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Sandra Lüpkes: Mein Juist

Das insulare Zauberland

Die ostfriesischen Nordseeinseln erscheinen aus nächster Nähe mitnichten als heimelige Orte für Romantiker, doch so viele erliegen ihrem herben Charme ganz und gar. Wer Juist für sich entdeckt hat, immer wiederkehrt oder die Insel gar, wie die Schriftstellerin Sandra Lüpkes, als "meine Heimat" bezeichnet, der ist dem Zauber einer naturgemäß nicht immer zauberhaften Inselwelt längst erlegen. Das "Inselkind" lebte nahe Göttingen und litt unter Asthma. So wurde in den grauen 1970er-Jahren das Juister Pastorat frei – und die Familie der Autorin wechselte den Wohnort. Der Pastor, seine Ehefrau, die als Krankenschwester arbeitete, und die Kinder, darunter auch Sandra, bezogen das "riesige Pfarrhaus in der Wilhelmstraße gegenüber dem Komposthaufen des Kirchfriedhofs". Nach einigen Jahren auf Juist führt ihr Weg aufs Festland zurück, der Schule wegen – und doch schließlich eines Tages zurück auf die Insel: "Die Liebe war der Grund." Der Liebe zu Juist wegen? Dieses Buch ist eine Antwort auch auf diese Frage.

Einen "insularen Prototyp" gebe es nicht, so Sandra Lüpkes, denn die Insulaner lebten aus ganz unterschiedlichen Gründen dort: "Mein Juist ist nicht dein Juist." Sie habe sich nie "richtig dazugehörig" gefühlt, zumindest nicht der "eingeschworenen Inselwelt". Juist habe ihr aber einen "inneren Kompass" eingepflanzt, "mit dem ich mich überall auf der Welt zurechtfinden kann": "Die Zeit auf Juist war meine Ausbildung zur Mikrokosmonautin." Wer auf Juist Zeit verbringt, werde "im Sand geerdet" und "von der Sonne geküsst" – und, das sollte nicht vergessen, auch an stürmischen Tagen fehlt es nicht, ebenso wenig am "Frieslandregen". Jeder zehnte Gast sei schon mehr als dreißig Mal auf der Insel gewesen. Juist also scheint eine Insel für eine stabile "Fernbeziehung" zu sein: "Die Stammgäste buchen bereits am Tag der Abreise den Urlaub für das nächste Jahr, damit sich die Sehnsucht dazwischen aushalten lässt." Verliebt in Juist? Andere Gäste, auch solche gibt es, wissen bald, dass sie nicht wiederkehren werden. Manche verbringen einfach auf Juist eine "gute Zeit", einige ein paar Wochen, andere ein paar Jahre und einige das ganze Leben hindurch. 

Juist liegt im Wattenmeer, die Überfahrten sind gezeitenabhängig. Nicht alle Reisenden bringen für den nur bedingt möglichen Fährverkehr Verständnis auf: "Das Dirigat des Wasserstandes prägt das Juister Lebensgefühl. Jede Reise will gut organisiert, der Fahrplan zwischen Norddeich und Juist akribisch studiert sein. Hat man sich vertan und kommt nur eine Viertelstunde zu spät an die Mole, verkündet die Leuchtschrift am Hafen erbarmungslos die nächste Abfahrt erst am kommenden Tag." Es gibt aber auch Flugzeuge und Schnellboote zur Insel, sodass sich das Drama einer Obdachsuche für eine Nacht in Norddeich vermeiden lässt. Die Nordsee lehrt ohnehin Gelassenheit und hält aufgeregten Menschen durch ihr Rauschen eine stille Predigt. Die Insulaner tragen im Übrigen weder eine Seemannsmütze noch Fischerhemden – und auf anderen Inseln verhält sich das natürlich nicht anders. 

