Medien

Bücher ohne Existenzrecht

Als eine Universalgeschichte, also eine umfassende Darstellung der Buchzensur und des Verbots von Texten will der Kulturwissenschaftler Werner Fuld seine Arbeit verstanden wissen. Mit dem Titel ist der Anspruch klar formuliert und diese Geschichte auf knapp 350 Seiten widerzugeben, ist ein ambitioniertes Programm.

Bücherverbote sind in den vergangenen Jahren zu einem in der Wissenschaft, vor allem in den Philologien, immer besser untersuchten Gegenstand geworden. Fast kein Autor von Weltrang, der sich in einer bestimmten Zeit nicht mit dem Verbot oder sogar der Zerstörung seiner Bücher auf Scheiterhaufen oder fingierten Buchhinrichtungen abfinden musste. Fast scheint es ein Ausweis literarischer Qualität zu sein, wenn ein Autor mit seinen Werken nicht nur aneckt, sondern auf massiven Widerstand stößt. Und die Geschichte beginnt in der Antike, also fast am Anbeginn der Existenz schriftlich fixierter Zeugen und reicht bis in die unmittelbare Gegenwart.

Immer wieder zitiert werden die Bücherverbrennungen der Nazis oder der Index der verbotenen Bücher des Vatikans. Weniger bekannt ist hingegen die Tatsache, dass auch in europäischen Staaten jedes Jahr eine ganze Reihe an Büchern entweder nicht erscheinen dürfen oder kurz nach dem Erstverkaufstag aus dem Handel gezogen werden. Dass darunter eine ganze Reihe propagandistischer und pornografischer Schriften sind, dürfte selbstverständlich sein. Nicht selbstverständlich sind jedoch die in den vergangenen Jahren immer wiederkehrenden Fälle, in denen Privatpersonen gegen die Autoren von Romanen oder (Auto-)Biografien klagen, da sie in den Texten ihre Persönlichkeitsrechte verletzt sehen. In nicht wenigen Fällen sind die Kläger erfolgreich und sorgen dafür, dass ganze Auflagen aus dem Handel verschwinden und dem Autor oftmals ein nicht unbeträchtliches Medienecho zuteilwird.

Bücherverbote sind und waren also allgegenwärtig. Nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in der Gegenwart gibt es demnach Institutionen, die die Medienkommunikation über das Buch beeinflussen und im äußersten Falle sogar unterbinden können. An der Schilderung von dem wahrscheinlich bekanntesten Fall der jüngeren Vergangenheit, dem Verbot des Verkaufs von Maxim Billers Roman "Esra", führt Fuld gekonnt in die Praxis der Buchverbote der Gegenwart ein. Anhand der medial geführten Debatten stellt der Autor den Hintergrund dieses mehr als kontrovers diskutierten Falls dar. Was allerdings ausbleibt bei der Erkenntnis, ist die hinter dem Streit stehende Frage nach der Autonomie und den Grenzen der Kunst. Natürlich kann niemand von Fuld erwarten, diesen jahrhundertealten Streit zu entscheiden, das Kapitel "persönlich und privat" mit den Fragen "Genügt die vom Autor behauptete Fiktionalität? Wann ist ein Roman ein Roman?" enden zu lassen, ist jedoch unbefriedigend. Hier und an wenigen anderen Buchstellen wären genauere Hintergrundinformationen und eine eindeutigere Festlegung des Autos wünschenswert gewesen.

Überhaupt der Begriff Zensur. Niemand wird behaupten können, dass "Zensur" ein auf die heutigen europäischen Gesellschaften anwendbarer Begriff ist. In der Forschung spricht man daher auch von Kommunikationskontrolle, die sich in vielfacher Hinsicht eu- oder dysfunktional auf die Buchkommunikation auswirken kann. Der gesetzliche Rahmen der Meinungsfreiheit genauso wie die vielerorts garantierte Buchpreisbindung sind Ausdrücke einer staatlich gelenkten Kommunikationskontrolle mit dem Ziel, einen Meinungspluralismus zu unterstützen. Fulds Buch hängt sich an wenigen Stellen an einem Zensurbegriff auf, der die Welt nach einem einfachen Muster in Gut und Böse unterteilt.

Was das typografisch schön gestaltete Buch leistet, ist eine Aufzählung bemerkenswerter Eingriffe in die Herstellung und Verbreitung von Büchern. Ein gutes, aber leider nicht nach Kapiteln gegliedertes Literaturverzeichnis kann bei der Vertiefung in die Materie anhand von Einzelstudien helfen.

Das Buch der verbotenen Bücher
Werner Fuld

Das Buch der verbotenen Bücher


Universalgeschichte des Verfolgten und Verfemten von der Antike bis heute
Galiani 2012
352 Seiten, gebunden
EAN 978-3869710433

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