Reisen

Magnum im Kaukasus

Wenn es in autoritären Staaten kriselt und sich seine Bürger für demokratische Prozesse einsetzen, nennt man das "Politischen Frühling". Die Georgier entschieden sich 2003 endgültig für den demokratischen Weg, als sie Altpräsident Eduard Schewardnadse - der bereits erste demokratische Reformen initiiert hatte - aus dem Amt drängten. Die Rosenrevolution brachte den noch heute amtierenden Präsidenten Micheil Saakaschwili an die Macht. Seither geht es auf und ab in der georgischen Politik. Saakaschwili trägt mit seinem selbstherrlichen Auftreten nicht unwesentlich dazu bei. Der kriegerische Konflikt zwischen Russland und Georgien vor ziemlich genau einem Jahr war der Tiefpunkt in der jüngeren Vergangenheit Georgiens. Seitdem ist das Land wieder stärker in den Fokus der Europäer gerückt, nicht zuletzt auch, weil es auf die Europäische Union hofft. Ob es sich deshalb künftig demokratischer zeigt, bleibt abzuwarten.

In jedem Fall ist es "Ein Land in Bewegung". Unter diesem Motto finden derzeit die Georgischen Kulturtage in Berlin statt (4. - 13. September). Der Höhepunkt des Programms, prall gefüllt mit Konzerten und Lesungen, ist zweifelsohne eine Kurzausstellung, die die Aufnahmen von zehn Mitgliedern der berühmten Fotoagentur Magnum zeigt, welche das Land in den vergangenen Monaten bereist haben. "Georgischer Frühling" heißt die Ausstellung und erzählt aus zehn Perspektiven Geschichten aus dem Land am Kaukasus.

Georgien ist kein Neuland für die Fotoagentur Magnum, der renommiertesten Fotoagentur der Welt. Schon Magnum-Gründer Robert Capa bereiste 1947 im Rahmen eines mehrmonatigen Aufenthalts in der Sowjetunion das Land, Henri Cartier-Bresson folgte dann erst 1972. Ab 1989 bereiste eine Vielzahl Magnum-Fotografen das Land. Alle brachten ihre ganz persönlichen georgischen Impressionen mit. Neben einigen dieser historischen Aufnahmen aus dem Archiv der Agentur werden nun neue Georgien-Eindrücke von gleich zehn Magnum-Fotografen vorgestellt.

Jonas Bendiksen, Antoine D’Agata, Thomas Dworzak, Martine Frank, Alex Majoli, Martin Parr, Paolo Pellegrin, Gueorgui Pinkhassov, Mark Power und Alec Scoth waren auf Einladung des georgischen Kulturministeriums zwischen Februar und April 2009 für zwei bis drei Wochen in Georgien. Jeder Teilnehmer hatte einen Schwerpunkt, auf den er sich auf seiner Reise durch das Land konzentrieren sollte. Vorschnell sind all jene, die hier staatlich finanzierte Propaganda oder billige Reisewerbung vermuten, denn zugleich stand es jedem der Fotografen frei, in Tagebuchform festzuhalten, was er bemerkenswert fand. So sind zehn Georgien-Tagebücher entstanden, die mehr als nur ein Land und dessen Attraktionen präsentieren. "Georgischer Frühling" ist die Liebeserklärung an ein zerrissenes und geschundenes Land in der Phase seiner Neuerfindung. Diese Liebeserklärung ist jedoch nicht romantisch verklärt, sondern reif und ernst. Die zehn Fotografen halten dem Land auch schonungslos den Spiegel vor und zeigen ihm seine Abgründe - um ihm die Chance zu geben, diese zuzuschütten und Brücken zu bauen.

Der Italiener Alex Majoli machte sich auf die Suche nach den Spuren der Kämpfe des letzten Jahres. Doch je tiefer er in die Kampfgebiete vordrang, desto mehr verschwand sein Wunsch, den Krieg verstehen zu wollen. Denn nichts konnte ihm deutlicher die Sinnlosigkeit und Lebensfeindlichkeit der Kämpfe zwischen Russland und Georgien in Südossetien zeigen, als die allgegenwärtigen Resultate von zerstörerischer Brutalität. Zu verstehen gibt es daran nichts. Gräben zuschütten hilft hier nicht viel, sondern nur das vorsichtige Brückenbauen kann beiden Seiten über die Frontlinie hinweghelfen.

