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Annette Pehnt: Mein Amrum

Verwaschenes Himmelweiß und blasses Nebelblau

Nordfrieslands Weite und herbe Schönheit mit Kinderaugen zu sehen, ist nicht jedem vergönnt und geschenkt. Annette Pehnt denkt an Amrum zurück, an die Nordsee, an die Salzwiesen und an ihre eigenen Inselerfahrungen. Sie lässt die Leserinnen und Leser auch an Träumen teilhaben. In ihren Beschreibungen werden Naturerfahrungen auf fantasievolle Weise mit Gedanken und Sehnsüchten verwebt. So entsteht ein feines Geflecht über lichtreiche "Sommerorte": "Die Inseln meiner Kindheit waren immer andere, nie kehrten wir zum gleichen Ort zurück. Auf jeder Insel wünschte ich mir, bleiben zu können, in einem der alten Häuser am Hafen, oder am Rand der Pinienwälder. Einfach bleiben, Schafe halten, endlich einen Hund haben, ein Ruderboot am Steg, einen Platz in der Dorfschule." Ein Kindheitstraum immerhin geht in Erfüllung: Annette Pehnt und ihre Hündin beginnen viele Jahre später, gemeinsam Amrum zu entdecken. Wer auf diese Insel fährt, hat vielleicht Abschied genommen von Reisen, die "lehrreich, aber unübersichtlicher" waren: "Auf Amrum ortskundig zu werden scheint ein bescheidenes Ziel, aber um es zu erreichen, braucht es nicht weniger Zeit und Sorgfalt als in einem weitläufigen Gelände."

Annette Pehnt erkundet die Insel liebevoll schreibend. Die Reisen nach Amrum seien "nicht dazu gedacht, klüger zu werden", aber "ortskundiger". Es handele sich um "bescheidene Reisen". Die Insel wird der Reisenden vertrauter, und das genügt. Anders gesagt: Besichtigungen von steinernen Monumenten der Kulturgeschichte mögen scheinbar höheren Zwecken dienen, das Kennenlernen ferner Länder ebenso, aber der einen oder dem anderen genügt eines Tages, manchen früher, anderen später, die "einfache Sommerfrische". Doch nicht einmal die Nordseeinsel Amrum ist das nahegelegene Paradies, aber es erinnert doch ein wenig an einen solchen Ort, der eher im Meer der Sehnsucht gelegen ist als in der rauen Wirklichkeit dieser Welt: "Auf Amrum gibt es nichts zu fürchten. Deswegen fahren die Leute dorthin. Das war nicht immer so, und nicht für alle. Immer gibt es auf einer Insel das Wetter zu fürchten, auch auf Amrum gab es Sturmfluten, auch dort werden Leute krank, zerbrechen Familien, ich weiß." Annette Pehnt verklärt die kleine Welt der Insel nicht, aber sie weiß oder scheint zu wissen, dass die Ausblicke nach oben, zur Wolkenpracht am Himmel, ebenso wie die Aussicht auf die Nordsee, die Salzwiesen oder das Wattenmeer einfach schön und kostbar sind – und die Ruhe schenken, der wir doch so sehr bedürfen. Die Autorin schreibt, dass sie "inselgewöhnt" sei und die "Begrenzungen der Insel" brauche: "Ein Land mit Rändern, ein Land, das ich vom Leuchtturm aus überschauen kann, eine einfache Situation. Wenn der Entschluss zu einer Insel gefasst ist, kann ich diese Insel erforschen, als sei sie die ganze Welt." Wer auf eine Insel zurückkehrt, freut sich über die "bekannte Aussicht". Manche Reisenden "prüften nur rasch, ob noch alles beim Alten war" – und niemand wünscht sich Veränderungen. Auf der Fähre erzählen viele Reisende ihre eigenen Inselgeschichten: "Geschichten von ersten Blicken in der Dorfkirche, von windstillen Momenten in der Vogelkoje, vom aufreißenden Himmel; von lila Blaubeerlippen und Sahnewolken im schwarzen Tee. Fantasien: dazugehören, das Wetter spüren, unter einem Reetdach wohnen, die Zeit vergessen. Atmen können." Amrum erscheint ihr wie ein Ort, "der auf mich wartet" – und vielen anderen Reisenden ergeht es auch so, wenn sie immer wieder zurückkehren. Wer mit der Fähre anreist, steigt "feierlich" zur Insel herab. 

