Geschichte

Das große Monster

Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili, der Weltöffentlichkeit besser als Josef Stalin in Erinnerung, gilt neben Adolf Hitler und Mao Zedong als einer der Massenmörder des letzten Jahrhunderts. Eine neue Biografie zeigt den vielschichtigen Georgier im Kreis seines bolschewistischen Hofstaats. Von Bert Große

Normalerweise stellen Biografien Leben und Wirken der Hauptfigur in den Mittelpunkt; wesentliche Erlebnisse, soziale Beziehungen und bedeutende Mitmenschen kommen nur soweit als nötig vor. Auch zu Josef Stalin herrscht in der biografischen Literatur in dieser Hinsicht kein Mangel. Einen anderen Weg geht Simon Sebag Montefiore in seinem Buch "Stalin - Am Hof des roten Zaren". Der britische Historiker hat sich vorgenommen, die Beziehungen der Mitglieder des Politbüros und ihrer Familien zu beleuchten. So viel sei vorab bemerkt: Es gelingt ihm meisterhaft.

Ein Leben im Kampf

Josef W. Stalin (1879 - 1953) stammte aus dem georgischen Gori. Als Sohn eines alkoholkranken Schuhmachers und einer Waschfrau erhält er eine Ausbildung im Priesterseminar, wird aber wegen der Beschäftigung mit marxistischem Gedankengut frühzeitig ausgeschlossen. Im zaristischen Russland wird Dschugaschwili mehrfach inhaftiert, arbeitet im kriminellen Untergrund als erfolgreicher Bankräuber (daher auch sein Deckname "Der Stählerne"), kommt mit Lenin in Kontakt und macht Karriere in der Kommunistischen Partei. In den zwanziger Jahren steigt er sogar in das Zentralkomitee auf. Nach Lenins Tod 1924 wird er der starke, später unangefochtene Mann in Partei und Staat und gestaltet über fast drei Jahrzehnte die Entwicklung der Welt maßgeblich mit.

Eine Nacht im November 1932

In Montefiores Darstellung bildet der Selbstmord von Stalins zweiter Ehefrau, Nadja Allilujewa Stalin, den Ausgangspunkt aller Entwicklungen. Mit ihr, der deutlich jüngeren, karrierebewussten Bolschewistin, verband Stalin ein sonderbares Verhältnis. Von bedingungsloser Liebe kann man zumindest nicht sprechen, demütigte Stalin sie doch häufig genug im Vollrausch johlend unterstützt von seinen Saufkumpanen. Doch ihr Freitod ließ etwas im "Großen Vorsitzenden" zerbrechen. Stalin, einsam aber machtbewusst wie eh und je, wurde misstrauisch, rachsüchtig und egozentriert.

Die große glückliche Familie

Dabei hatte doch alles so gut ausgesehen, zumindest für die Familien der kommunistischen Eliten: Picknicks im Grünen, rauschende Feste, idyllische Datschas in Moskaus ruhigen Außenlagen, ein luxuriöses Leben im Kreml, regelmäßige Urlaube auf der Krim. Was kümmerte es da schon groß, dass Millionen Menschen im Vielvölkerstaat Sowjetunion verhungerten. Bei der Lektüre fragt man sich ernsthaft, ob die "Magnaten" und ihre Familien je anderes taten, als feiern, trinken und sich erholen. Es mutet geradezu absurd an, dass Stalin bis weit in die dreißiger Jahre hinein jährlich mehrere Wochen oder gar Monate im Urlaub am Schwarzen Meer verbrachte.

Mit Nadjas Tod wurde alles anders. Stalin begann überall Verrat zu wittern, intrigierte gegen die politischen Eliten der Sowjetunion und befahl die "großen Säuberungen". Mordanschläge wie gegen Leo Trotzki oder Sergej Kirow oder das befohlene "große Gemetzel" unter Nikolai Jeschow und später Lawrenti Berija wurden zum Alltag und hätten am Vorabend des zweiten Weltkriegs fast zur Verteidigungsunfähigkeit des Landes geführt. Hatte Stalin doch, Verrat in der Roten Armee witternd, nahezu die gesamte Offizierselite inhaftieren und foltern lassen.

