Geschichte

Auf den Spuren von Mussolinis Armee in Nordafrika

Am 3. Oktober 1935 ließ Benito Mussolini seine Truppen ohne vorherige Kriegserklärung in Äthiopien einmarschieren. Die Regierung Haile Selassies protestierte vergeblich beim Völkerbund. Sieben Monate später brach der militärische Widerstand zusammen, und der Duce verkündete einer begeisterten Menschenmenge, Rom habe das äthiopische Kaiserreich als Kolonie Abessinien für Italien in Besitz genommen. Es war das erste Mal in der Geschichte des afrikanischen Volkes, dass es von einer fremden Macht dominiert wurde. Ein erster Versuch Italiens anno 1896 hatte mit der schmachvollen Niederlage in der Schlacht von Adua geendet.

Die Revanche war ein schmutziger Krieg. Italien setzte Giftgas ein, was zwar einen Bruch der Genfer Konvention bedeutete und von den meisten Staaten als verabscheuungswürdig empfunden wurde, aber letztlich keine Konsequenzen nach sich zog. Die Vereinigten Staaten lieferten den Italienern dreimal so viel Öl wie vor dem Krieg, Deutschland ein Vierfaches an Kohle. Großbritanniens Regierung weigerte sich, den Suezkanal zu sperren und tat ebenso wie Frankreich nichts, um den Angegriffenen beizustehen. Angelo Roncalli, damals Diplomat im Vatikan, später als Johannes XXIII. mit dem Zusatz "der Gütige" gefeierter Papst, bejubelte den Überfall als "kulturbringendes Werk". Als Addis Abeba am 5. Mai 1936 fiel, sah sich Mussolini in seiner Eroberungspolitik bestätigt. Kurz darauf brach der Spanische Bürgerkrieg aus, und die Weltöffentlichkeit hatte ein neues Thema, über das sie sich aufregen konnte.

Den vergessenen Krieg hat jetzt ein italienischer Journalist aufgearbeitet. Helmut Luther begab sich zu den Schauplätzen des Krieges. Der Name verrät die Herkunft: Luther ist Südtiroler. Auch sein Volk hatte einst unter Mussolini zu leiden, wenn auch nicht so schlimm wie die Äthiopier im Abessinienkrieg. Was sein Buch zu etwas ganz Besonderem macht: Luther lässt sich bei seinen Erkundigungen durch das Tagebuch eines einfachen italienischen Soldaten leiten, der wie er aus Südtirol stammt.

Anton R. war zum Wehrdienst eingezogen und auf die Reise nach Übersee geschickt worden, am "13. Juni [1935], gerade an meinem Namenstag", verrät das Tagebuch: "Das Einsteigen ins Schiff", bekennt sein Schreiber, "kam mir sehr schwer an." Die italienischstämmigen Landsleute des Rekruten taten sich da schon leichter, im allgemein herrschenden Jubel und nationalistischen Taumel. "Als Angehöriger einer ethnischen Minderheit sah sich Anton R. selbst der Verachtung und Diskriminierung im eigenen Heer ausgesetzt", bringt der Autor seinem Informanten ein gewisses Wohlwollen entgegen: "Anton R. vollbrachte im Krieg keine Heldentaten, er erhielt keine Auszeichnung für besondere Tapferkeit. Er überlebte und verlor dabei nicht seine Menschlichkeit."

Als bescheiden und sympathisch wird auch das Auftreten Luthers selbst in Äthiopien und Eritrea, den beiden Nachfolgestaaten des Kaiserreichs, von der lokalen Bevölkerung empfunden worden sein. Meist ist der Autor in überfüllten Autobussen unterwegs oder, kaum weniger beengt, in privaten Sammeltaxis. Oft geht er auch zu Fuß. Sein ständiger Begleiter ist, neben dem Tagebuch, die Guida dell’Africa Orientale Italiana, 1938 aufgelegt, eine Art Handbuch für Angehörige der Besatzungsarmee und Geschäftsleute, die in der neuen Kolonie ihr Glück versuchen wollen. Detaillierte Karten und Ortsbeschreibungen sind in dem Führer enthalten, und sobald Luther ihn in einem Café oder einem Busbahnhof aufschlägt, bildet sich eine Traube Neugieriger um ihn. Das erleichtert ihm die Kontaktaufnahme.

Luther spricht weder Afar noch Amharisch, doch trifft er in Eritrea und Äthiopien immer wieder auf Menschen, die Italienisch können. Oder Englisch. Es überrascht, wie viel von der Kultur Italiens sich trotz der kurzen Besatzungszeit in den beiden nordostafrikanischen Ländern gehalten hat. Zahlreiche Bauwerke, Straßen, Brücken zeugen bis heute vom italienischen Einfluss, auch Restaurants, Fabriken und Verwaltungsgebäude. Und in fast jeder Stadt trifft Luther auf Nachfahren der Invasoren, die im Land geboren, dort geblieben oder auf den Spuren der Väter und Großväter dorthin gezogen sind. Alle diese Begegnungen lässt der Autor in seine Reportage einfließen, Luthers Buch verbindet somit auf kunstvolle und unterhaltsame Weise Geschichte und Gegenwart.

Mussolinis afrikanisches Kolonialreich hatte nicht lange Bestand. Auf den Tag genau fünf Jahre nach dem Fall von Addis Abeba nahm Haile Selassie seine Hauptstadt wieder in Besitz. Mussolinis Kolonialtraum war da schon beendet, der Zweite Weltkrieg noch lange nicht.

Mussolinis Kolonialtraum
Helmut Luther

Mussolinis Kolonialtraum


Eine Reise zu den Schauplätzen des Abessinienkrieges
Edition Raetia 2017
232 Seiten, broschiert
EAN 978-8872836095

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