Geschichte

Minnesänger und ihre (Schrift-)Quellen

Ohne jeden Zweifel hat das Mittelalter Konjunktur, und das Hochmittelalter als angebliche Blütezeit des Rittertums geradezu sprichwörtlich Hochkonjunktur. Neben dem Phänomen "Burg", dem sich zahlreiche oder inzwischen eher zahllose Publikationen verschiedenster, aber selten guter Qualität widmen, hat besonders das Thema Minnesang zu faszinieren vermocht. Die damit gemeinhin verbundenen romantischen Vorstellungen sind angesichts der modernen Schnelllebigkeit durchaus verständlich, doch besteht die latente Gefahr, dass sie bei weiterer Verselbstständigung den Blick auf die tatsächlichen historischen Minnesänger - Minnesängerinnen lassen sich, was wenig verwundert, bisher nicht nachweisen - verstellen. Ohnehin zeigt sich bei näherer Betrachtung, dass es um die auf den überlieferten Schriftquellen aufbauende historische Forschung nicht gerade gut bestellt ist und gründliche Untersuchungen bisher die Ausnahme geblieben sind. Deutlicher gesagt: Unsere Kenntnis von einzelnen Minnesängern, nimmt man einmal die herausragenden Persönlichkeiten wie Walter von der Vogelweide oder Oswald von Wolkenstein aus, ist noch immer erschreckend dürftig.

Insofern kann es stets nur begrüßt werden, wenn eine neue Edition von Schriftquellen erscheint, die den raschen und problemlosen Zugriff auf das maßgebliche Material ermöglicht. Nach Abschluss eines mehrjährigen, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts kann der Germanist Uwe Meves in Gemeinschaft mit Cord Meyer und Janina Drostel nun einen umfangreichen, mehr als 1000 Seiten starken Band vorlegen, der die "Regesten deutscher Minnesänger des 12. und 13. Jahrhunderts" auflistet. Der interessierten Leser- und Nutzerschaft wird dabei allerdings rasch auffallen, dass der gewählte Titel in mehrfacher Hinsicht den versprochenen Rahmen nicht ausfüllt. So hat sich der Herausgeber dazu entschlossen, von bisher mehr als 100 bekannten gerade einmal 30 Minnesänger aus "dem schwäbisch-alemannischen Südwesten …, dem bairisch-donauländischen (sic!), dem rheinfränkischen und dem thüringisch-sächsischen Raum" auszuwählen, darunter auch der bekannte Walther von der Vogelweide, aber auch eher unbekannte Vertreter dieses Berufszweiges. Die Rechtfertigung der Auslassung der restlichen Personen gerät trotz des Verweises auf mehr oder weniger aktuelle Monographien oder gar seltene spezielle Quellenwerke nicht gerade überzeugend, da der Titel eben eine Vollständigkeit suggeriert. Auch vermittelt die getroffene Selektion ein durchaus schiefes Bild, wenn mit Ausnahme des Elsaß der Schwerpunkt auf im heutigen territorialen Sinne deutsche Beispiele gelegt wird, was den hochmittelalterlichen Verhältnissen nicht entspricht. Doch sieht man von diesen nicht unwesentlichen Kritikpunkten ab, so erweist sich die Auswahl als durchaus glücklich. Eine komplette Behandlung aller in Frage kommenden Minnesänger hätte gewiss nicht nur die bereits jetzt beeindruckende Seitenzahl, sondern auch den Bearbeitungszeitraum um ein Vielfaches gesteigert, ganz abgesehen von einzuhaltenden Förderungszeiträumen.

Der Aufbau der Regesten (Zusammenfassung des Rechtsinhaltes von Urkunden) folgt den bewährten Schemata solcher Editionen und überzeugt durch konsequente Einhaltung. Datierung und Regest folgen die Angabe des Lagerortes der Originalurkunde, sofern noch vorhanden (was sehr selten der Fall ist), der Druckorte und früherer Regesten, wobei die Bearbeiter sich erkenntlich sehr, aber nicht immer erfolgreich, um die jeweils jüngsten Publikationen bemüht haben (z.B. ist für Nr. 3, S. 285, die noch junge Edition mit Abbildung der Urkunde in "Die Urkunden des Zisterzienserklosters Otterberg 1143-1360", 1995, Nr. 12. S. 65-67, heranzuziehen). Der Name des betreffenden Minnesängers soll offensichtlich, gleich ob im Regest oder in Zeugenlisten, durchgängig in der (meist lateinischen) Originalsprache angegeben werden, was aber leider nicht immer eingehalten, sondern mehrfach ohne erkennbaren Grund durch gänzliche oder teilweise Übertragung in das moderne Schriftdeutsch ersetzt worden ist (z.B. Nr. 17, S. 315).

Die vorstehenden Bemerkungen sollen jedoch den Wert der Regesten beileibe nicht schmälern. Auch wenn die Details im Einzelnen nun der Überprüfung harren und sich bereits im Laufe der Bearbeitungszeit des Bandes manches hat ergänzen lassen - so wäre zum Artikel "Der Püller" etwa der betreffende Artikel Hohenburg/Elsaß im zweiten Band des "Pfälzischen Burgenlexikons" beizufügen -, so liegt nun ein in jeder Hinsicht gewichtiges Werk vor, das eine gute Basis für weiterführende Untersuchungen einzelner Minnesänger-Persönlichkeiten, ihres sozialen Status und Lebenslaufes sowie ihrer Bedeutung liefert. Die genannten Mängel lassen sich bei einer hoffentlich zweiten Auflage beseitigen und Ergänzungen einarbeiten, wofür dann die beigelegte CD-ROM, die nicht etwa eine Materialaufbereitung in Form einer Datenbank enthält, sondern schlicht das gesamte Buch abzüglich Einleitung und Register als pdf-Dokument, gern entfallen könnte. Der an Minnesang und einer realistischen Kenntnis des Mittelalters interessierten Leserschaft seien die "Regesten deutscher Minnesänger" trotz ihres hohen Preises sehr ans Herz gelegt.

Regesten deutscher Minnesänger des 12. und 13. Jahrhunderts
Uwe Meves (Hrsg.)

Regesten deutscher Minnesänger des 12. und 13. Jahrhunderts


De Gruyter
1075 Seiten, gebunden
EAN 978-3110174076
unter Mitarbeit von Cord Meyer und Janina Drostel

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