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Die Rolle des NSKK im Zweiten Weltkrieg

Obwohl sich die historische Forschung größtenteils der Zeit des Nationalsozialismus zuwendet, sind dort gegenwärtig immer noch eklatante Forschungslücken zu beklagen. Besonders Untersuchungen zu Parteiorganisationen werden schmerzlich vermisst. So gibt es beispielsweise bis heute keine wissenschaftlich fundierte Arbeit zur Deutschen Arbeitsfront, der größten Massenorganisation im NS-Staat. Dorothee Hochstetter hat mit ihrer Dissertation über das NSKK eine dieser Lücken schließen können.

Auf umfangreichem Quellenmaterial fußend, schickte sich die Autorin an, die Legende des unpolitischen NSKK zu widerlegen und erstmals sowohl den organisatorischen Aufbau, Rolle und Gewichtung im polykratischen NS-Staat sowie Verstrickungen im Rassen- und Vernichtungskrieg aufzuzeigen. Das NSKK, 1931 gegründet und zunächst Unterabteilung der SA, unterstützte die NSDAP in den Wahlkämpfen Hitlers und war für deren reibungslose Organisation "unersetzbar" (S. 52). Bis 1934 bestand neben dem NSKK auch noch die Motor SA, die geographisch äquivalent zur SA gegliedert war. Nach dem Röhm Putsch kam es zur Vereinigung von NSKK und Motor SA unter Führung von Adolf Hühnlein, der schon zuvor das NSKK leitete und u.a. die Gleichschaltung der Automobilclubs vorantrieb. Zwar gewann das NSKK durch diese Vereinigung neben Mitgliedern auch an Prestige, ihr Einfluss sollte aber die gesamte Zeit des Bestehens begrenzt bleiben. Es gelang weder Hühnlein, der wenig rhetorisches Talent besaß und oftmals blass blieb, noch seinem Nachfolger Ernst Kraus das NSKK zu einer einflussreichen Organisation werden zu lassen, trotz dem Aufbau einer Vielzahl von Ämtern und Führerstellen (S. 83). Zwar kontrollierte das NSKK den Nachwuchs in den Motorsportschulen, den Motorsport, die Fahrlehrerausbildung und die Verkehrssicherheit, oftmals fehlten der Organisation allerdings die Mittel, um erfolgreich agieren zu können. So brachte die Verkündung des zweiten Vierjahresplans 1936 eine veränderte Prioritätensetzung in der Rohstoffverteilung, allen voran des Treibstoffs, für die im Aufbau befindliche Rüstungswirtschaft. Auch die Tatsache, dass es zu wenig Fahrzeuge gab und sich viele Mitglieder der "Volksgemeinschaft" kein eigenes Auto leisten konnten, standen dem Selbstverständnis des NSKK "Banner- und Willensträger der Motorisierung" zu sein, entgegen. Dorothee Hochstetter gelingt es, obwohl z.T. etwas zu ausführlich, anschaulich darzulegen, wie das NSKK aufgebaut war, welche Ziele verfolgt und welche Wege eingeschlagen wurden, um diese zu erreichen.

Die letzten beiden Kapitel der Untersuchung befassen sich mit den Diskriminierungs- und Gewaltmaßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung und der Rolle des NSKK im Zweiten Weltkrieg. Während die antisemitischen Einstellungen der meisten Mitglieder des NSKK nicht überraschen - in allen Parteiorganisationen wurden Juden ausgeschlossen bzw. diskriminiert - gelingt es Dorothee Hochstetter die Legende von der unpolitischen Motororganisation an Hand der Verstrickungen des NSKK an der Verfolgung und Ermordung von Juden in Polen und der Sowjetunion - eindeutig zu widerlegen. Neben den "Kontroll-, Ausbildungs-, Fahr- und Transportaufgaben" (S. 454) unterstützte das NSKK kurz nach Kriegsbeginn die Ordnungspolizei im Deutschen Reich. In den polnischen Gebieten wurden Juden mit Hilfe des NSKK in Ghettos abgeschoben. An den unmittelbaren Transporten in die Vernichtungslager war das NSKK jedoch nicht beteiligt. Allerdings fanden Judenerschiessungen durch Polizeibataillone unter Beteiligung von Angehörigen des NSKK statt, so dass von einer aktiven Verstrickung in den Rassen- und Vernichtungskrieg gesprochen werden kann. Dies betraf zwar nicht alle Mitglieder, schmälert die Verantwortung der Organisation aber in keiner Weise.

Insgesamt betrachtet hat Dorothee Hochstetter eine grundsolide Studie vorgelegt, die für künftige Auseinandersetzungen mit der Motorisierung im NS-Staat unentbehrlich ist. Dass die Untersuchung so manch störende Wiederholung enthält, oder einige Kapitel zu ausführlich dargestellt wurden (VIII. und IX.) mindert die Gesamtleistung Dorothee Hochstetters nicht. Ihr ist das Verdienst zuzuschreiben, die erste wissenschaftlich fundierte Untersuchung über das NSKK vorgelegt zu haben. Künftige Darstellungen über die Motorisierung in der NS-Zeit müssen sich an diesem Standardwerk messen lassen.


von Benjamin Obermüller - 27. Januar 2005
Motorisierung und "Volksgemeinschaft"
Dorothee Hochstetter

Motorisierung und "Volksgemeinschaft"


Das Nationalsozialistische Kraftfahrkorps (NSKK) 1931-1945
De Gruyter Oldenbourg 2004
537 Seiten, gebunden
EAN 978-3486575705
Studien zur Zeitgeschichte 68