Kunst

Alles über Egon Schiele

"Nach meinem Tode, früher oder später, werden die Leute mich gewiss lobpreisen und meine Kunst bewundern", soll Schiele noch auf seinem Totenbett zum leisen Abschied gehaucht haben. Egon Schiele (1890-1918), an dessen 100. Todestag jetzt schon mit einer Reihe von Publikationen erinnert wird, gehörte sicherlich zu den Außenseitern der Künstler des Sujets "Wien um 1900" und fuhr stets im Windschatten von Klimt, Kokoschka und den anderen. Sicherlich ist sein früher Tod mit nur 28 Jahren dafür verantwortlich, dass ein so junger Künstler zu seiner Zeit noch nicht ganz ernst genommen wurde und erst künftige Generationen sein außerordentliches Talent erkannten. Tatsächlich musste er für seine Kunst sogar ins Gefängnis, ein Umstand, der heute - in einer Zeit, in der scheinbar alles erlaubt ist - sicherlich überrascht.

Pionier des Expressionismus

Sein Werk wurde oft auf schlichte pornographische Nacktheit und den Skandal reduziert, dabei war Egon Schiele auch so etwas wie ein Sozialkritiker, denn es war der Krieg (1914-18), der das aus den Menschen gemacht hatte, wie Schiele sie porträtierte - und nicht seine Fantasie oder "Perversion". Ganz im Gegenteil: Egon Schiele ist ein Ästhet des Naturalismus und bildete das ab, was er zu sehen bekam: ausgemergelte, hungrige Leiber, die sich über die Leinwand hinwegstreckten als würden sie sich am Boden vor Elend und Hunger wälzen. Es könnte aber auch ein Bett sein, in das er seine Figuren legte und sie ins Leere hinein porträtierte, denn im Mittelpunkt steht immer der menschliche Körper und weniger Landschaften oder klassische Porträts. Der als drittes Kind des Oberoffizials der k. u. k. Staatsbahn Adolf Eugen Schiele und Marie Schiele in der niederösterreichischen Kleinstadt Tulln zur Welt gekommene Künstler ist schlichtweg der erste moderne Künstler des vielzitierten "Wien um 1900", der den Weg zum Expressionismus nach dem Krieg vorwegnahm.

Neue Perspektiven auf Leben und Wirken

Sechs Aufsätze wurden vom Herausgeber Tobias G. Natter für den vorliegenden Prachtband in Sonderausstattung ausgewählt. Denn nicht nur die Publikation selbst hat ein ordentliches Gewicht von 5.8 Kilo, sondern auch der Inhalt, der in übergroßem Format von 29 x 39,5 cm präsentiert wird. Der erste Beitrag von Christian Bauer beleuchtet die Kindheit und Jugend Schieles, seinen Durchbruch im Künstlermilieu schildert Helena Perena und sein Gefängnisaufenthalt wird von Gemma Blackshaw näher unter die Lupe genommen. Die freie Kuratorin Jill Lloyd wiederum zeigt Egon Schiele als Interpret der Kriegssituation und Transformateur der gesellschaftlichen Situation. Diethard Leopold hingegen untersucht die biographischen Brüche im Leben des Künstlers. Die Literaturwissenschaftlerin Ursula Storch stellt schließlich Schieles bildnerische Selbstporträts seinen versuchten "Selbstbildern in Worten" gegenüber. Im VII. Kapitel gibt der Herausgeber auch einen Überblick über das Leben Egon Schieles und einen Katalog der Gemälde zum Besten.

Mammutwerk über einen Giganten

Die vorliegende Publikation ist sowohl was die Reproduktion der Gemälde anbelangt als auch die Vielzahl der Fotos und des hohen Anspruchs der Texte, die sich mit dem Künstler beschäftigen, ein unschätzbarer Beitrag zur bevorstehenden Diskussion um Schiele im Jahre 100 nach seinem Tod, 2018. Die Qualität des Papiers, das Format und die Ausführung dieses TASCHEN-Werkes ist unvergleichbar und hätte einen Buchpreis verdient. Es gibt keine bessere Möglichkeit, sich mit Egon Schiele zu beschäftigen, außer man lebt in Wien und geht ins Leopold Museum, um sich die Originale anzuschauen. Aber dennoch müsste man vorher noch die aufschlussreichen Texte dieser TASCHEN-Publikation gelesen haben, um das Werk des Künstlers entsprechend würdigen zu können. Kurzum: ein Mammutwerk über einen Giganten mit Reproduktionen von insgesamt 221 Gemälde und 146 Zeichnungen.

Egon Schiele
Tobias G. Natter (Hrsg.)

Egon Schiele


Sämtliche Gemälde 1909-1918
Taschen 2017
608 Seiten, gebunden
EAN 978-3836546133

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