Literatur

Fremder im eigenen Seelenhaus

Hansen will sich an seinem sechzigsten Geburtstag umbringen. Im Schnee, in Nordschweden, wo es ihm immer am besten gefallen hat. Er ist nicht krank, ihm geht es gut, gesundheitlich und beruflich, doch ist ihm die rechte Begeisterung abhanden gekommen, er mag einfach nicht mehr.

Dokumentarfilme hat er gedreht, viel von der Welt gesehen und auch viel gelesen. Er war nicht nur an der Welt interessiert, sondern geradezu begierig auf andere Weltsichten. Doch jetzt ist ihm das alles schal, nur noch sein Sohn Philipp bedeutet ihm viel, und sein Freund Kay, der verrückte Maler. Doch auch diese beiden halten ihn nicht zurück, er will in den Tod gehen. Am 21. Dezember, in neun Monaten.

Entgegen seiner Vorstellung fühlt er sich in seiner schwedischen Blockhütte nicht ruhig und friedvoll, sondern unausgeglichen und eigenartig rastlos. Die Luft riecht anders, die Schönheit der Umgebung berührt ihn. "Aber es tut ihm nicht gut."

Rückblenden auf sein Leben, er bereut einiges, würde heute vieles anders machen. Er schreibt einen Brief an seine toten Eltern. Er unternimmt Wanderungen im Sarek, dem zweitgrössten Nationalpark Schwedens, geht fast zehn Stunden am Tag. Ereignisse aus der Vergangenheit tauchen plötzlich auf, einiges davon ist ihm unangenehm, bereut er, anderes verwirrt ihn. "Er ist einfach da - und geht. Das sind eigentlich gute Stunden, oder? Vielleicht, aber Hansen versteht diese Vorgänge in seinem Inneren nicht. Sie machen ihm Angst. Er fühlt sich dabei als Fremder im eigenen Seelenhaus. Und das Entsetzen packt ihn, wenn ihn dann doch urplötzlich aus den dunklen Tiefen seines Selbst etwas anbrüllt. Eine Schuld, eine Lüge, eine Feigheit."

Im Wald spürt er, dass er nicht allein ist. Ohne dass er sie sieht oder hört, spürt er die Wesen des Waldes. "Hansen wendet den Kopf in alle Richtungen. Und dann klingt es so, als würden die Wesen durcheinander, aber immer dasselbe im Flüsterton sagen: 'Du, Hansen, bist das Leben, du, Hansen! ...(...) Nur dein Ich stirbt, nicht du. Das, was du wirklich bist, kennt weder Zeit noch Tod. Geh weiter, geh weiter!'"

"Dämonen" ist eine sehr reflektierte Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen, mit dem Leben. Unter anderen werden Laotse, Henry David Thoreau, die Wüstenväter, Alan Watts und Marlene Dietrich zitiert. Doch auch noch so clevere Einsichten scheinen Hansen nicht mehr zu erreichen, bis ihm die todkranke Astrid ein von Franz Liszt vertontes Gedicht von Ferdinand Freiligrath vorträgt, das ihn ungemein aufwühlt. Kurz darauf verläuft er sich im Wald, begegnet einer in schwarze Tücher gehüllten, gesichtslosen Kapuzengestalt, dem Tod, den er als Dämon begreift und wegscheucht.

Die Trägheit, ein anderer Dämon, und damit die Frage, ob er es sich im Leben zu einfach, zu bequem gemacht habe, beschäftigt ihn. Da erhält er eine E-Mail von seinem Sohn Philipp, der auch Dschuang Dsi zitiert: "Wer nicht durch menschliche Beeinflussung die himmlische Natur zerstört, wer nicht durch bewusste Absichten sein Schicksal stört, wer nicht um des Gewinnes willen seinen Namen schädigt, wer sorgfältig sein Eigenes wahrt und nicht verliert: der kehrt zurück zu seinem wahren Wesen."

Hansen denkt nicht nur an sich, ihn beschäftigt auch, was sein selbstgewählter Tod mit Philipp und seinem besten Freund Kay, der von seiner Absicht weiss, machen wird. Und die beiden denken auch an ihn. Er beginnt sich zu fragen, was wäre, wenn er sich am 21. Dezember nicht töten würde. Leben wie bis anhin, ist für ihn klar keine Option, doch er "hat nicht den Hauch einer Ahnung, wie er anders als bisher leben könnte." Da trifft er im Schnee auf einen weissen Elch ...

"Dämonen" ist ein höchst inspirierendes Werk.

Dämonen
Jürgen Domian

Dämonen


Hansens Geschichte
Gütersloher Verlagshaus 2017
192 Seiten, gebunden
EAN 978-3579086910

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