Gesellschaft

Žižeks Ideologie im Alltag

Ja, Sie haben richtig gelesen, es gibt tatsächlich eine Fortsetzung von Žižeks "The Pervert’s Guide to Cinema"! In "The Pervert’s Guide to Ideology" beleuchtet der slowenische Philosoph den Begriff "Ideologie", wie er es anhand dreier national zugeordneter Toiletten ja schon so eindrucksvoll bewiesen hat: alles ist Ideologie, selbst das Sch...haus. Schon die Signation des Films zeigt, in welche Richtung die Regisseurin Sophie Fiennes ihre hoffentlich noch fortzusetzende Doku-Reihe treiben will: the crack is where the light comes in! Dann tritt der Meister höchstpersönlich auf, in einem Hinterhof, wie er auch in "Sie leben!" von John Carpenter zu sehen ist. Dazu geschnitten die rasante Schlägerei zwischen John Nada (Roddy Piper) und seinem Arbeitskollegen Frank (Keith David), der sich partout die "Wahrheitsbrille" nicht aufsetzen will. Denn mit dieser kann man sehen, was wirklich hinter Werbebotschaften und Politparolen steckt: "Obey!", heißt es da plötzlich und eigentlich sind die Aliens ja die Regierung.

This is "it"?

Die Wahrheit zu sehen und wahrzunehmen ist natürlich ein schmerzhafter Prozess, räumt Slavoj Žižek ein und deswegen wehrt sich Frank so. Die Schlägerei auf dem Hinterhof ist ein guter Einstieg für den Lacan-Schüler und Philosophen, denn jetzt steigt auch er in den Ring mit seinen wild gestikulierten Ausführungen zu Hollywood und Sowjet-Propaganda-Filmen, auch ein paar Nazifilme werden von Žižek zitiert und zerpflückt, um sie seinem Konzept - der Ideologieanalyse - anzupassen. In "The Sound of Music", das Musical über die österreichische Trappfamilie, sieht er ebenso Ideologie verpackt wie in weit platteren Beispielen, etwa dem Werbeslogan von Coca cola: "This is it!". Aber was ist eigentlich dieses "it"? "We are obliged to enjoy: the paradox of coke, the more you drink it, the thirsty you get.", meint Žižek lässig mit Cola-Flasche in der Hand aus der Wüste auftauchend. "A Desire for desire itself, a desire to continue to desire.": das ist das was wir uns eigentlich wünschen und kaufen, nicht den unstillbaren Durst zu tilgen, sondern die Sehnsucht nach der Sehnsucht. "The ultimate melancholy is the absence of desire", formuliert Žižek das Schicksal des Homo Sapiens 21.0. : "We sublime the excremental", "the elemental dialectics of commodities are an illusive surplus" of every product, das, was Plato Agalma nannte.

Ideologie in Politik und Film

Auch im Kinderüberraschungsei wird Žižek fündig, "Ideologie"-fündig: "We should aim for the higher goal to be able to enjoy the surface." Mit Hilfe der "Ode an die Freude" von Beethoven exemplifiziert Žižek auch die Beliebigkeit von Bedeutung: sowohl die Sowjetunion als auch die Nazis oder das kulturrevolutionäre China, in dem alles westliche außer der 9. verboten war, verwendeten die Symphonie, Gonzalo von Perus Sendiero Luminoso erklärte es zu seiner Lieblingsmelodie. In der Milchbar aus Kubricks "Clockwork Orange" setzt Žižek dann fort: "Ideologoy is an open container, the depth is a void, function: they never know what they do". Bei den London Riots wäre das Nichtbezahlen das schlimmere Vergehen gewesen, als dass sie alles kaputtmachten. "A symbolic deadlock", so to speak. In "Taxi Driver" formuliert Travis Bickle das Credo des wütenden Redneck: "You fuckers, you screwheads... Here’s a man who won’t take it anymore... Here is someone who stood up!"

Ideologie und Propaganda

Žižek findet Ideologie noch in vielen weiteren Filmen wie etwa: "The Searchers" oder "Jaws", der Hai darin stand für Kubas Castro für die USA, die einen friedlichen Strand bedrohten. Žižek liegt bei seinen Analysen oft auf einem Gefängnis- oder Krankenbett und philosophiert, er zerlegt die modern myths in NS-Propadagandafilmen, dem Film "Cabaret", "I Am Legend", "Full Metal Jacket" (Žižek sitzt auf dem Klo: Originalschauplatz), "MASH", "The Last Temptation of Christ", "Brasil", "IF" oder Rammsteins "Völkerball". In James Camerons "Titanic" sieht er einen hilflosen Versuch, den dem Kapitalismus immanenten Klassenantagonismus aufzulösen, "but class is inherent for capitalism". Am Flugzeugfriedhof in der Mojave-Desert gesteht Žižek dann: "Fantasies: I imagine myself as being desired by others". Später sitzt Žižek im Nick Cave Boot des "Weeping Songs" und meint, dass die wahre Katastrophe von Titanic gewesen wäre, wenn die beiden sich wirklich gefunden hätten und gemeinsam geflohen wären, denn dann wäre der Klassenantagonismus wirklich aufgehoben worden. Aus diesem Grund musste die Titanic auf einen Eisberg auflaufen und aus keinem andern. "He reconstitues her ego. With the words 'I will never let go' she pushes him into the abyss", schließt Žižek seine Betrachtungen, die auch Sowjet-Propagandafilme wie etwa "The Fall of Berlin" miteinschließen. "I was only acting on behalf of the big other", sagt Stalin, wenn er Ungarn und das Volk niederschlägt. Aber: "There is no big other. We are alone".

Das beigelegte Booklet enthält Standfotos mit drei Essays von Žižek: "Vom Ding zu den Objekten a ...und zurück", "Das desublimierte Objekt der Postideologie" und "Das Recht auf Wahrheit". Nach dem Nachspann: "You cannot get rid of me: all the ice oft the world cannot break a true idea" und reckt die Faust und geht unter.

The Pervert’s Guide to Ideology
Slavoj Žižek

The Pervert’s Guide to Ideology


Präsentiert von Slavoj Žižek
Suhrkamp 2016
Laufzeit: 136 Minuten
EAN 978-3518135389

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