Kunst

"Schönheit ist Persönlichkeit"

Schönheit ist kulturell definiert, ein Signum der Zeit, fixiert und starr - diesen Eindruck könnte man bekommen, blickt man in die reizüberflutete Welt der Postmoderne, in der die medialen Bilderfluten ein Schönheitsideal transportieren, das eher Last als Lust ist. Der abwechslungsreiche und hochklassige Bildband "Traumfrauen" setzt diesem Wahn die sinnlich-ästhetische Komponente der Schönheit entgegen und weicht von dem langweiligen Körperkult unseres Fitnesszeitalters ab. In dem Fotokompendium sind die Arbeiten der 50 weltbesten Fotografen versammelt, darunter Greg Delves, Tony Duran, David LaChapelle, Peter Lindbergh, David Munro und Bettina Rheims, um nur einige zu nennen. Mit der bunten Zusammenstellung von Künstlern und ihren Fotografien ist es der Herausgeberin Nadine Barth auf erfreuliche Weise gelungen, einer Beantwortung der Frage nach der weiblichen Schönheit nahe zu kommen, ohne dabei das kulturelle Diktat der Moderne, welches sich im generellen Schlankheitswahn und der Sehnsucht nach der absoluten Makellosigkeit äußert, zu bedienen. Der "destruktive Mechanismus" (Winfried Menninghaus), der sich durch die allgegenwärtige Präsenz zurechtgestutzter und herbeiretuschierter Maßstäbe in der medienverseuchten Moderne allen Widerständen zum Trotz hält, setzen die meisten Fotografien eine angenehme Natürlichkeit und Sinnlichkeit entgegen, die kein Skalpell und keine Botox-Kur schaffen könnte. Die bewusste Inszenierung der Modelle und deren ästhetische Wiederauferstehung in den versammelten Fotografien bewirkt die Loslösung dieser Bilder von dem medial erzeugten "globalen Flächenbrand" (Ingo Taubhorn) eines Schönheitsideals, dessen Vielfalt in der Eintönigkeit und Langeweile liegt.

Zugegeben, es wäre gelogen, wenn in "Traumfrauen" nicht auch ebendiese mageren Hüpfdolen vertreten wären - es geht ja auch um Modefotografie. Aber Ihnen gegenüber stehen Aufnahmen von ganz natürlichen Frauen. Weibliche Rundungen, Falten, Narben, Tattoos und Schweiß - all dies zeigt der Bildband eben auch und beweist, dass gerade darin Schönheit liegen kann. Neben den Ikonen der Modeindustrie (von Eva Herzigova bis zu Lauren Hutton) zeigt "Traumfrauen" auch zahlreiche Prominente (von Audrey Tautou bis Sharon Stone) und völlig unbekannte Modelle. "Der 'Femme Fatal' wird 'das Mädchen von nebenan' gegenübergestellt", so Nadine Barth in ihrem Vorwort. Ein Beweis mehr, dass Schönheit im Auge des Betrachters und somit auch in jeder Frau liegt. Schönheit liet im Bewusstsein über den eigenen Körper, die eigene Ausstrahlung, die eigene Wirkung auf andere. Dazu gehören auch die Spuren eines Lebens. Denn "wenn man das Alter aus dem Gesicht radiert, löscht man auch die Persönlichkeit", so der Fotograf Marc Horn und spricht damit eine Facette an, die in dem Bildband etwas zu kurz kommt.

Schönheit hat vor allem mit Emotion zu tun, meint die Fotografin Donna Trope, die in ihren Bildern zeigt, dass der hemmungslose Fluss von Tränen, hervorgerufen durch Wut und Verzweiflung, Trauer und Leid, durchaus schön sein kann. Schönheit kommt von innen und lässt das Außen strahlen. Äußerlichkeiten allein machen niemanden schön. Dies beweist auch Rankin’s Serie "One Dress", in der verschiedene Modelle mit ein und demselben Kleidungsstück abgebildet sind. Nicht Kleider machen Leute, sondern umgedreht wird ein Schuh draus.

