Literatur

Verrückte Liebschaft im Bordell

Im neuen Roman von Juan Marsé geht es um die großen Gefühle in einer vom Verbrechen geprägten Welt. Der viel gelobte katalanische Literat geht hier einfühlsam der Liebe und Sehnsucht auf den Grund und beweist einmal mehr seine Qualität als großer Erzähler.

Raúl Fuentes ist vom Dienst suspendiert. Normalerweise jagt der Polizist dem organisierten Verbrechen der baskischen Untergrundorganisation ETA nach, doch nun ist er zu weit gegangen. In Rage hat er einem 18-Jährigen Angehörigen des bekannten Tristan-Clans, der gemeinsam mit einem Komplizen eine alte Frau überfallen hat, den Schädel zertrümmert. Dass dieser jetzt im Koma liegt, ist eine Sache. Dass Fuentes nicht zum ersten Mal im Dienst ausgetickt ist, die andere. Fuentes ist ein Choleriker, wie er im Buche steht, ausgestattet mit einem derben Charakter und einer dementsprechenden Sprache. Schimpfworte, Kraftausdrücke und sexistische Beleidigungen bilden seine aggressive Vulgärsprache, deren Sinn allein darin besteht, alles und jeden zu verletzen und mit Herabwürdigung zu strafen.

Ein Dienstaufsichtsverfahren und die Furcht der Behörden vor einem Rachefeldzugs des Familienclans gegen die Polizei in Vigo sind Grund genug für seine Suspendierung. Erzürnt darüber, von laufenden Ermittlungen abgezogen zu werden, verlässt er die Stadt und fährt auf das väterliche Pferdegut in der katalanischen Provinz. Grund seines Besuchs ist sein behinderter Zwillingsbruder Valentín, der seit einer Hirnhautentzündung geistig zurückgeblieben ist. Angekommen in der ungeliebten Heimat muss Raúl jedoch feststellen, dass sich seit seiner letzten Visite einiges im Leben seines Bruders erheblich verändert hat. Valentín geht nicht mehr dem Vater auf dem Reithof zur Hand, sondern hilft in einem anliegenden Animierclub aus. Er besorgt dort die Einkäufe, erledigt kleinere Botengänge und bekocht die Prostituierten, die ihn trotz seiner geistigen Behinderung achten und schätzen.

Der katalanische Autor Juan Marsé, der in diesen Tagen seinen 75. Geburtstag begeht, entwirft in seinem neuen Roman "Liebesweisen in Lolitas Club" einen großartigen Plot, in dem die Hauptperson Raúl Fuentes in seinem Privatleben mit Tatsachen konfrontiert wird, die ihn täglich in seiner Arbeit als Polizist beschäftigen - dem organisierten Verbrechen. Denn in "Lolitas Club" bieten vor allem illegal ins Land geschmuggelte Frauen aus Südamerika ihre Dienste an. Immer wieder strickt Marsé die Zweifel des jähzornigen Polizisten um die Wichtigkeit des Bordells für die verbrecherische Struktur der katalanischen Unterwelt mit ein. Diese Rahmenhandlung wird von dem katalanischen Literaten noch von verschiedenen Aspekten des Menschenhandels, der spanischen Drogenmafia und des ETA-Terrors komplettiert.

Raúl versucht, seinen Bruder davon zu überzeugen, dass weder die Arbeit noch sein Arbeitsplatz gut für ihn sind. Er muss allerdings feststellen, dass Valentín keineswegs daran denkt, seinen Job aufzugeben. Es steckt zwar lediglich der Geist eines Kindes in dem männlichen Körper des versehrten Zwillings, allerdings der eines Trotzkopfs mit festem Willen. Und schon bald muss Raúl feststellen, dass dieser Trotz einer ungeahnten Quelle entspringt, denn das in seinen Augen naive, kleine und seines Schutzes bedürftige Wesen Namens Valentín Fuentes ist in die blutjunge Kolumbianerin Milena verliebt, "eine sehr junge Prostituierte von düsterer, erniedrigter Schönheit." Da nicht sein kann, was nicht sein darf, entfacht diese Entdeckung bei Raúl eine neue Tobsucht. Er baut sich ein Kartenhaus aus Mutmaßungen und Unterstellungen, welche es ihm unmöglich machen, das vollkommene Glück des Bruders wahrzunehmen. Vielmehr stellt sich für ihn die Lage so dar, dass die Prostituierten mit Valentin ein falsches Spiel spielen und ihn womöglich sogar als Drogenkurier missbrauchen? Insbesondere Milena muss in seinen Augen von Valentíns Diensten profitieren, warum sollte sie sonst Valentíns naives Liebesspiel mitspielen?!

Wie auch immer, Fuentes ist nun umso entschlossener, seinen Bruder aus dem Club herauszuholen. Die liebevolle Sorge um den Bruder, die er dabei an den Tag legt ("Ich bin hier, Valen, du musst nichts fürchten."), will so gar nicht zu dem hitzköpfigen Polizisten passen. Er verkennt jedoch völlig die Situation, in der sich sein behinderter Bruder befindet. Er ist kein Teil eines verbrecherischen Netzwerks, sondern der Lichtblick in Milenas Dasein. Illegal nach Spanien geschmuggelt, Menschenhändlern ausgeliefert und mehrfach missbraucht und schließlich zur Prostitution gezwungen, ist sie dankbar für die Fürsorge und Achtung, die ihr Valentin entgegenbringt. Er ist gemessen an ihren zurückliegenden Erfahrungen geradezu eine Wohltat an Mensch, "der einzige echte Freund".

