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Carl Zuckmayer: Geheimreport

Pointierte Charakterstudien – Über deutsche Künstler in der NS-Zeit

Carl Zuckmayers für das US-amerikanische "Office of Strategic Services" im Zweiten Weltkrieg angefertigter "Geheimreport" – 2002 erstmals publiziert, 2021 in vierter Auflage erschienen – über deutsche Künstler im Dritten Reich ist mittlerweile verdientermaßen zu einem Best- und Longseller avanciert. Als Dramatiker wurde Zuckmayer vor der NS-Zeit mit "Der Hauptmann von Köpenick" dem deutschen Publikum bekannt. Bis heute gehört "Des Teufels General" – 1946 erschienen – zu den wichtigsten Theaterstücken der Nachkriegszeit. Zuckmayer war darüber hinaus ein hellsichtiger, kluger und analytischer Beobachter des Zeitgeschehens, der 1943 sorgfältig Künstler porträtierte, die bereitwillig mit dem NS-Regime kooperierten, ambivalent sich verhielten oder auch integer blieben. Wenig später erstellten Joseph Goebbels und Adolf Hitler in der Endphase des Zweiten Weltkrieges die sogenannte "Gottbegnadeten-Liste", auf der jene Künstler verzeichnet waren, denen der Kriegsdienst erspart bleiben sollte – der Begriff "gottbegnadet" wurde im bürgerlich-saturierten Deutschland, von der Wirtschaftswunderzeit bis ins 21. Jahrhundert hinein, von vielen Bürger ungeniert weiter verwendet, in einem positiven Sinne. Carl Zuckmayer indessen porträtiert sehr genau und auch sensibel in NS-Deutschland verbliebene Künstler.

Eingangs kennzeichnet er das Bild des Künstlers, wie es damals vorherrschend gewesen sei. Der Künstler führe, gemäß der herrschenden deutschen Meinung, ein "Eigenleben", gehöre der "überzeitlichen Welt der Künste" an, einem "Traumreich, das nicht einmal einer religiösen Autorität, nur der vom Künstler selbst erfühlten Gottheit unterstehe". Diese romantisch-idealistische, faktisch absurde Vorstellung ist in Deutschland nie gänzlich überwunden worden. Verkannt wird, teilweise bis heute, dass auch Künstler eine soziale Rolle einnehmen, politisch verantwortlich sind und natürlich materielle Bedürfnisse haben. Zudem sind sie – wie jedermann sonst – mitunter anfällig für totalitäre Versuchungen, religiöse Schwärmerei oder unklare philosophische oder esoterische Ideen jeglicher Art. 

Zuckmayer denkt insbesondere über Schauspieler nach, denen er teilweise "deutliche Züge von Schizophrenie" attestiert: "Die meisten Schauspieler neigen zu einer Art von Infantilismus, der ihnen auch die Vorgänge des realen Lebens, die blutige Wirklichkeit, zum Spiel, zur rasch wandelbaren Szene, zur Inszenierung, und ihre eigne Position und Aktivität darin zur Rolle werden lässt." Indessen seien aber die meisten keine "Nazi’s", jedenfalls nicht im "kriminellen Sinne". Zuckmayer unterteilt also aktive Nazis und böswillige Mitläufer, gutgläubige Mitläufer, die dem "Nazi-Zauber" erlegen seien, Indifferente und Hilflose sowie die "bewussten Träger des inneren Widerstands".

Peter Suhrkamp, der spätere Verleger, zeitweise ein "erfolgloser expressionistischer Dramatiker", hebt er positiv hervor. Dieser habe den Gedanken an Auswanderung abgelehnt. Er wollte die "besseren Kräfte in Deutschland" nicht allein lassen. Das sei anzuerkennen. Niemals habe er "antisemitische Maßnahmen" gebilligt. Er sei versponnen, ein "etwas vergrübelter, etwas querköpfischer Charakter", der aber ein wichtiger Mitarbeiter werden könne bei der "Neugestaltung Deutschlands" nach dem Krieg – ebenso wie Ernst Wiechert und Hans Carossa, der auch im "schmutzigen Nazinebel" integer geblieben sei. Sodann kommt Zuckmayer auf Karl Valentin zu sprechen. Dieser sei ein beliebter "Volkskomiker", ja ein "Wahrzeichen Münchens", den die NS-Schergen "ebensowenig einfach abräumen und verschwinden lassen kann wie etwa den Kardinal Faulhaber von der Kanzel". Valentin tauge zwar nicht als "politischer Kämpfer", doch er missbilligte die Nazis, zumal ihm schon "der preussische Tonfall körperlich weh tut wie einem Hund ein hoher Sopran". 