Auch die düster-nebulösen Fotografien des Franzosen Antoine D’Agata erzählen eher von Abgründen, als von Aufbruch und Neuerfindung. Sie berichten von der Leere, innen wie außen, von Einsamkeit, Sehnsucht, der Suche nach Identität und dem Geschäft mit der Liebe.

Majolis italienischer Landsmann Paolo Pellegrin tauchte in eine ganz andere Welt ein, nämlich in die der Religiosität der Georgier. Er besuchte Kathedralen und Klöster, erhaschte Einblicke in die familiären Zeremonien und andächtigen Ereignisse an den religiösen Feiertagen und erschließt so den tief verwurzelten Glauben der Georgier. "Mir fällt kein anderer Ort ein […], wo ich einem vergleichbar hohem Maß der Andacht im gesamten Volk begegnet bin.", schrieb er selbst in seinen Notizen.

Während Pellegrins Bilder von einem Land in religiöser Kontemplation erzählen, berichten die Aufnahmen des Dänen Jonas Bendiksen von einem völlig anderen Georgien, dem der neuen Generation der jungen Georgier, den Rosenrevolutionären. Die Bilder von privaten Partys, aus Discos, Clubs und Lounges, aus Fußballstadien und von der Skipiste erzählen von Ausgelassenheit und dem drängenden Wunsch nach Leben. Daneben stehen Aufnahmen der Arbeitsstätten dieser jungen Menschen, die zugleich von der Bereitschaft zur Verantwortung, von Zukunft und einer Hoffnung auf Frieden berichten.

Besonders spannend ist die Umsetzung von Alec Scoth’s Georgischem Tagebuch, in dem er die Suche nach der schönsten Georgierin dokumentiert. Ausgangspunkt seiner Suche war der Auftrag, die immer wieder beschriebene Schönheit des Landes einzufangen. Seine Aufnahmen von Frauen auf der Straße klebte der Amerikaner in ein liniertes Heft und schrieb seine Notizen daneben, so dass eine wahre Text-Bild-Kollage aus visuellen und emotionalen Eindrücken und Geschichten entstanden ist. Gleichberechtigt stehen hier die vielen religiösen und ethnischen Völkergruppen und Generationen nebeneinander. Die Umsetzung von Scoth’s Aufzeichnung in dem Ausstellungskatalog ist dem herausgebenden Kehrer-Verlag auf raffinierte Weise gelungen.

Dem Verlag ist es auch zu verdanken, dass die erstklassige Ausstellung, die viel zu kurz in Deutschland Station macht, weiterhin zumindest in Buchform zugänglich ist. Die Konzeption der Ausstellung ist dabei bestmöglich umgesetzt worden, angefangen bei der liebevollen Umschlaggestaltung über die Präsentation der Fotoarbeiten bis hin zu den Tagebuchkommentaren der Fotografen. Nach einer gute Woche in Berlin wandert die Ausstellung weiter nach Madrid, wo sie im Oktober gezeigt wird.

"Georgischer Frühling. Ein Magnum Tagebuch" bringt dem Betrachter Georgien Stück für Stück näher. Mit jeder Aufnahme, jedem Themenwechsel und jeder neuen Interpretation der beobachteten Realität durch die Magnum-Künstler wird das Puzzle vervollständigt, das am Ende ein beeindruckendes und ausgewogenes Bild dieses Landes im Umbruch liefert. Dabei verschweigen die Fotografien nicht die noch liegenden Gräben, die sich mitten durch die georgische Gesellschaft ziehen.

Georgischer Frühling
Wendell Steavenson

Georgischer Frühling


Ein Magnum Tagebuch
Kehrer 2009
252 Seiten, gebunden
EAN 978-3868280869

Buchhinweis in eigener Sache

Eine Essay-Sammlung von Hans Durrer, der u.a. auch für rezensionen.ch schreibt.

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