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Malte Herwig: Meister der Dämmerung

Vielschichtiger Peter Handke

Die Angriffe auf Peter Handke, als er den Nobelpreis für Literatur zugesprochen gekriegt hatte, hatten auf mich fast nur einen Effekt: Was seine Kritiker geschrieben haben, werde ich nicht lesen. Weder was sie zu Handke geäussert haben noch anderes. Denn ich habe einiges von Handke gelesen, auch sein Buch über Serbien, "Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien". Ich habe es verstanden als eine Gegenposition zu dem Einheitsbrei der westlichen Medien (die ganze Geschichte ist etwas vielschichtiger, wie ich von Malte Herwig lerne). Kriegshetze fand ich darin nicht. Überhaupt nicht.

Ich finde Peter Handke gelegentlich etwas sehr esoterisch, viel häufiger jedoch macht er mir bewusst, was auch mich umtreibt. Aus "Mein Jahr in der Niemandsbucht": "Ich lebte kaum mehr mit meiner Zeit, oder ging nicht mit, und da mir nichts je so zuwider war wie die Selbstzufriedenheit, wurde ich zunehmend gegen mich aufgebracht. Welch ein Mitgehen hatte sich zuvor ereignet, was für eine grundandere Begeisterung war das gewesen, in den Stadien, im Kino, auf einer Busfahrt, unter Wildfremden. War das ein Daseinsgesetz: kindliches Mitgehen, ausgewachsenes Alleingehen? Ich freute mich an meinem Alleingehen und war doch bedürftig des Mitgehens; und füllte mich jene Freude einmal aus, entbrannte ich nach den Abwesenden: Ich sollte die Fülle, damit dies gelte, augenblicklich mit ihnen teilen und weiten. Die Freudigkeit in mir konnte nur heraus in Gesellschaft, freilich in welcher? Indem ich für mich blieb, drohte ich zu verkümmern. Die neue Verwandlung wurde dringlich. Und anders als jene erste, die mich hinterrücks befallen hatte, würde ich sie diesmal selber in Gang setzten."

Malte Herwigs Handke-Biografie beginnt mit dem Satz "Alles ist Verwandlung", ein besserer Einleitungssatz, um Handkes Leben und Schaffen zu beschreiben, ist schwer vorstellbar. Um Selbsterkenntnis sei es dem in Kärnten Geborenen, dem dort und anderswo alles irgendwie unwirklich vorkam, wesentlich zu tun. Als zum Jähzorn Neigender, der gleichzeitig dazugehören und für sich bleiben will, beschreibt er ihn. So ein Widerspruch lässt sich nicht auflösen, man kann nur lernen, ihn auszuhalten.

Als Musterschüler und Ausnahmetalent, hochsensiblen Nicht-Dazu-Gehörigen, zweifelnden Rechthaber, Egozentriker mit einer Neigung zum Grössenwahn, so nehme ich ihn wahr. Er ist ein Einzelgänger, leidet aber darunter, nicht erkannt zu werden. Immer wieder betont Herwig, dass Handke die Einsamkeit brauche, die entscheidenden Ereignisse in der Innenwelt stattfänden. Eingermassen verblüfft nahm ich zur Kenntnis, dass sein Lieblingslehrer im Gymnasium sich nicht entsinnen konnte, ihn jemals lachen gesehen zu haben.

Mit Humor bringe ich Handke in der Tat nicht in Verbindung (laut herauslachen musste ich jedoch über Claus Peymann Bemerkung: "Bis zum heutigen Tag hat man immer das Gefühl, wenn man mit ihm telefoniert, stört man ihn gerade bei einer Seelenwanderung, so leise meldet er sich."), eher mit einem Popstar – seine Pilzfrisur machte ihn bei der Aufregung um die "Publikumsbeschimpfung" zu einer Art fünftem Beatle, jedenfalls in meinen Augen. Aus heutiger Sicht, wo nur noch Postautochauffeure, Schaffner und Banker lange Haare tragen, erscheint die damalige Zeit eigenartig exotisch.

Malte Herwig hat mit Familienangehörigen, ehemaligen Klassenkameraden, literarischen Mitstreitern aus dem Grazer Forum Stadtpark, Libgart Schwarz, Marie Colbin und vielen anderen geredet. Er schreibt flüssig und kenntnisreich, neigt jedoch gelegentlich dazu, Bedeutsames in Geschehnisse hinein zu interpretieren, die mir etwas arg weit hergeholt scheinen. So meint er zu Handkes Vornamen Peter: "Wenn es Zufall ist, dann jedenfalls ein passender, dass der in eine arme Familie mit slawischen Wurzeln Geborene den gleichen Vornamen trägt wie der im Exil lebende jugoslawische König Peter II." Auch liessen mich einige Sätze ziemlich ratlos: "Handke ist kein Angeber, dazu nimmt er sich selbst viel zu ernst." Wieso sollte das nicht zusammengehen? "Man kann Handke nur ganz haben oder gar nicht." So ein Schmarren! Und überhaupt: Wieso sollte man jemanden haben wollen?

Doch das sind Details und dürfen getrost vernachlässigt werden. Entscheidender ist, dass Malte Herwig, allein die Bewältigung des riesigen Stoffes ist eine Herkulesarbeit, in dieser überaus gelungenen Biografie einen höchst eigensinnigen, schwierigen, innerlich oft zerrissenen Menschen zeigt, der intensiv mit sich ringt und von dem ich mich bereitwilligst inspirieren lasse. "Und weil ich erkannt habe, dass ich selber mich durch die Literatur ändern konnte, dass ich durch die Literatur erst bewusster leben konnte, bin ich auch überzeugt, durch meine Literatur andere ändern zu können."

Handkes radikales Erforschen der Welt, der inneren wie auch der äusseren, ist eine  Aufmerksamkeitsschulung par excellence. Eindrucksvoller ist selten dargestellt worden, dass Schreiben Selbsttherapie ist, Rettung sein kann, momentane – nicht nur für den Schreibenden, auch für seine Leser.

"Meister der Dämmerung", diese Fundgrube für an grundsätzlichen Lebensfragen Interessierte, ist eine Meisterleistung – höchst differenziert, spannend zu lesen und aussergewöhnlich aufschlussreich.


von Hans Durrer - 21. August 2020
Meister der Dämmerung
Malte Herwig

Meister der Dämmerung


Peter Handke - Eine Biographie
Pantheon 2012
368 Seiten, broschiert
EAN 978-3570551998

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