Auf Juist kann die "Stille hinter dem Meeresrauschen" zu einer Herausforderung werden – besonders für Menschen, die Leben mit Lärm identifizieren oder meinen, ohne sogenannte Abwechslungen nicht auskommen zu können. Andere genießen es, wenn Diskurse – ob über Politik, Gott und die Welt – einfach vom leisen Seewind fortgetrieben werden. Man mag noch so viel reden, die Stille gewinnt, zumindest auf Juist. Die Nordsee bringt die Dinge ins Gleichgewicht, allein das ist so wohltuend. Sandra Lüpkes indessen meint: "Machen wir uns nichts vor, die Nordsee hat viele Macken. Sogar im Hochsommer ist sie immer etwas zu kabbelig zum Schwimmen und ein paar Grad zu kalt zum Plantschen. Sie ist niemals glasklar und azurblau wie das Meer auf den Malediven, beim Schnorcheln kann man keine kunterbunten Fischlein beobachten oder mit handzahmen Oktopussen spielen." Allerdings sei auch das "Meeresleuchten" an der Nordsee sichtbar, und natürlich wird ein Reisender, der an der Nordsee die Malediven entdecken möchte, diese nicht finden. Sandra Lüpkes schreibt: "Die Nordsee besticht durch ihr übernatürliches Wesen."

Die Juister und die Gäste der Insel sind dankbar für ihre tierischen Mitbewohner, nämlich die gleichmütig trappelnden, allgegenwärtigen Pferde, trotz ihrer Hinterlassenschaften, die im Winter von den Einheimischen vor den Haustüren zusammengefegt und entsorgt werden: "Die ersten Pferde auf Juist wurden bereits 1530 erwähnt. Sie lebten wild in den Dünen, ernährten sich von Kräutern und waren menschenscheu. Woher sie stammten, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Entweder waren es die Nachkommen schiffbrüchiger Tiere, die sich zur Insel gerettet haben. Oder das ostfriesische Herrscherhaus hatte zwecks Zucht Rösser nach Juist verschafft. … Trotz aller Umstände, die mit der Autofreiheit einhergehen, haben sich die Juisterinnen und Juister stets gegen die Einführung der wesentlich unaufwendigeren Elektrokarren entschieden. Juist ohne Hufgetrappel? Undenkbar." Wer je auf Spiekeroog zu Gast war, wird sich vielleicht auch denken mögen, dass die Inselwelt ohne die surrenden Fahrzeuge sehr viel schöner und geräuschärmer ist. Die insulare Gelassenheit kennt aber Grenzen. Sandra Lüpkes weist darauf hin, dass man "nur einmal kurz und knapp »Moin«" sage, ein "absolutes No-Go" sei die mancherorts übliche, womöglich noch lächelnd vorgetragene Variante "»Moin, Moin«" oder ein "»Guten Moin«"-Gruß.

Wer dieses Lesebuch mit Juist-Impressionen von Sandra Lüpkes liest, wird vielleicht ermuntert, diese ostfriesische Insel für sich zu entdecken und auch wiederzukehren. Leserinnen und Leser, die das insulare Zauberland bereits kennenlernen durften, werden sich an eigene Episoden und Begebnisse auf Juist erinnern und Fernweh bekommen. Dieser lesenswerte Band weckt neue Lust aufs Reisen. Richtig ist auch der bereits erwähnte Gedanke: "Mein Juist ist nicht dein Juist." Das stimmt, denn mein Juist wirkt wesentlich gelassener und entspannter als die hier vorgestellte Inselwelt. Subjektive Eindrücke können aber immer täuschen oder der Ergänzung bedürftig sein. Zu einer Reise nach Juist lädt dieses Buch ein. Auch ich dachte, als ich mit Sandra Lüpkes die Insel für mich lesend neu erkundet hatte: Ich bin schon viel zu lange nicht mehr dort gewesen. Es wird Zeit für eine Reise nach Juist. Daran habe ich gedacht – und Ihnen wird es vielleicht auch so ergehen, wenn Sie dieses schöne Buch als Einladung verstehen.


von Thorsten Paprotny - 28. März 2022
Mein Juist
Sandra Lüpkes

Mein Juist


Marebuchverlag 2022
189 Seiten, gebunden
EAN 978-3866486751

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