Grausame Säuberungen und glühende Verehrerinnen

Den Terror als Methode der Säuberung lebte Stalin nicht nur an der sowjetischen Bevölkerung aus. Im Zuge seines langen Lebens hatten ihn alle Berufsgruppen und Schichten zu fürchten: Ärzte, Geistliche, Künstler, Journalisten… Mit jeder Identifizierung neuer "Volksfeinde und Diversanten" setzte das Politbüro eine neue umfassende Kampagne des Schreckens in Gang. Der Verhaftung durch die Geheimdienste folgte in der Regel Folter, Verschleppung, Verbannung oder Mord.

Merkwürdigerweise wurde Stalin bei seinen internen Säuberungen begeistert vom Politbüro unterstützt, obwohl nahezu alle "Magnaten" mehr als einmal vor der physischen Vernichtung standen. Die Schauprozesse gegen Stalins Henker Jeschow oder die "Abweichler" Sinowjew und Kamenjew belegen dies. Stalins engster Vertrauter, liebster Zechbruder und potentieller Nachfolger, der Leningrader Parteichef Sergej Kirow, wurde vom Geheimdienst im Regierungspalast erschossen. Wie Montefiore darlegt, ist kaum vorstellbar, dass Stalin dies nicht gewusst und wahrscheinlich angeordnet hatte.

Heute kaum noch fassbar ist, wie gnadenlos Stalin im inneren Kreis wütete. Sobald er Ansätze von Widerspruch vermutete oder ein neues Feindbild benötigte, riss er Familien auseinander, trennte Eheleute oder ließ Eltern vor den Augen ihrer Kinder verschleppen. Er konnte bei persönlichen Kränkungen unglaublich nachtragend sein und demütigte seine Mitstreiter, wo er nur konnte. Die zahllosen, fast täglich stattfindenden Alkoholexzesse und endlosen Abendeinladungen waren dafür eine gefürchtete Plattform, entließ Stalin seine "Gäste" doch selten vor vier Uhr morgens.

Andererseits hatte der Witwer Stalin zahllose - wie Montefiore schreibt fast schamlose - Verehrerinnen, besonders in den Familien der "Magnaten" und der Kreml-Verwaltung, die keine Gelegenheit ausließen, ihm diese zu zeigen. Stalin soll die Angebote genossen aber nur selten genutzt haben.

Besonders in den frühen Jahren hatten die Frauen auch einen gewissen Einfluss auf Stalins Entscheidungen. Wichtig war aber, dem Diktator mit offener Kritik entgegenzutreten, nichts galt ihm verabscheuungswürdiger als kriecherische Bettelei.

Glaube der Geschundenen

Auch wenn die Zahl der Ermordeten und Gedemütigten besonders im inneren Zirkel hoch war, so genoss Stalin doch über den Tod hinaus gottgleiche Autorität. Montefiore schildert Stalins letzte Tage detailliert. Schwerkrank, von mehreren Herzattacken befallen, dämmerte der Diktator in seiner geliebten Datscha in Kunzewo bei Moskau dahin, während das Führungsquartett (Molotow, Kaganowitsch, Bulganin) mit Ausnahme von Berija nahezu hilflos war. Und doch ist es bezeichnend, dass der zweite Georgier, der über Jahre hinweg als Stalins Schwert in der Sowjetunion wütete, nur ein halbes Jahr nach dem Tod des Diktators seinem Herren unfreiwillig folgte, angeklagt und zum Tode verurteilt nach einem weiteren Schauprozess.

Simon Sebag Montefiore hat eine großartige Biografie vorgelegt, seinen eigenen Anspruch, Stalin als Herrscher und zugleich Mitglied seines Hofstaates zu zeigen, kann er voll erfüllen. Quellensicherheit, Detailfülle und zugleich Lesbarkeit zeugen von Geschichtsschreibung im besten Sinne. Allen, die mehr über einen der größten Diktatoren der Weltgeschichte erfahren wollen, sei der Band wärmstens empfohlen. Finanziell erfreulich ist die geplante Taschenbuchausgabe zum Jahresende 06.

Stalin
Simon Sebag Montefiore
Hans Günter Holl (Übersetzung)

Stalin


Am Hof des roten Zaren
Fischer 2005
Originalsprache: Englisch
900 Seiten, gebunden
EAN 978-3100506078
32 S. Bildteil

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