Die verschiedenen Serien zeigen deutlich, welche Vielfalt im Bereich des Schönen herrscht, wie abwechslungsreich der global-mediale Schönheitswahn ad absurdum geführt werden kann, weil er auf der Idee einer Hülle beruht, nicht auf dem inneren Strahlen von Schönheit. Dies belegen eindrücklich die Bilder von Elaine Constantine, die die Grazien in den Diskos festgehalten hat und deren raue Magie in der Ekstase festhielt. Oder aber die Werke Pamela Hanson’s, die in ihren Bildern die Schönheit im "Schlichten und Naheliegenden" entdecken lässt. Oder Miles Aldridge’s "Homeworks", dessen schrille Fotografien irgendwo zwischen Swinging Sixties, Pop Art und Futurismus schweben. Zu guter Letzt David LaChapelles’ Serie "Heaven to Hell", in der der Amerikaner mit Katastrophenszenarien die Unabhängigkeit der Schönheit von den äußeren Umständen belegt.

Es sind nicht die Umstände, es ist der Moment, in der die Schönheit liegt. Dies macht eine zweite Neuerscheinung auf dem Fotografiemarkt deutlich. Der Bildband "Cuba Libre" zeigt die französische Schauspielerin Emmanuelle Béart in einem Hotel in Havanna. Die Nostalgie des Verfalls, die in der kubanischen Hauptstadt geradezu zelebriert wird, bildet den plastischen Hintergrund für die Fotografien, die zugleich an die Grenzen der Intimität und Existenzialität gehen. In einem anonymen Hotel hat sich die aus Theater- und Film bekannte Béart von der französischen Elle-Fotografin Sylvie Lancrenon aufnehmen lassen, nackt. Die entstandenen Fotografien lösen nur scheinbar die sinnlich-edle Unnahbarkeit Béart’s auf. Sie zeigen keine Wahrheiten oder Tatsachen, sondern nur das, was der Betrachter in ihnen zu erkennen glaubt: Stolz, Arroganz, Unnahbarkeit und Distanz, aber auch Sanftheit, Verletzbarkeit, Unschuld und der Blick nach innen - kurz die Schönheit einer Frau in ihrer Natürlichkeit. Die Fotografien wahren das Mysterium Béart, von dem keiner so genau weiß, worin es besteht. Sie zeigen die unnahbare Französin nie gestochen scharf, sondern immer hinter dem Schleier der tropischen Hitze Kubas. In sich gekehrt scheint sie die Kamera während der Aufnahmen vergessen zu haben und auf der Suche nach sich selbst gewesen zu sein.

Dadurch entsteht der Anschein einer Intimität, die nur die Fotografin mit ihrem Modell teilt. Man muss sich Nadine Barth’s Worte in Erinnerung rufen, die sie ihrem Bildband vorangestellt hat, um dieser bewussten Täuschung nicht zu erliegen. Denn "das Subjekt auf dem Foto ist längst zum Komplizen des Fotografen geworden." Beide haben schlicht und ergreifend einen guten Job gemacht. Béart, indem sie sich Atmosphäre und Fotografin vertrauensvoll ausgeliefert hat und Lancrenon, indem sie die Atmosphäre geschaffen und sie schließlich derart anmutig festgehalten hat. Resultat ist dieser einmalige Bildband, aus dem der Geist der Vertrautheit aufsteigt und den Anschein erweckt, der Betrachter wäre selbst zugegen. Die Fotografien sind in ihrer Schlichtheit exotisch-erotisch, fast anheimelnd und doch distanziert. Sie erzählen die Saga der lateinamerikanischen Sinnlichkeit unter französischen Vorzeichen neu.

Liegt der Mythos des Schönen also in der Schönheit selbst oder ist die Schönheit für sich Mythos und Mysterium? Über diese Frage könnte man stundenlang philosophieren, oder eben diese Bildbände zur Hand nehmen und die Fotografien auf sich wirken lassen.

Traumfrauen / Emmanuelle Béart - Cuba Libre
Nadine Barth
Sylvie Lancrenon

Traumfrauen / Emmanuelle Béart - Cuba Libre


Starfotografen zeigen ihre Vision von Schönheit / Erotische Photographien
2008
200 / 88 Seiten, gebunden
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