Kunst

Die Kunst der Modefotografie

Es reicht nicht aus, das Schöne und Besondere zu entdecken und festzuhalten, um ein guter Fotograf zu sein. Wer dies meint, befindet sich auf dem Holzweg, denn Objekte präsentieren sich dem Fotografen in den seltensten Fällen derart, dass er nur noch die Kamera draufhalten und auf den Auslöser drücken muss. Es ist der Blick des Fotografen, sein Gespür für Stimmung und Atmosphäre, sein Einfallsreichtum und seine Fantasie, die ihn dazu bringen, bestimmte Perspektiven einzunehmen, wenn er Dinge, Bewegungen oder Situationen mit seiner Kamera einfängt.

Für die Modefotografie gilt dies umso mehr. In diesem Metier ist es nicht ausreichend, einfach nur Attraktives auf Zelluloid bzw. einen lichtempfindlichen Sensor zu bringen. Hier ist es fast ausschließlich die Fantasie des Fotografen, die darüber entscheidet, ob eine Modelinie ankommt, Trends sich durchsetzen oder nicht. Der britische Fotograf Nick Knight gehört unter den Modefotografen zu den Großen seiner Zunft. Seine Arbeiten sind exzentrisch, geheimnisvoll, leidenschaftlich und experimentell. Stillstand existiert in seiner Welt nicht. Immer weiter entwickelt er sich und seine Arbeit, Wiederholungen gibt es in seiner zahlreichen Arbeiten kaum.

Dabei ist Knight kein typischer Fotograf. In London studierte er zunächst Humanbiologie und beschäftigte sich zunächst mit den Naturwissenschaften. Als er für seine Prüfungen neben Physik, Biologie und Chemie ein viertes Prüfungsfach benötigte, wählte er Fotografie – und fand sich selbst. „Ich fand plötzlich heraus, dass ich mich in der Fotografie selbst ausdrücken konnte“, wird Knight in der biografischen Textbeilage zu der im Sommer erschienenen Wiederauflage seines ersten Bildbands „Nicknight“ zitiert. Der Forscherdrang, den er in seinem naturwissenschaftlichen Studium nie so stark wahrgenommen hat, treibt ihn als Fotograf nach vorn.

Dementsprechend abenteuerlich sind seine Fotografien. Dieser Kitzel ist es, der den Betrachter verweilen und in die Tiefe der Bilder blicken lässt. Tatjana Patitz in der verführerisch-melancholischen Rolle einer modernen Marilyn Monroe, Linda Evangelista als lasziv-selbstbewusste femme fatale oder Kirsten Owen in adliger Blässe in und vor schlichtem Schwarz – all diese Bilder faszinieren und bezaubern in ihrer schlichten Eleganz. In Knights Repertoire müssen sie geradezu klassisch genannt werden. Seine Bilderserie für die Designerin Martine Sitbon lässt hingegen erahnen, was bei Nick Knight experimentell heißt. Mit ungewöhnlichen Entwicklungsmethoden, Überblendungen und digitalen Manipulationen provoziert er und zwingt zur Akzeptanz der neuen Möglichkeiten der Fotografie. Hier knallen die Farben und explodieren die Formen. „Die meisten Regeln der Fotografie stammen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“, meint Knight, doch diese Fotografie sei nicht die seine. Mit jedem Bild erobert er sich das Medium wieder aufs Neue, geht Risiken ein und wird allzu oft belohnt.

Seine neueste Entdeckung ist der Modefilm, noch eine Art Begleitprodukt bei der Fotosession, vielleicht bald sein eigentliches Anliegen, um Fotos zu machen. Der amerikanischen Modezeitschrift Vogue diktierte er in ein Videointerview, dass mithilfe der Modefilme eine völlig neue Kommunikation zwischen Modemachern, Models und dem Konsumenten entstehen könne. Endlich werde es so möglich, die Performanz beim Shooting, die er selbst als immens wichtig betrachtet, zu übertragen. In dem vorliegenden Bildband sind einige Bilder abgebildet, die ihn zur Idee des Modefilms geführt haben. Es sind scherenschnittartige Fotografien von Naomi Campbell, die einen roten Mantel des japanischen Modemachers Yohji Yamamoto präsentiert. Wie Knight in dem Vogue-Interview preisgibt, hörte das amerikanische Modell bei dem Shooting Musik von Prince und bewegte sich wie in Ekstase vor seinen Augen. Seit diesem Erlebnis sei er überzeugt, dass Mode unbedingt in Bewegung präsentiert werden müsse.

Sein lange vergriffenes erstes Buch „Nicknight“, mit ausgewählten Fotografien aus der gesamten Schaffensphase des Fotografen, liegt nun in einer prächtigen Neuauflage vor. Nur wenige der abgebildeten Fotografien in dem Band fallen dabei in die Kategorie „Liebhaberaufnahmen für Modenarren“. Die große Mehrzahl der ausgewählten Fotografien überzeugt durch den Einfallsreichtum und die stilistische Vielfältigkeit des Briten. Wie seine Bilder aus der britischen Skinheadszene, die noch in seinen Studienzeiten entstanden sind. Gleiches gilt für die geradezu ikonischen Aufnahmen aus seiner Serie „100 Portraits“, von denen keine Porträt dem anderen gleicht. Beim Betrachten seiner Aufnahmen für Jil Sander, Christian Dior, Yohji Yamamoto und Martine Sitbone gerät man unweigerlich ins Schwärmen. Dieser edle, in künstliches Wildleder eingeschlagene Band versammelt beeindruckende Bilder eines der kreativsten Köpfe der internationalen Modefotografie.

Nicknight
Nick Knight

Nicknight


Die Photographien von Nick Knight
Schirmer/Mosel 2009
159 Seiten, gebunden
EAN 978-3888146619

Porträt der Ureinwohner Amerikas

Die Indianer Nordamerikas wurden von Edwars S. Curtis zwischen 1907 und 1930 porträtiert und ein Werk aus 8 Bänden entstand, das in einer Auswahl nun beim Taschen Verlag erschienen ist. Eine fotografische Reise in eine versunkene Welt.

Lesen

Die lange Hand des Krieges

Kriegsbilder sind allgegenwärtig. Doch sobald die Waffen ruhen, werden die Bilder rar. Für die Betroffenen ist der Krieg damit aber noch lange nicht vorbei. Dieser eindrückliche Fotoband dokumentiert Schicksale aus elf Ländern.

Lesen

Die Frau, die in Hitlers Wanne badete

Auch sieben Jahrzehnte später ist Lee Millers Abrechnung mit den Deutschen eine lohnende Lektüre.

Lesen

Portrait einer Gesellschaft

Dieses Werk kann durchaus als Fotografie-Kompendium und kulturhistorisches Standardwerk, was die Geschichte der Fotografie betrifft, bezeichnet werden.

Lesen

Eine 3144 Kilometer lange Grenze und ihre Kunst

Von der Frage umtrieben, wie Millionen von Menschen im mexikanisch-amerikanischen Grenzland leben, fotografiert Stefan Falke seit fünf Jahren Kunstschaffende.

Lesen

Buchhinweis in eigener Sache

Eine Essay-Sammlung von Hans Durrer, der u.a. auch für rezensionen.ch schreibt.

Lesen
Jean-Michel Basquiat
Der Nasse Fisch
Diego Rivera
magnum manifesto
Mein Essen mit André
Portraits
Sandman
Superhelden
Batman. Der dunkle Prinz
Sandman. Ewige Nächte
Eat That Question
Die Revolution ist tot - lang lebe die Revolution!
by rezensionen.ch - 2001 bis 2018