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Klaus Theweleit: Warum Cortés wirklich siegte

Erst gingen alle Europäer in die Welt, jetzt kommt die Welt nach Europa

"Es beginnt mit dem Hund", lautet eine schlüssige Vermutung, warum sich die Europäer in den letzten 500 Jahren den gesamten Planeten unterworfen und unter sich aufgeteilt haben. Klaus Theweleit will in seiner Technologiegeschichte untersuchen, warum sich dieser Siegeszug ereignete und großen Anteil daran hatte auch die Domestizierung von Tieren. Denn durch das Zusammenleben mit Vieh und Co wurden die Europäer immun gegen die verschiedensten Erreger. Die Eroberung der Amerikas war wesentlich diesem Umstand zu verdanken, denn die dortige Bevölkerung reduzierte sich Schätzungen zufolge um bis zu 90% (!). Heute nennt man das "Biopolitik".

Auf den Hund gekommen

Aber dem nicht genug: Die Europäer hatten auch einen anderen entscheidenden Vorteil. Durch Segmentierung, Sequenzierung und Konzeptualisierung zerlegten sie Arbeitsabläufe und kamen als genau jene todbringenden Aliens auf andere Kontinente, als die in amerikanischen Science-Fiction-Filmen Außerirdische gerne gezeigt werden. Der oben beschriebene "Abstraktions-Sprung" sei etwa den Azteken nicht möglich gewesen. Dass Europäer dies vermochten sei mit der Entwicklung des griechischen Vokalalphabetes verbunden. Am Anfang war also wirklich das Wort. Und mit dem kamen sie alsbald zum Schiffsbau, der das Ende des "Goldenen Zeitalters" besiegelte. Alles nur eine Charade? Nein! Klaus Theweleit weist über weite Strecken seines Buches überzeugend nach, dass gerade die Entwicklung der Schrift, die Seßhaftwerdung und Domestikation und die damit verbundene Immunisierung, die Europäer dazu begünstigte, sich die Welt zu unterwerfen. Die Götter spielten dabei oft die Rolle des Bewusstseins. Denn auch die Kolonialisten beriefen sich auf den Gedanken der Zivilisierung durch Religion. Im Namen Jesus Christu metzelten sie deswegen ganze Bevölkerungen nieder, um sie zum wahren Glauben zu führen und die armen Anderen aus ihrer Unwissenheit zu führen. Denn wer schreibt, singt nicht mehr.

Gewagte Thesen zur Leserverführung

Viele von Theweleits Thesen mögen gewagt erscheinen, aber gerade das macht seine Texte zu einem unschätzbaren Vergnügen, das neue Perspektiven nicht nur ermöglicht, sondern auch durchdekliniert. Auch im dritten Band seiner Pocahontas-Reihe hat Theweleits Sohn die Texte seines Vaters mit interessanten (bunten) Illustrationen versehen, die wiederum witzig untertitelt oft auch für Schmunzeln sorgen. Denn es geht nicht nur um Quarks, Higgs und Leptonen, sondern auch um Sun Ra oder Frederick Winslow Taylor und Henry Ford. Letzterer half vor dem Zweiten Weltkrieg fleißig mit, die Wehrmacht aufzubauen und produzierte 78'000 LKWs und 14'000 Kraftfahrzeuge für Hitlers Armeen. Der Kapitalismus kann eben auch als die "Flexibilität und die Fähigkeit sich selbst permanent neu zu erfinden" definiert werden. Die unzähligen Identitätsstreitigkeiten (identity politics) und Selbst(de)konstruktionen des europäischen Ichs sind die letzte Bastion, die gerade jetzt durchkapitalisiert und konsumierbar gemacht wird. Auf das "Ich ist ein Anderer" des 19. Jahrhunderts folgt das "Ich ist Viele" des Konsumzeitalters, das uns früher oder später alle wieder zu Nomaden macht. Migration ist kein Schicksal, sondern das Ergebnis von Biopolitik. Erst gingen alle Europäer in die Welt, jetzt kommt die Welt nach Europa.


von Juergen Weber - 05. Juli 2021
Warum Cortés wirklich siegte
Klaus Theweleit

Warum Cortés wirklich siegte


Technologiegeschichte der eurasisch-amerikanischen Kolonialismen. Pocahontas 3
Matthes & Seitz 2020
616 Seiten, gebunden
EAN 978-3957578655