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Napoleon, der fromme Muslim

"O ihr Scheiche, Richter, Imame, Tschorbadis und Würdenträger, sagt eurem Volk, dass die Franzosen auch fromme Muslime sind." Frank Griffel, international anerkannter Islam-Experte, "möchte den Islam weder verteidigen noch ihn anprangern", denn sein hier vorliegendes Buch ist nicht nur ein Buch über den Islam, sondern vor allem "ein Buch über uns selbst (...) und unser Denken über den Islam". Damit verbunden ist die Frage nach Fortschritt und Säkularisation und ob das eine das andere bedinge. Denn für Europa lässt sich beobachten, dass je größer der Fortschritt, desto niedriger die Geburtenrate. Das erste muslimische Land, in dem die Geburtenrate zu sinken begonnen hätte, war die Türkei 1962, gefolgt von Ägypten 1968. Die meisten muslimischen Länder folgten diesbezüglich dann erst Ende des 20. Jahrhunderts.

Frankreich und fromme Muslime

In Europa sei dieser Prozess aber schon zu Beginn des Jahrhunderts abgeschlossen gewesen. Ein anderes Kriterium für die vermeintliche "Rückständigkeit" dieser Länder, sei auch das erst im 18. Jahrhundert auftauchende Phänomen des Kolonialismus, relativ spät im Vergleich zu Amerika oder Asien. Wenn man nämlich die Kreuzzüge davon ausnimmt, trat erstmals Napoleon Bonaparte in Ägypten im Jahre 1798 als Kolonialist auf. Interessant ist dabei vor allem, ein Pamphlet, das von der französischen Kolonialarmee in Ägypten affichiert wurde und das Griffel ausführlich zitiert. Dort steht doch tatsächlich, dass Napoleon sich und die seinen als "fromme Muslime" bezeichnet und dies sei vor allem dadurch bezeugt, dass er die große Stadt Rom und den Sitz des Papstes zerstört habe, der ja seit den Kreuzzügen immer wieder zum Krieg gegen den Islam aufgerufen habe. Säkularismus wird von Napoleon gleichsam als ureigenste muslimische Tugend hervorgehoben und bezeichnet und er sei quasi noch muslimischer als die Malmuken. Eigentlich war es aber gerade das aufklärerische Denken, das mit der angeblichen Rückständigkeit des Islam versuchte, den Kolonialismus zu legitimieren, dabei waren viele Ideen die im 13. Jahrhundert in Europa kursierten aus arabischen Büchern ins Lateinische übersetzt worden, so Griffel.

Ambiguitätstoleranz des Islam

So auch die Idee der dublex veritas, die den Averroisten zugeschrieben wird. Heute nennt sich das "alternative Fakten" oder auch "fake news". Aber auch Muhammad sei durchwegs aufgeschlossen gegenüber der "Ambiguität der einzigen Wahrheit" gewesen: "Die Meinungsverschiedenheiten in meiner Gemeinde sind eine Gnade." In der muslimisch beherrschten Welt gab es damals jedenfalls keine Hexenverbrennungen, Religionskriege oder einen Index verbotener Bücher. Keine Unterdrückung von Philosophie und Naturwissenschaften und auch keine Ketzerprozesse gegen Rationalisten. Die Verfolgung Andersdenkender ist wohl also doch eher ein Charakteristikum des Christentums, so viel also zur angeblichen Rückständigkeit des Islams.


von Juergen Weber - 08. Januar 2019
Den Islam denken
Frank Griffel

Den Islam denken


Versuch, eine Religion zu verstehen
Reclam 2018
102 Seiten, broschiert
EAN 978-3150195482

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