Geschichte

Alésia und die Schlacht im Teutoburger Wald

Der vorliegende Sammelband vereint 20 Beiträge in deutscher und französischer Sprache, die auf eine Tagung in Paris im Jahre 2005 zurückgehen. Sie behandeln die Themenkomplexe von Alésia bzw. der so genannten Schlacht im Teutoburger Wald aus den verschiedenen Blickwinkeln sowohl der unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen als auch der beiden betroffenen Nationen.

Die ersten Beiträge widmen sich den Mythen und der Rezeption der beiden Ereignisse, so Alain Schnapp zu "Teutoburger Wald et Alésia: deux figures de l"identité historique" (S. 11-26) und Rainer Wiegels mit dem Thema "Varusschlacht und Hermann-Mythos" (S. 27-51), wobei aber gerade auch die Entwicklung des 19. Jahrhunderts in Augenschein genommen wird. Dies findet seinen Ausdruck ebenfalls in den Aufsätzen von Christian Goudineau, "La Gaule, les Gaulois, Vercingétorix et le sentiment national au XIXe siècle" (S. 53-71), Jürgen von Ungern-Sternberg, "Der deutsche Blick im 19. Jahrhundert auf Vercingetorix - der französische auf Arminius und Varus" (S. 73-103), aber auch in dem die Problematik der Verflechtung der Wissenschaft in ihrer jeweiligen Zeit hervorragend veranschaulichenden Beitrag von Stefan Rebenich, "Die Urgeschichte des Vaterlandes - Theodor Mommsen, die Reichslimeskommission und die Konstruktion der deutschen Nationalgeschichte im 19. Jahrhundert" (S. 105-120). Die Frage nach der Behandlung der beiden Ereignisse in den Schulbüchern steht im Zentrum der Aufsätze von Christian Amalvi, "La construction du mythe de la bataille d"Alésia dans la littérature populaire et scolaire du Second Empire à la Cinquième République" (S. 121-132) und Rainer Riemenschneider, "Le mythe national de la bataille du Teutoburg dans les manuels scolaires allemands" (S. 133-151).

Der zweite Abschnitt des Buches ist den Orten der beiden Ereignisse selber gewidmet, ihrer Lokalisierung wie ihrer Erforschung, den Schriftquellen wie den archäologischen Funden und Befunden. Den Anfang macht Michel Reddé, "La querelle d"Alésia, hier et aujourd"hui (S. 153-163), gefolgt von Rainer Wiegels, "Der Streit um die Lokalisierung des Schlachtfeldes im Teutoburger Wald gestern und heute" (S. 165-179) und Olivier Büchsenschütz, "Des champs de bataille nationaux aux "oppida" européens" (S. 181-193). Es schließen sich die den archäologischen Befunden gewidmeten Beiträge von Siegmar von Schnurbein, "Alise-Sainte-Reine. Die Spuren der Belagerungswerke" (S. 195-208) und von Susanne Wilbers-Rost, "Ausgrabungen auf dem "Oberesch" in Kalkriese von 1989 bis 2005" (S. 209-226) an, bevor in drei weiteren Beiträgen die archäologischen Funde präsentiert und interpretiert werden: Hans-Markus von Kaenel bearbeitet "Die Fundmünzen aus Alesia und Kalkriese" (S. 227-243), Susanne Sievers "Waffen und Kleinfunde aus Alesia" (S. 245-259), bevor sich Joachim Harnecker in seinem Aufsatz "Kalkriese - Die Kleinfunde aus dem Untersuchungsgebiet. Prospektion - Sondierungen - Plangrabungen" (S. 261-276) (auch) den methodischen Problemen widmet.

Zwei Beiträge von Michel Reddé, "Alésia: du texte de César aux vestiges archéologiques" (S. 277-289) und Rainer Wiegels, "Kalkriese - das Problem der Texte" (S. 291-301) stellen die Schriftquellen vor und betrachten sie im Kontext mit der archäologischen Überlieferung.

Neben einer Vorstellung des wissenschaftlichen Projektes zum römischen Kampfplatz bei Kalkriese durch Günther Moosbauer (S. 315-320) bilden zwei inspirierende Aufsätze, die die Erforschung der beiden Orte in einen weiteren wissenschaftlichen Kontext vornehmen, den Abschluss des Buches, nämlich Achim Rost zu "Quellenkritische[n] Überlegungen zur archäologischen Untersuchung von Schlachtfeldern am Beispiel von Kalkriese" (S. 303-313) und Alain Deyber mit "Le champ de bataille d"Alésia à la lumière d"exemples comparables" (S. 321-340).

An Kritikpunkten seien hier lediglich Kleinigkeiten geäußert, die den positiven Gesamteindruck aber nicht zu schmälern vermögen: So würde sich der Leser insbesondere bei Rainer Wiegels" Beitrag zur Lokalisierung des Schlachtfeldes im Teutoburger Wald gewünscht haben, dass dieser die im Text angesprochene Literatur regelmäßiger auch in den Fußnoten ausweist, um dem Interessierten den weiteren Zugang zu erleichtern, und dass Susanne Wilbers-Rost in ihren Ausführungen zur Geländebeschaffenheit in Kalkriese auf ein farbiges Luftbild in einer anderen Publikation lediglich verweisen kann (S. 224), da in vorliegendem Werk nur s/w-Abbildungen enthalten sind, ist schon bedauerlich.

Betrachtet man die hier versammelten Beiträge in ihrer Gesamtheit, so kann man die Herausgeber nur zu diesem äußerst gelungenen Band beglückwünschen: Nicht nur, dass hier zwei grundlegende Mythen zweier europäischer Nachbarn in vielfältiger Weise miteinander verglichen werden, sondern vor allen Dingen auch, dass die Abhängigkeiten von den jeweiligen Zeitumständen aufgezeigt werden, sowohl der Rezeption von historischen Ereignissen in einer breiteren Öffentlichkeit, als auch der wissenschaftlichen Erforschung. Man fühlt sich fast geneigt, die Frage zu stellen, wie dieser im Zeichen europäischer Einigung stehende Band aufgrund der Zeitumstände seiner Entstehung von späteren Generationen bewertet werden wird.

Aber auch über die konkreten Ereignisse von Alésia und dem, was ich hier mit aller Vorsicht weiterhin als "Varusschlacht" bezeichnen möchte, hinaus, zeigen die Aufsätze die Möglichkeiten und Notwendigkeiten interdisziplinärer Zusammenarbeit auf und weisen auf das Potenzial der im deutschen Raum noch wenig bekannten Archäologie von Schlachtfeldern ("battlefield archaeology") hin.

Letztlich darf man festhalten, dass dieser im Übrigen sehr gut lesbare Band nicht nur dem an Alésia oder der Varusschlacht und den damit zusammenhängenden Mythen interessierten Leser wärmstens empfohlen werden kann, sondern darüber hinaus aufgrund seiner Ausgewogenheit auch als Anschauungsbeispiel für Publikationen mit ähnlichen Fragestellungen dienen kann.

Alésia et la bataille du Teutoburg
Michel Réde
Siegmar von Schnurbein (Hrsg.)

Alésia et la bataille du Teutoburg


Thorbecke 2007
368 Seiten, gebunden
EAN 978-3799574617

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