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Millenium Bug Epidemie

Enki Bilal braucht man unter Comicfans nicht extra vorzustellen. Er hat sich schon 1992 mit seiner Nikopol-Trilogie in die Geschichtsbücher der Graphic Novels für alle Zeiten eingeschrieben und seine düsteren Science-Fiction-Prophezeiungen sind von ihrem künstlerischen Anspruch so hoch, dass es einen wundert, dass der Künstler überhaupt noch produziert, denn er kann sich eigentlich selbst kaum mehr übertreffen. Dennoch ist "BUG 1" natürlich uneingeschränkt zu empfehlen, denn er wartet mit einer neuen Gefahr für die Menschheit auf, die gar nicht so weit hergeholt ist: Auf unserem Planeten Erde sind auf unerklärliche Weise alle digitalen Daten verschwunden. Nur ein einziger Mann, ein Überlebender einer gescheiterten Mars-Mission, hat alle verloren gegangenen Informationen in seinem Gedächtnis und zwar - "analog" und nicht "digital" - gespeichert. Der Rest der Menschheit kann nicht einmal mehr ein Flugzeug bedienen, da das bisher ja alles die Maschinen erledigten und eigenes handwerkliches Können einfach nicht mehr notwendig war. Eine Zukunftsvision, die uns darauf aufmerksam macht, wie abhängig wir bereits von der digitalen, virtuellen Welt sind und wie wenig wir uns noch zu helfen wüssten, sollte der befürchtete "Millennium Bug" doch noch kommen.

Y2K: Analog vs. digital

Bilal, der sich offensichtlich von dem um die Jahrtausendwende befürchteten Y2K hat inspirieren lassen, zeichnete auch schon mal ein Szenario der Tschernobyl-Katastrophe, die er kurzerhand "Der Sarkophag" nannte. Auch in "BUG 1" zeigt sich Bilal von aktuellen politischen Ereignissen beeinflusst, was seine Comic-Adaption noch spannender und lesenswerter macht. Da fällt einer plötzlich um, weil er seinen TCA (Turbo Cardio Apparatus) vergessen hat zu aktivieren, ein anderer sitzt auf 3'580 Metern im Observatorium Jungfraujoch und stellt den Datenverlust fest, der sich bald zu einer gewachsenen Katastrophe entwickelt. "Was soll das heißen `EDV devitalisiert"?", fluchen alsbald die Kosmonauten, die ihr Raumschiff ohne Bedienungsanleitung nicht mehr flottkriegen können. Endlich meldet sich Kameron Obb zu Wort, der in einem Trauma versunken schien: er beherrscht noch die alte analoge Steuerung. Seine KollegInnen sind alle tot und er hat sich am Rand des Musculus Sternocleidomastoideus einen Alien zugezogen, der seine Empfindungen lähmt. Er, der Angst hat vor allem, was kriecht, hat nun einen Fremdkörper in sich, der in seinen Eingeweiden herumkriecht.

18 nach Y2K

Die prediktologische Neo-Journalistin Alba Prädikat fasst passend zusammen: "Wir stehen vor dem Phänomen des radikalen Bruchs mit uns selbst. (...) Mit dem, was wir geworden sind... Arrogante Wesen, verblödet durch zu viele Abhängigkeiten, in die wir uns begeben haben, und einer von den Medien getragenen freien Handelspolitik zum Nutzen Krimineller. Im Grunde stehen wir, so würde ich es sehen, unserer eigenen Dummheit gegenüber." Nicht nur Aufzüge und Flughäfen brechen zusammen, sondern auch die Einrichtungen der nationalen Sicherheit. Migrantenströme dringen ungehindert in die Innenstädte der westlichen Metropolen vor und holen sich, was ihnen (nicht) zusteht. Das Gesundheitswesen bricht zusammen, Brände und allgemeines Chaos tun ihr Übriges. Auf der Isle de la Seine im Zentrum von Paris, zeigt Bilal hinter der Notre-Dame-Kirche eine Moschee, um den multikulturellen Charakter der Zukunft zu veranschaulichen. Der russische und kurdische (!) Präsident und der Kalif von Istanbul treffen sich zu einem kleinen Gipfel. China ist auch im Jahre 2041 noch kommunistisch und auch in Venedig oder im Silicon Valley wird um die Zukunft der Menschheit gepokert. Nur Kameron Obb könnte dem Chaos ein Ende setzen, aber er sucht nur verzweifelt seine Tochter. Lebt sie noch? Und wird er seine Verfolger vorher abschütteln können, bis er sie endlich wieder gefunden hat? Fortsetzung folgt. Ein unglaubliches Abenteuer in traumhaften Bildern.


von Juergen Weber - 07. Juli 2018
BUG 1
Enki Bilal (Illustration)

BUG 1


Carlsen 2018
88 Seiten, gebunden
EAN 978-3551721273

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