Von Gottfried Benn hält Zuckmayer wenig, auch aufgrund dessen "manischer Wortklangverliebtheit", Hitler sei er eine Zeitlang regelrecht "verfallen" gewesen, ebenso dem "Rassenmythus und der Blutmystik": "Die Nazis verstanden selbst seine denaturiertesten Gedichte nicht." Er blieb unbehelligt und unbeachtet. Zuckmayer erkennt bei dem eigensinnigen Dichter auch eine Selbstüberschätzung. Benn möge vereinsamt sein, aber "kommende Wandlungen" dürften ihn nicht verändern. Friedrich Sieburg schildert er nicht allein als "Nazischriftsteller", sondern zugleich als einen der "gefährlichsten und erfolgreichsten Agenten" des Regimes. Später erklärte sich Sieburg, der eine "flexible Persönlichkeit" sei, zu einem "Abtrünnigen". Zuckmayer ist überzeugt davon, dass einer Person wie Friedrich Sieburg unter keinen Umständen zu trauen sei. 

Die Regisseurin Leni Riefenstahl glaube an Hitler wie an einen Erlöser. Als sie einmal in heller Aufregung in Ohnmacht gefallen sei, sank sie dem Führer zu Füßen, der "sichtlich angewidert" sodann "über sie wegsteigen" musste. Bei der Betrachtung der Regisseure und Schauspieler erwähnt Zuckmayer schließlich Heinrich George, dessen großes Talent unübersehbar sei. Er habe sich auch früher als "radikalster Kommunist" aufgespielt, sei auch zu "raserischem Nationalsozialismus" imstande gewesen, zudem bereit, ständig betrunken jeden Kellner oder Chauffeur zu verprügeln: "Er wagte es, als Götz von Berlichingen mit dem Hitlergruss aufzutreten und wurde einer der Führer des nazistischen Theaters." Ernst und Friedrich Wilhelm Jünger beurteilt Zuckmayer skeptisch. Interessiert sei besonders der ältere Bruder, also Ernst, eher an einer "Weltgestaltung vom Geist her". Doch beide würden in einem Nachkriegsdeutschland "noch isolierter sein als jetzt". Zuckmayer spricht anerkennend über Ernst Jüngers Schriften. Zwei weit über die NS-Zeit hinaus bekannte Künstler seien noch kurz erwähnt. Der Regisseur und Schauspieler Gustav Gründgens habe eine "zynische" Beziehung zur Macht, sei ein taktisch versierter Spieler und intrigant, aufgrund seiner "Vollblut-Homosexualität" zugleich stets gefährdet. Bisweilen wirke er wie ein "Götterliebling der Nazis": "Er geht mit unsichtbaren Schlittschuhen an den Füssen am liebsten auf blankem Eis – auf einem weniger glatten und ungefährlichen Boden würde er vermutlich straucheln und stolpern." Der Berliner Dirigent Wilhelm Furtwängler habe zwar, so Zuckmayer, eine von der "Parteizensur" unabhängige Kunst gewollt. Der "national empfindende Deutsche" setzte sich für den von Nazis als "entartet" abgelehnten Hindemith ein, konnte aber das "Aufführungsverbot für Hindemiths Musik nicht verhindern": "In allen Fragen der künstlerischen Gesinnung wurde er völlig machtlos – die Offizialität seiner Stellung wuchs mehr und mehr." Schon vor dem Krieg dirigierte er bei "Nazistaatsakten". Carl Zuckmayer spricht darum von der "Tragödie Furtwängler". 

Von heute aus sehen Leser viele tragische Fälle unterschiedlicher Art in der NS-Zeit, im Übrigen unter teilweise bis heute hochgeehrten Gelehrten und Intellektuellen nicht weniger als unter Künstlern – man denke nur an Philosophen wie Martin Heidegger oder Arnold Gehlen. Verstand und Künstlertum schützen nicht vor Ideologien, so scheint es. Carl Zuckmayers scharfsichtige, prägnante und pointierte, dabei literarisch hervorragende Charakterstudien von zahlreichen Persönlichkeiten der NS-Zeit verdienen auch heute eine aufmerksame Leserschaft. Wie gut, dass dieser zeitgeschichtlich eminent bedeutsame "Geheimreport" heutzutage nicht mehr geheim ist.


von Thorsten Paprotny - 16. August 2021
Geheimreport
Carl Zuckmayer
Gunther Nickel (Hrsg.)
Johanna Schrön (Hrsg.)

Geheimreport


Wallstein 2021
527 Seiten, gebunden
EAN 978-3835338579

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