Gesellschaft

Berlins grosse Party vor dem Untergang

Einem tatsächlichen - und leider nicht sprichwörtlichen - "Tanz auf dem Vulkan" kam das Leben im Berlin der sogenannten "Goldenen 1920er-Jahre" gleich. Denn obwohl die Hauptstadt Deutschlands zu dieser Zeit wohl der Kulturhauptstadt Europas, Paris, um nichts nachstand und die Moderne quasi anführte, geschah nach etwas mehr als einem Jahrzehnt das Unglaubliche: die Zerstörung der Kultur. Vielleicht liegt es daran, dass die Zwanziger des 20. Jahrhunderts bald ihr 100. Jubiläum feiern oder daran, dass wir auch wieder am Rande eines Vulkanausbruches stehen: die Zwanziger werden immer populärer.

Berlin 1920er: 24/7

Kein Wochenende vergeht, an dem nicht auch heute noch 20er-Jahre-Partys gefeiert werden. Auch der Verkauf der dazugehörigen Kulturprodukte ist in die Höhe geschossen. Aber was machte die Zwanziger eigentlich genau aus? Das hier vorliegende Buch im Großformat zeigt in meisterhaften Illustrationen von Robert Nippoldt und mit Texten von Boris Pofalla, wie es sich damals in der deutschen Hauptstadt lebte: "Cabaret, Theater, Funk, Film, Reklame, Bubikopf und Monokel, queere Kieze, Charleston und der Onkel Bumba aus Kalumba; alles rennt, rast und schwoft, jeden Tag Breaking News, Sensationen und Spektakel". Berlin bot damals eigentlich alles: "viel Rasanz, Theatralik, Drama, Lichter der Großstadt, Verkehrschaos, Leben, das laut auf sich aufmerksam macht, will es nicht in Hinterhöfen und Mietskasernen verkümmern". Besonders berühmt war das Berliner Nachtleben, in dem es von Künstlern, City-Girls, Gigolos, Bohemiens, Intellektuellen, Koksbaronen, Ringvereinen und Politgangstern, Wissenschaftlern, Sportskanonen und Spekulanten nur so wimmelte.

Buch mit Musik der 20er

Nach den Bestsellern "Hollywood in the 30s" und "Jazz: New York in the Roaring Twentieshat" hat der unverkennbare Illustrator Robert Nippoldt mit dem Schriftsteller Boris Pofalla ein Werk geschaffen, das den Geist der Zwanziger wieder aufleben lässt. Mit dabei sind u. a. Josephine Baker, Kurt Tucholsky, Bert Brecht, Lotte Reiniger, Christopher Isherwood, Albert Einstein, Kurt Weill, Marlene Dietrich, George Grosz, Thea Alba, "die Frau mit zehn Gehirnen", Magnus Hirschfeld, der "Einstein des Sex", und der berühmt-berüchtigte Ganove Adolf Leib. Aber auch ein großformatiges - gezeichnetes - Porträt einer Berliner Hure, die alle einschlägigen Begriffe zum Thema erklärt. Porträts und Statistiken geben einen Einblick in die Freuden und Sorgen der Berliner. Besonders toll ist auch die Tatsache, dass man während des Blätterns in der Geschichte der Kulturhauptstadt der Zwanziger auch die im Band enthaltene CD mit Liedern aus den Zwanzigern hören kann. Etwa den Song "Morphium" von Mischa Spoliansky, gespielt vom Wiener Bohème-Orchester. Die süße Walzermelodie wurde damals von Anita Berber für ihre Nacktauftritte verwendet und erzeugte viele Sehnsüchte, aber auch Ängste des Publikums vor der Exotik des Fremden. Berlin in den Zwanzigern: Ein gefährlicher Cocktail, der schließlich wie ein Vulkan in die Luft ging.

Die von Robert Nippoldt und Boris Pofalla verfasste Publikation "Es wird Nacht im Berlin der Wilden Zwanziger" zeigt den Tanz auf einem Vulkan in all seinen Facetten. Berlin am Vorabend des Untergangs.

Es wird Nacht im Berlin der Wilden Zwanziger
Robert Nippoldt (Illustration)
Boris Pofalla

Es wird Nacht im Berlin der Wilden Zwanziger


Taschen 2017
224 Seiten, gebunden
EAN 978-3836563192

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