rationalisierungsversuch. Der Religionsphilosoph denkt – ähnlich wie Immanuel Kant –, dass Gott eine Idee ist, denknotwendig zwar, aber doch nur Idee. Wenn Gott ein Sprachgeschöpf ist, dann hat der Mensch Gott geschaffen, lapidar gesagt: sich ausgedacht. Doch Martin Walser denkt weiter. Der verständnisvoll ratlose Lehrer hat nicht das letzte Wort in der Legende. Sirte überreicht Schweiger drei Blätter, die er dem Postulator des Seligsprechungsprozesses geben soll – eine Art Glaubensbekenntnis, in dem auch der Zweifel präsent bleibt, vor allem Worte, die die Frage nach Gott offenhalten.

Martin Walsers "Mädchenleben" berührt. Es ist eine lesenswerte Erzählung für alle, die sich noch nicht mit der Endlichkeit dieser Welt endgültig abgefunden haben. Ein wenig erinnert das neue Buch des Mystikers vom Bodensee an eine chassidische Geschichte. Ein Rabbi verzichtet auf das, was wir Argumente nennen, als er mit einem Zweifler spricht. Er erwidert schlicht: "Vielleicht ist es wahr." Diese Wendung versetzt den Skeptiker in eine tiefe Unruhe und lässt ihn nicht los. 


von Thorsten Paprotny - 03. Dezember 2019
Mädchenleben oder Die Heiligsprechung
Martin Walser

Mädchenleben oder Die Heiligsprechung


Rowohlt 2019
96 Seiten, gebunden
EAN 978-3498001964

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