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Islam III

Die Vielfalt des Islam

Um die Religionen der Welt zu verstehen und Möglichkeiten des Dialoges zu entdecken, bedarf es eines großen Kenntnisreichtums, nicht weniger der nötigen Sensibilität füreinander – auch und gerade in Zeiten wie diesen. Der renommierte Religionswissenschaftler Peter Antes, geboren 1942, hat wegweisende Studien vorgelegt, darunter "Ethik und Politik im Islam" (1982) sowie "Religionen im Brennpunkt" (2017). Insbesondere für den Islam ist er aufgrund seiner profunden Gelehrsamkeit nicht nur in seinem Fach und in der Islamwissenschaft bekannt, hochgeachtet und weltweit anerkannt, vergleichbar der unvergessenen Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel (1922-2003), deren Werke – das soll auch an dieser Stelle betont werden – heute verstärkt und vertieft gelesen und von jeder Generation neu entdeckt werden sollten. Für den nun erschienenen Band über den Islam fungiert Antes als Herausgeber, der zahlreiche Experten für ein notwendiges, wichtiges und lehrreiches Buch gewinnen konnte. Die Beitragenden wurden gebeten, Facetten und Aspekte des Islam vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart vorzustellen, wissenschaftlich zu reflektieren und kenntnisreich zu erläutern. Damit erweist sich dieser Band als notwendiges Korrektiv gegenüber einer ebenso verbreiteten törichten wie einfältigen sprungbereiten Feindseligkeit gegenüber dem Islam, die in viele Denkweisen eingezeichnet und an den tradierten Schemata der vorurteilsvollen Kategorisierung orientiert ist. Dieses wissenschaftlich reichhaltige Buch dient als Brücke der Verständigung, des Vertrauens und der Freundschaft dem interdisziplinären Gespräch ebenso wie der Begegnung zwischen Menschen, ob gläubig, religiös musikalisch oder säkular gesinnt, die einander besser kennenlernen und verstehen möchten. Entwicklungen und Wahrnehmungen des Islam werden vorgestellt. Ebenso werden auch Spannungsfelder nicht verschwiegen. 

Themen dieses reichhaltigen Bandes sind Prozesse der Modernisierung, aber auch die Facetten des "Muslim-Seins" in der Welt von heute, dargestellt an regionalen Schwerpunkten, unter anderem auch speziell in der Diaspora-Situation. Immer wieder wird deutlich, dass das Vorurteil, der Islam sei homogen, unzutreffend ist – dies ist im Grunde auch ein trivialer, nichtsdestoweniger wichtiger Gedanke, der für alle Religionen gleichermaßen gültig ist. Peter Antes schreibt präzise und zutreffend, "dass der Streit um die richtige Auslegung nicht nur ein Streit zwischen westlichen Forderungen und dem Islam ist, sondern die Debatten unter Muslimen in gleicher Weise bestimmt, sodass eine innerislamische Meinungs- und Deutungsvielfalt zutage tritt, die jede Vorstellung vom Islam als einem homogenen Block Lügen straft". Auch der "Dschihadismus" wird berücksichtigt, der als "Teil einer globalen Ökonomie männlich geprägter Gewalt" von Rüdiger Lohlker in dem Band kenntnisreich erläutert wird. Antes plädiert dafür, dass es an der Zeit sei, "die klassischen Stereotypen vom Islam als einer reformunfähigen, frauenfeindlichen und durch Autoritäten im Ausland gesteuerten Religion ad acta zu legen und stattdessen die vielfältigen Prozesse der Erneuerung in der innerislamischen Diskussion zur Kenntnis zu nehmen". Berechtigterweise kritisiert er einseitige Wahrnehmungen, bei denen "reformunwillige Muslime" als "repräsentativ für alle Muslime" gesehen würden. Mitunter werde auch nicht hinreichend darüber berichtet, dass Gewaltakte einzelner Islamisten von der großen Mehrheit der Muslimen entschieden als "nicht mit der Religion vereinbar" abgelehnt würden. Es stellt sich die Frage, inwieweit das "Klima emotionaler Angst" in der Gesellschaft auch eine "Folge eines Medienprinzips" ist – so gibt Antes beispielhaft das Statement eines Journalisten wieder – und eine "falsche Wahrnehmung in der Öffentlichkeit" befördert. Ein Reporter also schreibt: "Ein wenig liegt es auch im Wesen jeder Form medialer Berichterstattung, dass schlechte Nachrichten oft mehr Aufmerksamkeit erfahren als gute Nachrichten. … Hundert Muslime, die sich für Frieden einsetzen, werden nie so viel Aufmerksamkeit bekommen wie der eine Gewalttäter." Einseitige Berichterstattungen richten gewiss vielfach Schaden an. Über den Fokus, den von Sensationslust getriebene Medien haben, die zugleich als aufgeklärt und informativ gelten, sollte dringend kritisch nachgedacht werden. 