Und so entspinnt sich eine ergreifende Dreierkonstellation zwischen den ungleichen Zwillingsbrüdern und der jungen Prostituierten. Diese Trias lässt Marsé so ganz nebenbei ein gesellschaftliches Thema diskutieren, dass in den ach so modernen und aufgeklärten Gesellschaften unserer Tage säuberlich unter den Tisch gefegt wird. Denn die bewusste Wahrnehmung zwischenmenschlicher Emotionen, von körperlichen Begehren wollen wir hier erst gar nicht reden, wird den Valentíns dieser Welt meist abgesprochen. Und so befindet sich der drängende Bruder Raúl lediglich in einer gesellschaftlichen Stellvertreterrolle wieder, als ihm der aufgeweckte Valentín entgegenlacht: "Glaubst Du etwa, ich bin bescheuert?! Ja, das glaubst Du immer!"

Juan Marsé lässt in seinem Roman eher erzählen, als dass er selbst erzählt. Zuweilen erstrecken sich die Dialoge seiner Figuren nahezu ununterbrochen auf mehrere Seiten und geben so einen intimen Einblick in ihr nach außen getragenes Innenleben. Vielleicht versteckt sich Marsé hier auch etwas hinter seinen Romanfiguren, was man ihm in Anbetracht dieses nicht unbedingt einfach zu diskutierenden Themas vorwerfen kann, aber keineswegs muss. Denn die Feder des Autors durchdringt die Dialoge der Protagonisten und hält so dennoch die Fäden der Regie fest in der Hand. Niemals hat man das Gefühl, dass sich die Dialoge verselbständigen oder ihm aus der Hand gleiten und so die einzelnen Persönlichkeiten Macht über ihren Autor erlangen würden. Und so ist es der katalanische Autor, der in seinen irgendwie doch philosophischen Betrachtungen nach dem eigentlichen Vergehen fragt, welches Raúl der kolumbianischen Prostituierten andichten will. Worin besteht denn die Verwerflichkeit ihres Tuns, wenn Valentín glücklich und von einer Aufgabe erfüllt ist. Auf den Vorwurf, sie lasse Valentín nur glauben, dass sie ein Paar seien, lässt Marsé die junge Prostituierte Raúl antworten: "Ja und? Wen kümmert das schon? Wer hört denn auf ihn? Und wer glaubt einem Jungen, der nicht richtig im Kopf ist? Und wir Mädchen ... warum sollten wir ihm irgendwas Böses wünschen?" Marsé entwaffnet mit Milenas Worten nicht nur Raúls Scheinheiligkeit, sondern zugleich auch die falsche Moral unserer Tage hinsichtlich dieser exemplarischen "amour-fou" im wahrsten Sinne des Wortes. Der tatsächlich schändliche Akt, der hier von Raúl vollzogen wird, besteht darin, Valentín sein wenn auch nur eingebildetes Glück zu missgönnen. Dies macht Marsé umso eindrucksvoller deutlich, indem er die unschuldig intimen, zweisamen Momente zwischen Valentín und Milena nachzeichnet und so dieses symbiotische Verhältnis der gegenseitigen Wohltat hervorhebt.

Valentíns Traum ist es, Milena aus dem Bordell freizukaufen, und sein Traum ist ihre einzige Hoffnung. Doch weder Valentíns Traum noch Milenas Hoffnung wird erfüllt werden. Valentín fällt einem Mordanschlag unweit des Bordells zum Opfer, der eigentlich dem suspendierten Zwillingsbruder Raúl galt. So nimmt das Schicksal eine bittere und unerwartete Wendung, die auch den gefühlslosen Choleriker Raúl nicht unberührt lässt. Er tritt aus dem Polizeidienst aus, zieht in das katalanische Heimatdorf und beginnt, sich um die junge Prostituierte so zu sorgen, wie es der tote Bruder getan hat. Sein Ziel? Ihre Befreiung von der Tyrannei des männlichen Begehrens, dem sie ausgeliefert ist, solange sie niemand freikauft. Raúl wird zu dem Zwillingsbruder, den er in all seiner Menschlichkeit und Würde nicht akzeptieren wollte.

Warum er das tut? Nun, die Erklärung scheint Marsé in einer Art Fabel im Buch zu geben. Er scheint verstehen zu wollen, was ihm so lange unverständlich und verborgen blieb. Allegorisch nehmen sich die Prostituierten aus Lolitas Club "still am Arm", als der Trauerzug ihr Bordell passiert. Und ebenso wenig wie Raúl "... wüssten [sie] nicht zu sagen, ob sie das tun, um besser zu sehen oder um ihm näher zu sein."

Liebesweisen in Lolitas Club
Juan Marsé

Liebesweisen in Lolitas Club


Wagenbach 2007
256 Seiten, gebunden
EAN 978-3803132130
aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz

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