Annette Pehnt berichtet, wie sie Amrum erlebt: "Sich nicht auskennen: ein ziellos schweifender Blick, der Blick über das Wasser an einem diesigen Tag. Ich sehe weit, weiter als in begrenzten, verstellten Landschaften, aber ungenau. Wer so lange schaut, wird leer und gedankenfrei." Eine beängstigende oder eine beglückende Erfahrung? Wer sich davor fürchtet, wird auf Inseln nicht zur Ruhe kommen. Doch das Meer schenkt Gelassenheit. Die Autorin berichtet von Streifzügen über die Insel und vertraut ihren Wahrnehmungen, fürchtet sich auch nicht, sich zu verirren, doch sie könne sich "verlieren in der kleinen Schönheit des Watts": "Wo die Insel aufhört und wo das Meer anfängt, kann ich nicht erkennen; im unbestimmten Licht verschieben sich die Flächen, der Strand von Prielen durchzogen, der Sand dunkel gewellt wie Wasser. Blautöne verlaufen ineinander, und der Wind weht stärker, bis ich mir die Kapuze über die Ohren ziehe." 

Die Farben der Insel sind schwer beschreibbare Übergänge. Auch der Sand beginne zu fließen: "Sand und Wasser lösen sich ineinander auf." Annette Pehnt nähert sich mit Wörtern an, spielt damit, gestaltet sie, versuchsweise – ob "wassergrauhell" oder "verwaschenes Himmelweiß", "blasses Nebelblau" und "muschelfahl". Wer die See kennt und sich die Landschaften vergegenwärtigt, der erahnt die Grenzen der Beschreibbarkeit und die Schönheit, die angeschaut, aber in Sprache nicht erfasst werden kann: "Ich wünsche mir einen Aquarellblock, einen dicken Pinsel und sehr viel Talent. Denn vielleicht käme ich mit Farben weiter als mit der Sprache. Weil die Wörter eben genau bei der einen Farbe aufhören und bei der nächsten anfangen. Und weil wir in Begriffen denken, die das eine sind und nicht das andere. Meer ist Meer, und Himmel ist Himmel. Aber wie kann ich die Übergänge beschreiben? Die Zustände, wenn es keine klaren Linien gibt, sondern Farbfelder, die sich ineinander auflösen, Wasselnebelwolken, was ist das?" Die Verfasserin deutet immer wieder "Übergänge" an, die "vielleicht nirgendwo hinführen", eine Art "Vielfarbe", die sich in den "Schattierungen der Insel und den unklaren Verläufen unseres Lebens abbildet". Sie erwägt, ob dies ein "freierer Zustand" sei. Diese ahnungsvollen Gedanken zeigen, dass die künstlichen Ordnungsprinzipien, die dem Leben Struktur und Stabilität verleihen sollen, städtisch selbstgemacht, planvoll erdacht und schulisch exerziert werden. Wer die Inseln besucht, der erfährt und weiß, aus uns muss nicht erst etwas oder jemand werden, wir können und dürfen schon sein. Auch Amrum offenbart dem Reisenden weder im Ganzen unerhebliche, aber als existenziell wichtig präsentierte Klassenziele noch irgendein Motivationstraining oder säkulares Leistungsbewusstsein. Die Insel drängt sich nicht auf, aber ihre Schönheit betört, wie das Farbenspiel des Meeres und der Wolken. Annette Pehnt schreibt: "Auf Amrum sind die Tage eine Reihe, eine Geschichte ohne Spannungsbogen." Was manchen vielleicht schwer erträglich erscheint, empfinden andere als bloß wohltuend. Es geschieht nichts, doch wer eine Weile bleiben und auf Amrum zu Gast sein darf, der mag sich wohlfühlen, Frieden finden, erholen und entspannen – und eines Tages dankbar wiederkehren. Diesem wunderschönen Inselbuch sind viele Leserinnen und Leser zu wünschen.


von Thorsten Paprotny - 31. Mai 2022
Mein Amrum
Annette Pehnt

Mein Amrum


Marebuchverlag 2019
128 Seiten, gebunden
EAN 978-3866482937

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