Literatur

Es geht nicht um Religion, sondern um Macht

Damit es gleich gesagt sei: das ist ein tolles Buch! Anregend und differenziert erzählt es vom Kampf der Kulturen, der heutzutage selten mehr als solcher bezeichnet werden darf, da er den sensiblen Gemütern der politischen Korrektheit sauer aufstösst.

Worum geht's? Der Literaturwissenschaftler François, Spezialist für J.-K. Huysmans, lehrt an einer Pariser Uni (er selber habe an keiner Uni studiert, so Houellebecq, die diesbezüglichen Informationen verdanke er der Hochschullehrerin Agathe Novak-Lechevalier), hat Affären mit Studentinnen, als er eines Tages seinen Job verliert. Ein Muslim wurde mit Hilfe der Bürgerlichen, der rückgratlosen politischen Mitte, zum französischen Präsidenten gewählt. Der neue Uni-Rektor, ein zum Islam konvertierter Belgier, der sich in seinen an das breite Publikum gerichteten Schriften moderat gibt, sich in denen an seine engere Klientel aber wesentlich weniger moderat zeigt, will François zurück an die Uni holen, vorausgesetzt, er konvertiere zum Islam.

Houllebecq nimmt den Islam Ernst und sieht ihn keineswegs einseitig, sondern, wie sich das für einen Intellektuellen geziemt, kritisch, doch nicht ohne Wohlwollen. Vor allem jedoch - und dies zeichnet "Unterwerfung" nicht zuletzt aus - verschliesst er nicht die Augen vor dem Offensichtlichen, er ist schliesslich Schriftsteller und kein Ideologe: Es geht nicht um Religion, sondern um Macht und Herrschaft. "Wenn der Islam nicht politisch ist, ist er nichts", zitiert er Ajatollah Chomeini.

"Unterwerfung" zeigt höchst überzeugend auf, wie Europa Gefahr läuft zugrunde zu gehen. Das liegt nicht nur am selbstgefälligen, politisch überkorrekten (jeder Forderung jeder noch so kleiner Randgruppe wird opportunistisch nachgegeben), nur an der eigenen Karriere interessierten politischen Mainstream, es liegt auch daran, dass man sich mit den Vertretern des Islam nicht auseinandersetzt. " ... der Intellektuelle in Frankreich musste nicht verantwortlich sein, das lag nicht in seinem Wesen."

Worin unterscheidet sich eigentlich der Islam von anderen Glaubensrichtungen? Houllebecq lässt den muslimischen Uni-Rektor ausführen, dass sowohl das Christentum als auch der Buddhismus die Welt als mangelhaft beschreiben, der Islam sie hingegen als vollkommen sieht. "Was ist der Koran letztlich anderes als eine sehr lange, schwärmerische Lobeshymne? Ein Lob des Schöpfers und der Unterwerfung unter seine Gesetze."

So spannend sich die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Islam in "Unterwerfung" gestaltet, sie erschöpft sich nicht darin, sondern führt an praktischen (und sehr realitätsnahen) Beispielen aus, worin sich die muslimische Macht im Alltag manifestieren würde. So hat etwa die Unterwerfung der Frau unter die Herrschaft des Mannes zur Folge, dass die Arbeitslosenzahlen sinken, denn die Frauen bleiben jetzt zu Hause. Sodann ordnen Bürger der Golf-Monarchien den Immobilienmarkt in Paris und der Côte d'Azur neu, da sie für ihre Zweitwohnsitze mehr bieten als Chinesen und Russen. Die Kleidung der Frauen veränderte sich: Nicht, dass es viel mehr Verschleierungen gab, doch sie war jetzt merklich züchtiger. Und auch das Bordrestaurant des Thalys von Paris nach Brüssel ist von den politischen Veränderungen betroffen: Man hat jetzt die Wahl zwischen einem traditionellen Menü und einem Halal-Menü.

"Unterwerfung" ist eine gut lesbare, geistreiche und witzige Aufklärung darüber, dass sich hinter dem Kampf der Kulturen ein Kampf um Macht und Einfluss, ein Kampf um Herrschaft verbirgt. Damit leistet Houllebecq, was so recht eigentlich Aufgabe der Journalisten ("... da Journalisten jedoch naturgemäss dazu neigen, Informationen zu ignorieren, die sie nicht verstehen ...") wäre, diese jedoch allzu oft nicht zu leisten vermögen.

Unterwerfung
Michel Houellebecq
Norma Cassau (Übersetzung)
Bernd Wilczek (Übersetzung)

Unterwerfung


Dumont 2016
272 Seiten, broschiert
EAN 978-3832163594

Fakten sind zweitrangig

Höchst eindrücklich schildert Flanagan in seinem Roman, wie Gerüchte und 'Fake News' instrumentalisiert werden, um Angst und Panik zu schüren.

Lesen

Die unberechenbare Vielfalt der Schöpfung

Hans Pleschinski legt einen grossartigen Roman über Gerhart Hauptmann vor. Dank Pleschinskis Einfühlungsvermögens, seinem Witz und seiner Formulierungsgabe wähnt man sich als Leser mittendrin.

Lesen

Rette Dich vor der Mehrheit

Glänzend geschrieben, wunderbar witzig und erhellend erzählt - selten ist über "unser" westliches Wertesystem unterhaltsamer aufgeklärt worden.

Lesen

Ein Mann mit zwei Seelen

Man wird nicht nur bestens unterhalten, sondern sieht Asien mit anderen Augen, nachdem man "Der Sympathisant" gelesen hat.

Lesen

Es ist nicht alles so, wie es scheint

Dieser clever gemachte Thriller verdeutlicht, wie Voreingenommenheiten und Verschwörungstheorien unsere Wahrnehmung nicht nur beeinträchtigen, sondern in die Irre führen.

Lesen

Von Liebe, die tötet

Der Debütroman der Elle-Kolumnistin Melissa Broder wartet mit einigen witzigen Überraschungen auf und schildert in einer offenen und klaren Sprache, wie sich die Liebe für das weibliche Geschlecht anfühlt.

Lesen
Wovon die Wölfe träumen
Frauen, die Blumen kaufen
Die Geschichte des Regens
Aus der nahen Ferne
Adam und Evelyn
Kleinigkeiten
Lila, Lila
Der Sieger bleibt allein
Stiller
Die Mutter
Ruf mich bei deinem Namen
Monsieur Lambert
by rezensionen.ch - 2001 bis 2018