Kultur

Pulcinella oder der Spiegel der Welt

"Nein, mein Herr, ich zitter nicht, ich tanze mit der Angst zum Spaß ein Menuett". Das neue Buch des 1942 in Rom geborenen Philosophen Giorgio Agamben widmet sich einem Thema der italienischen Kunst- und Theatergeschichte: der Figur des Pulcinella. Dieser ist eine Erfindung des neapolitanischen Volkstheaters im 16. Jahrhundert (Commedia dell'Arte), und der venezianische Maler Giandomenico Tiepolo (1727–1804) hat sie zum Thema seines Spätwerks gemacht, weswegen die vorliegenden geistigen Betrachtungen auch mit 104 Zeichnungen angenehm erweitert und ergänzt werden. Diese und andere Fresken von Tiepolo befinden sich in seiner Privatvilla in Zianigo bei Venedig, im Museum Ca'Rezzonico, dem Stadtmuseum von Venedig am Canal Grande, sowie als Reproduktionen in vorliegender liebevoll gestalteter Publikation des Schirmer-Mosel-Verlages.

Hilariotragodiai oder die "lustige Tragödie"

Pulicinella ist eine Figur, bei der Komödie und Tragödie vermischt werden und genau das mache sie der Philosophie so verwandt, meint Agamben. Aber auch den gnocchi und maccaroni, beides Speisen aus Mehl, Käse und Butter, "dick, grob und rustikal", wie der Autor süffisant hinzufügt. Makkarani steht im Italienischen nämlich auch für töricht und einfältig, so wie sich ein Simplicissmus eben benimmt und uns damit dennoch an den wahren Gehalt der Existenz erinnert. Die Tragödie enthalte im Kern in jedem Sinn die entscheidende Krise der Geschichte: das Urteil. Aber man könne lachen und weinen, beides lasse sich bald nicht mehr unterscheiden, wenn man nur die Physiognomie betrachte. Die Forderung Spinozas "Non ridere, non lugere neque detestari, sed intelligere" (Nicht lachen, nicht weinen, nicht sich empören, sondern verstehen) habe auch Nietzsche in seiner Fröhlichen Wissenschaft wieder aufgegriffen und letztlich gäbe es lustige Tragödien ("hilarotragodiai") schon seit der griechischen Antike. Auch die tragodia paizousa (fröhliche Tragödie) war damals schon bekannt.

Capriccio: Il trionfo di Pulcinella

Der Ausdruck pulcinella" stamme eigentlich von pulcino (Küken) und ist somit geschlechtlich nicht zuzuordnen. Außerdem sei es eigentlich gar kein Substantiv, sondern ein Adverb, also kein was, sondern ein wie. Agamben schreibt auch, dass die Figur des Pulcinella keine bestimmte Kunst-Persönlichkeit beschreibe, sondern vielmehr eine Sammlung von Personen. "Wer bin ich?", fragt Pulcinella selbst, "Ich bin eine Idee." Eine Maske durch deren Larve sich der Mundus der Welt öffne und eine Tür zu den Toten aufgestoßen werde, denn auf nichts anderes blicke man auch beim Theater: ins Totenreich. "Flectere si nequeo superos, Acheronta movebo": Wenn man den Acheron verschiebt, ist das, was herauskommt, nicht das Unbewusste – es ist Pulcinella! Pulcinella hintergehe selbst den Tod, schreibt Agamben, er sein ein "Koloss, ein Untoter, der dort ist, wo ein Toter sein müsste, er spricht und gestikuliert anstelle eines Toten und verhöhnt und hintergeht damit den Tod". Und so kann man Pulcinella letztendlich auch mit dem Meer, das Neapel, wo er herkommt, umgibt, vergleichen: "Dies ist das Meer: etwas ewig und irreparabel Mögliches – sichtbar gemacht. (...) Ich bin das Meer." Der Zweck des Spaßes: das Ungelebte als Scherz und Narretei zu zeigen. Pulcinella – wie das Meer - als Projektionsfläche für ungelebte Wünsche und das Begehren ewig zu leben. Zumindest als Idee.

Pulcinella oder Belustigung für Kinder
Giorgio Agamben
Marianne Schneider (Übersetzung)

Pulcinella oder Belustigung für Kinder


Schirmer/Mosel 2018
152 Seiten, gebunden
EAN 978-3829608527
64 farbige Abbildungen von Giandomenico und Giambattista

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