So äußert sich Albrecht Fuess, Professor für Islamwissenschaft in Marburg, explizit über die von Rechtspopulisten aufgebrachte "Frage nach einer angeblichen Islamisierung Europas" und nennt dies eine "statistische Unmöglichkeit", da sich die "eingewanderten Muslime nach einer Generation im Geburtsverhalten der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung anpassen". Verkannt würde außerdem, dass viele Personen sich "trotz eines islamisch-kulturellen Hintergrundes" bewusst "nicht zum Islam zugehörig wissen". Etwa zwanzig Prozent der zu den Muslimen gezählten Personen verstünden sich als "nichtgläubige Atheisten". Auch wenn diese Darlegungen zwar vielfältige Formen subjektiver Erregungs- und Empörungszustände nicht aufheben, darf darüber nachgedacht werden, wie viele selbsternannte Verteidiger und Sympathisanten des christlichen Abendlandes sich noch zum christlichen Glauben bekennen mögen. Das "Frauenbild in der islamischen Diaspora" werde oft als "rückwärtsgewandt und patriarchalisch" eingeschätzt. Fuess verbindet hier die "Kopftuchfrage" mit dem "Minarett", Themen, die emotional konnotiert seien – doch es erscheint zweifelhaft, einer Person, die einen Hidschāb trägt, einen konservativen Habitus oder Lebensanschauung zuzuweisen. Der heutige Diskurs hierüber wirkt immer noch holzschnittartig und schablonenhaft.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Ömer Özsoy darauf hinweist, dass der Prophet insbesondere Frauen ermutigte, "die Moscheeangebote in Anspruch zu nehmen" und "ihnen auf ihren Wunsch einen separaten Wochentag für religiöse Bildung in der Moschee" anbot. Die islamische Theologie orientiere sich an den "stets geltenden Standards der Wissenschaftlichkeit sowie Selbstkritik". Özsoy erwähnt aber auch die in der Moderne modisch gewordene "Anstrengung, originär islamisch zu sein". Der Anspruch, "über genuin islamische Methoden und Argumentationsstrukturen zu verfügen", entstamme einer dem "klassischen Islam fremden modernen Haltung". Özsoy betont: "Die Theologie will also nicht, wie von vielen muslimischen Partnern oder manchen Theologen als Zielsetzung der Theologie propagiert wird, den Glauben hervorbringen, vielmehr stellt der Glaube das epistemische Fundament dar, auf welchem theologische Arbeit erbracht werden kann."

Hakki Arslan diskutiert das islamische Recht und erörtert den "lebhaften Reformdiskurs" seit dem späten 19. Jahrhundert: "Das islamische Recht ist auch im 20. und 21. Jahrhundert ein dynamischer und vielfältiger Diskurs mit unterschiedlichen Ansätzen." Wichtig und relevant blieben "Islamizität" und "Praktikabilität": "Islamizität bedeutet, dass eine Norm ausgehend von den Offenbarungsquellen, Koran und Sunna, aber auch aus der islamischen Rechtstradition heraus begründet werden muss." Zugleich müssten die Normen "zur Realität passen und praktikabel" sein. 

Zustimmung verdienen die abschließenden Bemerkungen von Peter Antes und Georges Tamer: "Religionen sind genauso wie alles Menschliche keine versteinerten Gebilde, sondern lebendige Größen, die nicht aufhören, sich zu verändern, solange sie existieren. Der Islam stellt diesbezüglich keine Ausnahme dar. … Einheit und Vielfalt, Islamizität und Praktikabilität kennzeichnen das Spannungsfeld, innerhalb dessen um Diversität und Vitalität gerade in der Gegenwart gerungen wird. Es ist von daher unbedingt notwendig, den Facettenreichtum in den innerislamischen Diskussionen im Auge zu haben, um einigermaßen einschätzen zu können, welche Kräfte am Werk sind und wie wahrscheinlich ihre Chancen für die Zukunft des Islam sein werden." 

Dieser Band trägt wesentlich dazu bei, die heterogene Realität des Islam zu zeigen, und veranschaulicht, dass es ein "großer Irrtum" ist, "dem Islam Starrheit und Reformunfähigkeit vorzuwerfen". Darum plädieren Antes und Tamer für eine "ernsthaft differenzierte Sicht auf den Islam", die zudem notwendig sei, um "Reformkräfte" zu stärken und "zur wirksamen Entfaltung zu verhelfen". Kräfte der Erneuerung gebe es in allen Religionen, so auch im Islam: "Es ist deshalb absolut falsch, den Islam für eine monolithische Einheit zu halten, die sich mit der Zuschreibung eindimensionaler Attribute beschreiben oder gar erklären ließe." Dieses außerordentlich wichtige Buch verdient eine breite Rezeption und zahlreiche einsichtige Leserinnen und Leser.


von Thorsten Paprotny - 26. April 2022
Islam III
Peter Antes (Hrsg.)

Islam III


Vom 19. Jahrhundert bis heute
Kohlhammer 2022
492 Seiten, gebunden
EAN 978-3170340268