Literatur

Italienischer Abgrund

Grausamer kann ein Kriminalroman kaum beginnen, als es das neue Werk des italienischen Kriminalautors Massimo Carlotto tut. Die zwei Kriminellen Beggiato und Oreste überfallen im Kokainrausch einen Juwelier. In allen Details wird die anschließende Flucht beschrieben, auf der Beggiato skrupellos einen kleinen Jungen und seine Mutter erschießt. Dennoch wird er festgenommen und zu lebenslanger Haft verurteilt wird, während seinem Komplizen die Flucht mit der Beute gelingt. Fünfzehn Jahre später wendet sich der kaum geläuterte Beggiato in einem Brief an den zurückgebliebenen Familienvater und bittet ihn, sein Begnadigungsgesuch gutzuheißen. Er sei schwer krebskrank und bitte daher um die humane Geste, die letzten Tage seines Lebens in Freiheit verbringen zu können. Doch der von der "dunklen Unermesslichkeit des Todes" zerstörte Witwer ist unfähig, Gnade erteilen zu können: "Um verzeihen zu können, muss man Gefühle empfinden, ein Leben haben."

Gefühle sind in Carlottos Kriminalromanen Mangelware. Vielmehr sind sie geprägt von der außergewöhnlichen Kälte und Brutalität der italienischen Unterwelt. Der Italiener, als Sympathisant der extremen Linken einst selbst im Mittelpunkt eines Mordprozesses, deckt mit dem Seziermesser eines Gerichtsmediziners die Abgründe der italienischen Gesellschaft auf, thematisiert die dunklen Seiten des italienischen Dolce Vita: Erpressung, Korruption, Raub, Mord und Totschlag. Italien als Täuschung, dessen wärmende Sonne Tag für Tag im blutigen rot des organisierten Verbrechens versinkt. Dabei rückt Carlotto nicht nur die italienische Verderbnis der Gewalt in den Mittelpunkt seiner packenden Erzählungen, sondern macht auch deutlich, wie sehr in jedem Einzelnen das Dunkel des Verbrechens ruht. Er macht mit den einfachsten Mitteln deutlich, wie wenig das Individuum davor gefeit ist, nicht selbst zum brutalen Gesetzesbrecher zu werden. Der Mensch als Tier! Carlotto macht sich zum Epimetheus der Moderne und vollzieht das Verbotene: Er öffnet die Büchse der Pandora und lässt das Unheil in die Welt seiner Leser strömen. Auch in "Die dunkle Unermesslichkeit des Todes" vollzieht sich dieser von der Not und dem Leiden hervorgerufene Prozess der menschlichen Brutalisierung.

Massimo Carlotto, 1956 in Padua geboren, zählt zu Italiens berühmtesten Autoren. Dass er dies heute ist, kommt einem Wunder gleich. Denn um Carlotto selbst dreht sich einer der kontroversesten Gerichtsprozesse der modernen italienischen Rechtsgeschichte. 1976 findet er die Leiche der italienischen Studentin Margherita Magello und wird selbst des Mordes verdächtigt. In dem folgenden Prozess wurde er zunächst aufgrund der schlechten Beweislage freigesprochen, doch da er seine Unschuld nicht nachweisen konnte, verurteilte ihn das venezianische Gericht zu 18 Jahren Haft. Carlotto floh mit einer Zwischenstation in Paris nach Mexiko, wo er jedoch später festgenommen und an Italien ausgeliefert wurde. Nach starken öffentlichen Protesten hob der damalige italienische Präsident Oscar Luigi Scalfaro 1993 das Urteil auf und Carlotto kam frei. Diese Erlebnisse und Erfahrungen verarbeitet der Italiener seither in seinen zahlreichen Kriminalromanen, die er seit 1995 publiziert hat. Seine Lebensgeschichte und die damit verbundene Authentizität haben den Romancier in seiner Heimat zu einem gefeierten Star gemacht. Insbesondere seine eigenen Knasterfahrungen lässt er immer wieder in beeindruckender Weise in seine Kriminalromane einfließen. Insgesamt vierzehn Romane hat er in den vergangenen Jahren verfasst, in den kommenden Wochen erscheint in seiner Heimat sein fünfzehnter. Für seinen letzten Krimi Mi fido di te (Mein Vertrauen nach Dir) erhielt er im vergangenen Jahr den italienischen Buchpreis und auch mit dem nun auf Deutsch vorliegenden Titel "Die dunkle Unermesslichkeit des Todes" hat er die deutschen Krimi-Bestenlisten in Windeseile gestürmt.

In diesem Kriminalroman ist dem zurückgebliebenen Contin durch den Verlust seiner geliebten Familie eine Rückkehr in das Leben unmöglich. Nicht genug, dass ihm alles, was Leben bedeutete, aus den Händen gewaltsam gerissen wurde. Nun soll er auch noch Menschlichkeit beweisen - eine Eigenschaft, deren konkreter Inhalt für ihn vor 15 Jahren verloren gegangen ist. Contin ist seit dem Doppelmord an seiner Familie kein Mensch mehr, er ist nur noch eine wandelnde Leiche, die das Ende herbeisehnt. Das Schreiben Beggiatos weckt in ihm die Bestie. Es keimt in ihm die Hoffnung, diesen dazu zu bringen, seinen Komplizen im Austausch gegen seine Unterstützung des Gnadengesuchs zu nennen. Contin ist jeder Preis recht, um den Mörder seiner Familie zu finden, während Beggiato hintertrieben an seiner Freilassung arbeitet, ohne einen Funken Reue zu empfinden. Ein Wettlauf um den strategischen Vorteil beginnt, in dem alles Offensichtliche hintertrieben ist und keiner der Beteiligten mit offenen Karten spielt.

So spannt Carlotto auf geradezu kaltblütige Weise ein Netz aus Lügen und Intrigen in dem sich die Rollen der Betrüger und Betrogenen übereinander vermischen und keine klare Zuordnung mehr möglich ist. Die sicher geglaubten Fassaden beginnen zu bröckeln, kein Stein bleibt mehr auf dem anderen, das Unfassbare nimmt Gestalt an. Kategorien wie Täter und Opfer, Gut und Böse, Richtig und Falsch geraten ins Rutschen und verlieren schließlich ihre Relevanz. Es ist das Skrupellose, Sündhafte, Kriminelle, schlichtweg das Böse, welches in Carlottos Romanen den Sieg davonträgt und dem Leser triumphierend ein friedvolles Ende verweigert. Diesem bleibt nur, in sich zu gehen und sich zu fragen, welches Italienbild das richtigere ist: das eigene, mit dem erhofften glücklichen Ausgang oder das des italienischen Autors, in dem Ethik und Moral über den Haufen geworfen werden, weil sie in dieser Gesellschaft schlichtweg nutzlos und hinderlich geworden sind.

Die dunkle Unermesslichkeit des Todes
Massimo Carlotto

Die dunkle Unermesslichkeit des Todes


Klett-Cotta 2008
188 Seiten, gebunden
EAN 978-3608502008
aus dem Italienischen von Hinrich Schmidt-Henkel

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