Kunst

Ein Blick zurück ins heute

Dirk Reinartz’ mehr als dreißig Jahre alten New York-Impressionen in schwarzweiß eröffnen einen Blick auf die Stadt, der aktueller kaum sein könnte.

Wie ein Manifest wirkt das Eröffnungsfoto in dem Fotoband "Dirk Reinartz. New York 1974." Zu sehen ist Downtown Manhattan. Im Morgennebel liegt es da, noch ruhig, geradezu friedlich und am rechten Bildrand stehen die beiden Türme. Unverrückbar! Unverwüstlich! Alles überragend! Wie zwei Ausrufezeichen, die zu sagen scheinen: This is New York!! 27 Jahre später werden die Türme des World Trade Centers in der Attacke der Al-Quaida fallen und New York unter ihrem Staub begraben.

Eine Welt scheint zwischen dem diesem Foto und der heutigen Leere des Ground Zero zu liegen. Auch wenn sonst nichts in New York für die Ewigkeit gemacht ist - die Türme waren es. Und nicht zufällig steht dieses Bild am Anfang einer Sammlung New Yorker Eindrücke in Schwarzweiß. Es markiert zum einen die Bedeutung der Anschläge des 11. September 2001, zum anderen aber ist es auch der Ausgangspunkt einer Reise weg von den Anschlägen zum Wesen der Stadt. Denn New York ist mehr als 9/11, WTC und Terror. New York ist Moderne, Vorreiter, Faszination, der "american dream" in Stein gehauen - größer, schneller, weiter.

Die Bilder in dem nun vorliegenden Band sind allesamt auf zwei privaten New-York-Reisen des mit 56 Jahren viel zu früh verstorbenen deutschen Fotoreporters entstanden. 2004, seine Karriere befand sich seit einigen Jahren in einem wahrhaften Höhenflug, arbeitete er an diesem Buch - es sollte sein Letztes werden. Die Auswahl der Bilder hatte er bereits getroffen, die Reihenfolge stand zur Hälfte, als er während eines Berlin-Aufenthalts plötzlich verstarb. Seine Frau Karin vollendete nun das Projekt.

Regelrecht zerdacht hatte Reinartz in seinen Arbeiten die gewählten künstlerischen Objekte. Das Dokumentarische war ihm ein Anliegen, das Aufzeigen der Geschichte hinter dem Bild durch das Foto selbst war sein Markenzeichen. Seine (auch persönliche) Konfrontation mit den ehemaligen deutschen Konzentrationslagern, die in dem Band "totenstill" (Steidl, 1994) mündete, macht dies besonders deutlich. Düster und schwer fing Reinartz die akkurate Tötungsmaschinerie der Nationalsozialisten ein und verdeutlichte so die Last der deutschen Schuld nur eindringlicher. Gerade weil auf keinem der Bilder ein Mensch zu sehen ist, schiebt er die Planung der Nationalsozialisten und die Frage nach dem Schicksal der Millionen in den Vordergrund.

1970 kam er als jüngster Fotoreporter zum Stern und arbeitete dort sieben Jahre, bevor er sich als Fotograf selbständig machte und sich der Fotoagentur Visum anschloss. Bei Visum fanden sich ehemalige Schüler der Kunsthochschule Folkwang in Essen ein, die ihre Bilder einer gegenseitigen Qualitätskontrolle unterzogen, bevor nur die besten Fotos den Weg in die Redaktionen der großen Journale und Magazine fanden.

In dem nun beim Steidl-Verlag vorliegenden Bildband sind insgesamt 64 Tafeln versammelt, die einen faszinierenden Eindruck von der Seele New Yorks geben und dabei das New York nach den Anschlägen vom 11. September 2001 immer im Blick behalten. Es entsteht eine fast wahnwitzige Mischung aus Vergangenheit und vermeintlicher Gegenwart, Wild-West-Eindrücke treffen auf den großstädtischen Kosmopolitismus. Ob telefonierende Cowboys, Reiterpatrouillien der New Yorker Polizei, Schlittschuh laufende Rentnerinnen im Central Park, der leger an der Hauswand lehnende Geschäftsmann oder die bunte Mischung der New Yorker Bevölkerung - Reinartz hat es schon früh vermocht, das Leben als solches einzufangen. Doch auch die städtisch wüste Leere in den Vorstädten, die der Enge und Beklemmung der New Yorker Geschäfts- und Bankenviertel, in denen gestapelte Wohn- und Arbeitseinheiten die absurde Skyline der Moderne bilden, so konträr gegenüberstehen, hat Reinartz mit dem Auge des erkennenden und begreifenden Fotografen eingefangen. Selten wurde dieses urbane Monstrum New York fassbarer und begreifbarer, als in den hier versammelten Bildern. In jedem Foto schwingt ein Stück des besonderen New Yorker Lebensgefühls mit, welches heute noch des Sein und Werden in DER Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten bestimmt. New York, das heißt mindestens am Puls der Zeit, wenn nicht sogar der Zeit voraus zu sein - und irgendwie sind selbst die mehr als dreißig Jahre alten Bilder von so erhabener Moderne und Aktualität, als gäbe es kein Danach.

New York 1974
Dirk Reinartz
Karin Reinartz

New York 1974


Steidl 2007
144 Seiten, gebunden
EAN 978-3865215260

Lesbisch fürs männliche Vergnügen

Dian Hanson legt mit "Lesbians for Men" erneut ein Werk vor, das alle Tabus bricht. Sogar die der Frauenbewegung. Ein Bildband mit interessanten Essays und Fotos der berühmtesten Fotografen der Welt sowie Abbildungen von alten Filmplakaten, Fotoromancovers und vieles andere mehr.

Lesen

Ungarns zweites Jahrhunderttrauma

Erich Lessings eindrückliche fotografische Dokumentation der revolutionären Ereignisse im Ungarn von 1956.

Lesen

Als Italien noch Italien war

Die vorliegende Publikation aus der Reihe "Earbooks" lässt einen beim Betrachten der Fotografien aus dem Leben der 50er und 60er Jahre in Rom auf zwei Audio-CDs dem kompletten Soundtrack des gleichnamigen Fellini-Films sowie einem Mix von 15 Liedern aus dieser blühenden Ära in Italien lauschen.

Lesen

Buchhinweis in eigener Sache

Eine Essay-Sammlung von Hans Durrer, der u.a. auch für rezensionen.ch schreibt.

Lesen

Fotografische Kulturgeschichte? Fotografische Kulturgeschichte!

Panorama der deutschen Lebensverhältnisse oder rassisches Abbild der Weimarer Gesellschaft? Unumstritten ist August Sanders fotografisches Werk nicht, dennoch gilt es bis heute als eines der größten der Fotografiegeschichte.

Lesen

Ein Heimatbuch, in dem Heimat fremd wird?

Fotografien sind Zeugnisse für etwas, das einmal war - sie sind Zeitdokumente. Ganz besonders eindrückliche versammelt der vorliegende von Dieter Bachmann und dem Schweizerischen Landesmuseum herausgegebenen Band mit Fotografien und literarischen Texten von damals bis heute.

Lesen
Fräulein
Nicaragua
Do Not Give Way To Evil
Katze hasst Welt
Johnny Cash
Can you find happiness
50 Künstler, die man kennen sollte
Die heilige Krankheit
Time and Silence
Jeder ist ein Künstler
Peplum
Das Nest
by rezensionen.ch - 2001 bis 2017