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Die große Leidenschaft der Tschechen

"Das Bier ist der Tschechen Brot." Diese Einsicht half Gustáv Husák, sich fast zwei Jahrzehnte lang in der Tschechoslowakei an der Regierung zu halten. Beliebt war er nicht. Erst auf seinen "Hilferuf" hin besetzten sowjetische Truppen das Land, um den Traum des Prager Frühlings von 1968 endgültig zu zerstören. Unter seiner Ägide mangelte es an vielem - nur nicht an Bier. Husák wusste: Solange die Bevölkerung sich mit ihrem Lieblingsgetränk trösten konnte, war die Gefahr eines Aufruhrs nicht gerade gebannt, aber nur noch latent vorhanden.

Die Tschechen und ihr Bier: 144 Liter davon verputzt im Schnitt jeder Einwohner pro Jahr. Damit führen sie die weltweite Rangliste mit riesigem Abstand an. Auf Position zwei sind die Deutschen mit 107 Litern, gefolgt von den Österreichern mit 104 Litern. In welcher anderen Statistik klafft zwischen Erst- und Zweitplaziertem eine ähnlich große Lücke von immerhin einem Drittel?

Grund genug, den Trinkgewohnheiten unserer Nachbarn und vor allem ihrem Fundament einmal vor Ort nachzuspüren. Beppo Beyerl hat dies getan. Der Autor stammt aus Wien, sein Vater ist noch im tschechischen Karlovy Vary geboren. Na pivo, auf ein Bier, heißt der schlichte Titel seines neuen Buchs. Es sind dann doch ein paar mehr geworden.

Beyerl bereist Böhmen und Mähren, von Budweis bis Brünn, von der Pilsener Senke bis Hanušovice am Fuß des Altvatergebirges, und macht natürlich einen Abstecher nach Prag. Dessen Brauerei staropramen, am Moldauufer im Stadtteil Smíchov beheimatet, ist zwar reichlich renommiert, kann aber mit den Stars der Branche, allen voran das budvar (Budweiser) und das prazdroj (Urquell), nicht mithalten. Aber zum Bier gehören nicht nur die Brauereien, die es herstellen, sondern auch die Kneipen, in denen es konsumiert wird. Davon weist Prag eine Menge auf. Beyerl beschränkt sich auf einige wenige, dafür höchst skurrile.

Natürlich spürt Beyerl auch den aktuellen Trends nach. Vom craft beer ist nicht nur bei uns häufig und viel die Rede. In Tschechien ist das naturnahe, möglichst nahe am Urprozess ohne industrielle Nebenwirkung hergestellte Produkt ebenfalls im Kommen. An zahlreichen, auch von den traditionellen Zentren entfernteren Orten ohne große Brautradition, in Břeclav etwa, in Sichtweite zur Slowakei, im nordmährischen Litovel oder in Hanušovice an der polnischen Grenze, eröffnen neue Kleinbrauereien.

Beyerl begibt sich in Sudhäuser und Mälzereien, verfolgt Brauprozesse und sucht das Gespräch mit Braumeistern, zeichnet die Geschichte traditioneller Biere auf und verkostet das fertige Produkt. Die meiste Zeit verbringt er jedoch in Kneipen, wo das gemeine Volk, je nach moralischem Standpunkt, dem Laster frönt oder sich dem Vergnügen hingibt. Am Ende des Buches weiß man, warum dies in Tschechien in solch exzessiver Weise geschieht.

Eine Ahnung, wie groß der Einfluss des Bieres auf die tschechische Gesellschaft und seine Kultur ist, vermittelt auch die einheimische Literatur. So werden Jaroslav Hašek und Bohumil Hrabal gesonderte Kapitel in Beyerls nicht nur für Bierenthusiasten lesenswertem Buch gewährt. Die Leidenschaft der Tschechen und ihr Leiden während der Ära Husák auf den Punkt brachte ein britischer Kollege Hašeks und Hrabals. Eher beiläufig erwähnt Bruce Chatwin in seinem Roman Utz einen Prager Dissidenten: "Sein Name war Kosík. Nach den Ereignissen von 1968 war er nach Amerika gegangen, nach Elizabeth, New Jersey. Aber er kehrte bald zurück. Das Bier dort war einfach ungenießbar."

Na Pivo mit Bohumil Hrabal und Jaroslav Hašek
Beppo Beyerl

Na Pivo mit Bohumil Hrabal und Jaroslav Hašek


Eine mährisch-böhmische Bierreise
Löcker 2016
200 Seiten, broschiert
EAN 978-3854098089

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