Pädagogik

Prechts Bildungs"revolution"

"Wir brauchen eine Bildungsrevolution!", heißt es großspurig auf der Buchrückseite. Precht ist einer der vielen, die sich in den letzten Jahren in die Debatte um Bildung und Schulen einmischen und auf dem Buchmarkt damit Erfolge feiern. Seine Analysen lesen sich auf den ersten Blick recht treffend und kritisch.

Er scheut sich nicht auszusprechen, dass die Schule Kreativität abtötet, Intelligenz zumindest nicht fördert, 45-Minuten-Takt und (frontaler) Unterricht nach Jahrgängen in Klassen langweilig sind und das Lernen nicht anregt bis hindert. Auch hat er verstanden, dass die meisten Inhalte des Unterrichts in den Schulen für das Leben der SchülerInnen ziemlich bis vollkommen irrelevant sind. Eine gründlichere Beschäftigung hätte seiner Analyse trotzdem gutgetan: Eine der wesentlichen Funktionen der Schule ist die Zurichtung der jungen Individuen auf ihre Rolle als arbeitende Staatsbürger. Nicht nur, indem sie sich mit Wissen und Können qualifizieren, sondern indem sie zu Gehorsam erzogen werden, damit sie sich auch später so verhalten, wie sie es sollen. Diese mangelnde Analyse führt entsprechend zu Fehlschlüssen. So meint der Promi-Philosoph beispielsweise tatsächlich, dass die Interessen der Wirtschaft doch die gleichen seien wie die der Kinder nach einem erfüllten Leben (S. 20). Moment, Precht hat nicht die Kinder gefragt, sondern geht von den Interessen derjenigen aus, die für Kinder etwas wollen. Irgendwie eine typische Herangehensweise eines gescheiten Erwachsenen, Kinder und Jugendlich gar nicht erst zu fragen bzw. deren Willen zu bedenken. Was für eine Vorstellung der Bestsellerautor überdies wohl von der Arbeitswelt hat?

Richtig enttäuschend wird dann der Teil des Buches, den Precht die "Bildungsrevolution" nennt. Weil es einige SchülerInnen gebe, auf die das Elternhaus einen schlechten Einfluss habe, müssten alle in die Ganztagsschule, obligatorisch bis 16 Uhr. Damit will er "Bildungsgerechtigkeit" zwingend umsetzen. Schulen sollen zu hochidentitären Gebilden werden, die sie zu etwas "Besonderem" machen, wo sich SchülerInnen zugehörig fühlen, indem sie Rituale pflegen. Ein bisschen Harry Potter für alle, meint er, täte doch gut. "Die Welle" lässt grüßen. Schuluniformen sollen trotz aller Nachteile verpflichtend eingeführt werden und die Bewertung darf natürlich auch nicht ganz weichen: Statt Ziffernnoten soll es ein "Monitoring" geben. Und vor den Kleinen, die noch nicht von der Schulpflicht erfasst sind, die Precht vehement befürwortet, macht der Philosoph auch nicht Halt: Der Kindergarten müsse auch zum Zwang für alle werden. Da wird "Freiheit für Schulen" (S. 322) gefordert, nicht für Menschen. Und so weiter. Der Revolutionär entpuppt sich als ein autoritärer, der auf den Staat als Heilsbringer setzt. Er fragt nicht, wie Matt Groening das tat, warum die Schule wie ein Gefängnis geführt wird, sondern fordert dessen Ausbau.

Anna, die Schule und der liebe Gott
Richard David Precht

Anna, die Schule und der liebe Gott


Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern
Goldmann 2013
352 Seiten, gebunden
EAN 978-3442312610

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